Edward Snowden: Permanent Record; Montage: rbbKultur
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Bestseller-Check - Edward Snowden: "Permanent Record"

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Der ehemalige Geheimdienst-Mitarbeiter Edward Snowden riskierte alles, um das System der Massenüberwachung durch die US-Regierung offenzulegen. Im russischen Exil hat er seine Geschichte aufgeschrieben. Seine Autobiografie steht jetzt auf Platz 2 der SPIEGEL-Bestseller-Sachbuch-Liste – zu Recht?

Seit er 2013 bekannt gemacht hat, dass die US-amerikanische National Security Agency (NSA) die ganze Welt abhört, weiß man: Edward Snowden versteht viel von Computern, Überwachungs-Technologien und Verschlüsselung; und davon, wie man sie hackt. Das garantiert natürlich nicht, dass eine solche Person auch ein fesselndes Buch schreiben kann. Doch Snowden ist genau das gelungen. Bislang nicht dafür bekannt, Privates in den Vordergrund zu stellen, erzählt er "meine Geschichte" bis zum heutigen Exil in Moskau. Laut Danksagung hat ihn der Schriftsteller Joshua Cohen angelernt und unterstützt. Aber ein Co-Autor im engeren Sinne war Cohen offenbar nicht.

Angeborene Streberhaftigkeit

Snowden, Jahrgang 1983, bekennt sich zu "angeborener Streberhaftigkeit", doch auf seine Ambitionen in der Schule ist das gewiss nicht gemünzt. Dort war er eher ein Versager. Der Knabe Edward, Sohn einer Juristin am Bundesbezirksgericht und eines Beamten der Küstenwache, wuchs nahe des NSA-Hauptquartiers in North Carolina auf und wollte immer nur vor den neuartigen digitalen Kisten sitzen, die sich allmählich ins Alltagsleben der Amerikaner drängten. Er wollte mit ihnen spielen, aber längst nicht nur. Er schraubte an der Hardware herum, lernte zu programmieren, bastelte an ersten Netzwerken herum. Es war der Computer, der ihm buchstäblich den Schlaf raubte.

Böser Verdacht

Seinem Land dienen, war für Snowden eine Selbstverständlichkeit. Doch er musste die Armee nach einem Unfall bald verlassen. Dafür machte er als externer CIA- und NSA-Mitarbeiter Karriere. Er verfügte als auffallend kompetenter System-Ingenieur über weitreichende Befugnissen und verschaffte sich so den großen Durchblick. Er verdiente viel Geld, lernte Lindsay kennen, es lief prima. Aber als er, nach Hawaii versetzt, die totalitären chinesische Überwachungstechniken analysieren sollte, kam ihm ein böser Verdacht: Wenn die NSA so genau über chinesische Machenschaften Bescheid weiß – treibt sie selbst etwa Ähnliches?

Das Doppelleben beginnt

Ein raffiniertes, gefährliches, anstrengendes Doppelleben beginnt. Snowden implantiert im NSA-Netzwerk ein allseits bewundertes internes Informationssystem, das ihm zugleich die Beweise dafür liefert, dass die NSA alle digital aktiven Menschen des Planeten ausforscht und die Ergebnisse speichert. Das Material ist bestens gesichertes NSA-Eigentum. Snowden geht bei der trickreichen Ausschleusung der Beweise bis zum Äußersten: "Ich traf die Vorbereitungen eines Mannes, der damit rechnet, zu sterben." Das klingt pathetisch, war in seiner Situation aber nicht unrealistisch.

Rechtliche, ethische und weltanschauliche Gründe machten Snowden zum Whistleblower

Der Computer-Freak und Patriot Snowden war lange Zeit ein eher unpolitischer Mensch. Erst als er mehr von Überwachung verstand, als die meisten Mitarbeiter selbst der NSA, erwachte der kritische Geist alias sein Gewissen in ihm. Vor allem zwei verwandte Hauptmotive macht Snowden für seinen krassen Seitenwechsel geltend. Zu einem hält er die NSA-Ambitionen, die digitale Kommunikation aller Menschen auszuforschen und zu speichern, für einen Verstoß gegen die amerikanische Verfassung, zumal jene Verfassungszusätze, in denen die Macht der Regierung zur Überwachung eingeschränkt wird. Zum anderen entwickelte sich Snowden zu einem Verteidiger der Privatsphäre. Er wollte (und will) nicht in einer Welt leben, in der Geheimdienst-Server das eigene Leben gründlicher kennen als man selbst. Es waren also zugleich rechtliche, ethische und weltanschauliche Gründe, die ihn dazu brachten, die Welt vor den Machenschaften solcher Leute, wie er einer war, zu warnen.

Verwandlung der Welt

Snowden hat bei der CIA und der NSA unterrichtet. Er kann komplexe technische Zusammenhänge gut erklären. Man versteht als Laie, worum es im großen Ganzen geht – wenn auch natürlich nicht in allem Einzelheiten, die Snowden im übrigen ausspart. Dabei steigert sich alles ganz allmählich. Denn Snowdens Lebensgeschichte entfaltet sich parallel zur Geschichte der flächendeckenden Digitalisierung. Er schildert, quasi im Nebeneffekt, die Verwandlung der Welt. Er hat noch selbst die simpelsten Computerspiele auf dem Nintendo gespielt. Er hat die Anfänge des Internets als große Freiheits-Verheißung miterlebt – und den Fortgang als Kommerz-Beschleuniger, als Daten-Raub-Agentur, als das gründlichste Überwachungs-Instrument aller Zeiten. Man bekommt eine Menge mit von den Wechselwirkungen zwischen Technik und Gesellschaft, Technik und Individuum, Technik und Politik, Technik und Verantwortung.

Alles passt zusammen

"Permanent Record" fesselt von Anfang bis Ende. Ja, Snowden lässt durchblicken, dass er ein großes Cleverle ist. Und dass seine Lebensgeschichte in die Weltgeschichte ragt, verleugnet er auch nicht. Aber es fehlt nie an Witz und Selbstironie, an lakonischen Sentenzen; stärker noch als seine Stärken betont Snowden Schwächen, Krankheiten, Depressionen. Er wirkt sympathisch, aber nicht zu sehr; er duzt seine Leser, aber er schmeisst sich nicht an sie ran. In diesem Buch passt alles zusammen: die wahre Geschichte, die packende Art des Vortrags, die Relevanz.

Arno Orzessek, rbbKultur

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