Elena Ferrante: "Tage des Verlassenwerdens" © Suhrkamp
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Roman - Elena Ferrante: "Tage des Verlassenwerdens"

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Mit ihrer vier Bände umfassenden "Neapolitanischen Saga" ist eine unter dem Pseudonym Elena Ferrante schreibende Autorin zu Weltruhm gelangt. Ebenso groß wie die Neugierde, wer sich wohl hinter dem ausgedachten Namen verbirgt, ist der Hunger nach weiterem Lesestoff der Autorin, die immer wieder schonungslos offen weibliche Innenwelten ausleuchtet. In Ermangelung eines neuen Buches greift der Suhrkamp Verlag nun auf ältere Romane von Elena Ferrante zurück, die hierzulande bisher noch nicht recht wahrgenommen wurden. Nach "Die Frau im Dunkeln" kommt jetzt der 2003 veröffentlichte Roman "Tage des Verlassenwerdens" noch einmal auf den Markt.

Wer verlassen wird, ist leicht zu beantworten, das Warum liegt im Dunkeln, jedenfalls für die von ihrem Mann verlassene Ehefrau: Sie heißt Olga und kommt – wen wundert's – aus Neapel, lebt aber seit einigen Jahren mit ihrem Gatten Mario in Turin. Olga mag Turin nicht besonders, aber Mario verdient dort gutes Geld, die beiden haben sich eine scheinbar idyllische Ehe und eine scheinbar gut funktionierende Existenz aufgebaut: Sie haben zwei Kinder, den 10-jährigen Gianni und die 7-jährige Ilaria; um die Karriere ihres Mannes tatkräftig zu unterstützen, hat Olga ihre eigenen schriftstellerischen Ambitionen aufgegeben, nur manchmal, wenn die Kinder in der Schule sind, sitzt sie noch ein paar Minuten verträumt zu Hause am Schreibtisch, aber ihre Kreativität ist in ihrem grauen Alltag als Mutter und Ehefrau längst versiegt.

Der Mann geht – die Frau bleibt ratlos und voller Selbstzweifel zurück

Ohne Vorwarnung bricht für Olga die ganze schöne bürgerliche Idylle in sich zusammen: Beim Essen eröffnet ihr plötzlich Mario, dass er sie nicht mehr liebe, so nicht mehr weiterleben könne und etwas neues anfangen müsse. Mario erhebt sich, öffnet die Wohnungstür und geht: Zurück bleibt eine völlig verdatterte und ratlose 38-jährige Frau, die zunächst an einen dummen Scherz glaubt und hofft, ihr gelegentlich zu melancholischen Anwandlungen neigende Gatte werde schon bald zurück kommen und alles werde wieder so sein wir immer. Doch zunächst geschieht gar nichts: Mario, der keinen einzigen Gegenstand und keine Kleidung mitgenommen hat, bleibt verschwunden. Olga weiß nicht, wo und mit wem er jetzt zusammenlebt, ob und wann er wiederkommen wird. Und weil Mario ohne jede Begründung gegangen ist, horcht Olga in sich hinein, quält sich mit Vorwürfen, gibt sich selbst die Schuld für das Verlassenwerden und will nur eines: dass der schmerzlich vermisste Gatte bitte recht bald zurückkommen möge.

Tunnel der Selbsterkenntnis

Aus einigen "Tagen des Verlassenwerdens" werden Wochen und Monate, in denen Olga einfach nicht verstehen kann, was gerade mit ihrem Leben geschieht, womit sie ihren Mann verschreckt haben könnte und was sie tun müsste, damit alles wieder in Ordnung kommt. Aber es kommt nichts wieder in Ordnung, auch nicht, als sie über Freunde Kontakt zu Mario aufnimmt und ihm gestattet, gelegentlich die Kinder zu sehen, auch nicht, als sie sich für ihn herausputzt und schön macht, für ihn kocht und ihn mit Liebkosungen bezirzen will: Mario wird nicht wieder ins gemütliche Heim zurückkehren, das Leben wird nie wieder so sein wie ehedem. Als Olga das erkennt, lässt sie sich völlig gehen, wäscht und kämmt sich nicht mehr, verfällt in einen vulgären und obszönen Slang, den sie noch aus ihrer Jugend in Neapel kennt; sie vernachlässigt ihre Kinder, schlägt den Hund, den Mario einst mitgebracht hat und den sie nie leiden konnte; um zu beweisen, dass sie durchaus noch in der Lage ist, Männer zu betören, schläft sie mit ihrem Nachbarn, einem schüchternen Musiker und verklemmten Junggesellen. Olga muss sich durch einen tiefen, dunklen Tunnel der Selbsterkenntnis graben, bis sie endlich begreift, dass nicht sie, die eigentlich lebenslustige und liebenswürdige Olga, sondern Mario, dieser Misanthrop und Möchtegern-Macho, das Problem ist, dass sie sich von der Last der Vergangenheit, der Selbst-Verleugnung und Selbst-Erniedrigung befreien und zu etwas Eigenem und Neuen werden muss, so schmerzhaft das auch immer sein möge.

Vertreibung der bösen Geister

Olga befreit sich von allem, was sie belastet und quält, in einer Mischung aus Wahnsinn und Exorzismus. Es kommt der Tag, an dem sie die Welt als einen nicht endenden Alptraum erlebt und glaubt verrückt zu werden oder in einem Horror-Film festzustecken:  ihr Sohn übergibt sich ununterbrochen und hat lebensbedrohlich hohes Fieber; ihr Hund spuckt Schleim und Blut und verröchelt elendig im Arbeitszimmer, in dem immer noch der Geruch ihres abwesenden Gatten hängt; ihre Tochter sticht ihr ständig mit einem Messer ins Bein, damit sie nicht einschlafen und sich wehrlos ihren Wahnvorstellungen überlassen kann; das Handy ist kaputt, das Festnetz-Telefon scheint abgestellt, die Wohnungstür lässt sich nicht mehr öffnen. Nirgends ist Hilfe in Sicht, Olga muss allein mit der realen oder auch nur eingebildeten Katastrophe fertig werden, muss die bösen Geister ihres Mannes und der verlogenen Vergangenheit aus sich herausschreien, muss sich von der Herrschaft ihres Mannes befreien, sich eine neue, weibliche Sprache zulegen, eine eigene, von männlichen Blicken und Begierden unabhängige Identität und Zukunft als selbstständige Frau erarbeiten: Olga macht dabei Grenzerfahrungen, genauso wie der Leser, der zwischen Abscheu und Mitleid schwankt und hofft, dass dieser ganze, über viele Seiten gehende Wahnsinn, dieses schockierende Psychodrama zu einem guten Ende führen wird. (Wie das aussieht, das werde ich hier aber nicht verraten.)

Schön-schrecklich-traurig-hoffnungsvoller Roman

Der Roman ist ein literarisches Meisterwerk, klug konstruiert, psychologisch abgründig, ungeheuer spannend und eindringlich, unbequem und unvergesslich. Die Sprache ist glasklar und seziert den bürgerlichen Ehealltag genau schmerzlich wie das Seelenleben einer modernen Frau, die sich fast um den Verstand bringt und fast in den Wahnsinn abgleitet, bis sie sich den Weg in die Freiheit bahnen kann. Ob es ein feministischer Roman ist, mögen Berufenere entscheiden: Auf jeden Fall ist es ein ungemein intelligenter und wütender Roman, ein rätselhafter und ehrlicher, ein schöner und schrecklicher Roman, ein manchmal tief trauriger und dann wieder hoffnungsfroher: Es wird höchste Zeit, ihn zu entdecken und endlich zu lesen!

Frank Dietschreit, rbbKultur

Podcast

rbb Serienstoff | Dope) © rbb
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- Dope! | Serienstoff

Vanessa ist 27, hat ein Grundstudium in Pharmazie, jobbt in der Bar von Andreas und lebt in Kreuzberg mit dem ambitionierten Politiker Oliver Lompe zusammen, der sich für Veränderungen in der Berliner Drogenpolitik einsetzt. Vanessa weiß ziemlich genau, wie sich Leute um sie herum aufputschen, um im Alltag zu bestehen. Und so beginnt sie, ihnen individuell abgestimmte Drogen zu verkaufen. Doch je besser ihr Geschäft läuft, desto mehr bringt sie ihren Freund Olli in Gefahr. Eine Serie aus dem Podcast "rbb Serienstoff".

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