Earl of Chesterfield: Über die Kunst, ein Gentleman zu sein © Manesse
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Briefe an seinen Sohn - Earl of Chesterfield: "Über die Kunst, ein Gentleman zu sein""

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Philip Dormer Stanhope, vierter Earl von Chesterfield, ist heute vor allem für ein Buch bekannt, das er nie veröffentlicht sehen wollte: "Letters to His Son on the Art of Becoming a Man of the World and a Gentleman". Das Buch versammelt Briefe, die der Earl an seinen Sohn schrieb, um ihn zu einem erfolgreichen Mitglied der englischen Oberschicht zu machen – immerhin mehr als dreißig Jahre lang.

Erst nach seinem Tod – und dem des Sohnes – gab die Schwiegertochter die gesammelten Briefe heraus. Jetzt ist eine reichhaltige Auswahl in einer brillanten deutschen Neuübersetzung erschienen. Aber ist diese Art von Männerbuch überhaupt noch zeitgemäß, obendrein mit einem feudalen Hintergrund?

Wir leben in ganz anderen Zeiten als der Earl of Chesterfield. Dennoch existiert offenbar ein anhaltendes Interesse am Konzept des Gentleman. Ein großformatiges, üppig bebildertes Buch dieses Titels erklärt dem deutschen Leser seit Jahren, wie man eine Krawatte bindet oder bei welchem Schneider man am besten einen Maßanzug in Auftrag gibt. Das wäre eine der möglichen Definitionen des Begriffs: Gentleman ist, wer sich zu kleiden weiß.

Zeitlos moderne Charaktereigenschaften

Es gibt aber auch ein anderes Buch gleichen Titels, dessen Autor – Martin Scherer ist sein Name – klug behauptet, dass der Gentleman sich eben nicht durch Kleidungsstücke auszeichne, sondern durch ein bestimmtes Ethos. Es gehe um Stil und um Anstand, und nach denen könne jeder streben, ob adlig oder nicht. Das gilt übrigens auch für Frauen: Die englische Sprache kennt durchaus den Begriff der "gentlewoman".

Die vielleicht schönste Definition stammt jedoch von John Henry Newman, einem englischen Geistlichen des neunzehnten Jahrhunderts: "Ein Gentleman fügt niemals Schmerz zu", schrieb der Kardinal in einem berühmt gewordenen Essay. Weniger "toxisch" kann Männlichkeit nicht sein. Hier erkennen wir, dass der Gentleman vermeintlich "alter Schule" keineswegs ausgedient hat. Seine Charaktereigenschaften sind zeitlos modern.

Das beste aller Erziehungsbücher?

Und der Earl of Chesterfield? Er definiert den Gentleman nicht nur über dessen Zurückhaltung, er hält auch ein gewisses Maß an Gefälligkeit für sinnvoll. Das brachte ihm ein vernichtendes Urteil des berühmten Samuel Johnson ein: Er predige "die Moral einer Hure und die Manieren eines Tanzlehrers", empörte sich der führende Intellektuelle seiner Zeit über die Ratschläge des Earls.

Man kann es freilich auch mit Voltaire halten, der das Buch seinerzeit zum "besten aller Bücher über Erziehungsfragen" erklärte. Darauf deutet schon der teilnahmsvolle Tonfall dieser Briefe hin. Wenn sich der Earl of Chesterfield brieflich an seinen Sohn wendet, entspricht er keineswegs dem alten Klischee vom steifen, gefühlskalten Engländer.

Obwohl er bisweilen Weisungen ausspricht, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lassen, appelliert er doch lieber an den guten Willen und die Vernunft des Sohnes, statt autoritär zu befehlen. Erstaunlicherweise gilt das schon für die allerersten Briefe, die noch an einen Fünfjährigen gerichtet sind.

Eine Schatztruhe treffsicherer Formulierungen

Dass unser Georg Christoph Lichtenberg sich für diese Briefe erwärmen konnte, leuchtet unmittelbar ein, denn sie stecken so voller treffsicherer Formulierungen, dass man ohne große Anstrengung eine reichhaltige Sammlung von Aphorismen daraus extrahieren könnte. Hier hat auch die deutsche Auswahl noch einmal verdichtend gewirkt.

So heißt es zum Beispiel: "Tiefe Gelehrsamkeit ist für gewöhnlich von Pedanterie befleckt; andererseits sind höfische Eleganz und Weltläufigkeit allzu oft nicht von Wissen gestützt". Wenn man "höfisch" durch "politisch" ersetzt, erhält man einen fast tagesaktuell anmutenden Kommentar. Kein Wunder: Der Earl of Chesterfield war ein einflussreiches Mitglied des Oberhauses, er kannte sich im politischen Tagesgeschäft aus.

An anderer Stelle heißt es: "Du solltest einen eigenen Willen und eine eigene Meinung haben und standhaft daran festhalten, dies aber mit guter Miene, guter Erziehung und mit Gewandtheit tun". Dem Vater ist erkennbar daran gelegen, dass der Sohn lernt, selbst zu denken, statt anderen nachzuplappern.

Der Gefälligkeit, die er einfordert und die Samuel Johnson noch so empörte, haftet dabei, recht betrachtet, nichts Kriecherisches an. Vielmehr beinhaltet sie "eine feine Ungezwungenheit in Betragen und Haltung, gänzlich frei von den Winkelzügen, schlechten Gewohnheiten und Plumpheiten". Ein Gentleman fügt eben keinen Schmerz zu, nicht einmal durch schlechte Manieren.

Ungehobelt nach Dresden

Ein Inbild des Gentleman ist der früh verstorbene Philip Stanhope wohl dennoch nicht geworden. Er hat es als unehelicher Sohn allerdings auch nicht ganz leicht gehabt. Zwar zog der Vater ihn im eigenen Haushalt groß und protegierte ihn nach Kräften, doch der König wollte ihn wegen des Makels der Herkunft für höhere diplomatische Positionen nicht einsetzen. Erschwerend kam hinzu, dass Philip Stanhope ein eher ungehobelter Zeitgenosse von überschaubarer Begabung gewesen zu sein scheint. So wurde er schließlich Gesandter in Dresden. Es muss ein wenig so gewesen sein, wie wenn heute ein Politiker nach Brüssel weggelobt wird.

Für die Wirksamkeit des Buches kann also nicht garantiert werden: Wer vorher ein Grobian war, wird wahrscheinlich auch nach der Lektüre einer sein. Aber eines kann ohne Einschränkungen verbürgt werden: Dies ist Buch, das zu lesen sich wegen seiner Klugheit, seiner Menschenfreundlichkeit und seines formvollendeten Stils lohnt. Der Übersetzer Gisbert Haefs, selbst ein renommierter Autor, hat für das elegante Englisch des Originals ein federndes deutsches Äquivalent gefunden. Großartig!   

Steffen Jacobs, rbbKultur

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