Hans Magnus Enzensberger zum 90. Geburtstag
Bild: © Suhrkamp / © Hanser

Buch - Zum 90. Geburtstag von Hans Magnus Enzensberger

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"Endlich, endlich ist unter uns der zornige junge Mann erschienen!", rief Alfred Andersch, als er 1957 das Lyrik-Debüt – "Verteidigung der Wölfe" – von Hans Magnus Enzensberger in den Händen hielt. Mit einem Schlag katapultierte sich der Autor in die erste Reihe der deutschen Literatur und avancierte zum Stichwortgeber vieler politischer und kultureller Debatten. Mit gerade einmal 33 Jahren erhielt er den Georg-Büchner-Preis, und schnell war Enzensberger auch als Kandidat für den Literaturnobelpreis im Gespräch. Bekommen hat er ihn bis heute nicht. Am 11. November feierte der in München lebende Autor seinen 90. Geburtstag

Enzensberger steht wie ein Solitär in der kulturellen Brandung: weil er ein notorischer Quälgeist ist, sich permanent einmischt, gegen den Strom schwimmt und ihm jede politische Denkschule und jede literarische Einordnung völlig schnurz ist; weil er sich zeitlebens seine Frechheit und Unbekümmertheit bewahrt hat, genauso wie seinen Zorn über politische Ungerechtigkeit, seinen Unwillen gegenüber sprachlicher Schludrigkeit, seinen Abscheu vor ideologische Bevormundung. Schubladendenken ist ihm fremd, Zweifel sind ihm lieber als vorschnelle Antworten. Er, der einst über Clemens Brentano promoviert hat, ist zeitlebens ein romantischer Luftgeist geblieben, ein literarischer Tausendsassa, ein ironischer Dandy und lässiger Weltbürger, der ein halbes Dutzend Sprachen fließend spricht, Poesie aus allen Weltsprachen ins Deutsche übersetzt hat und enzyklopädisch gebildet ist.

Lustvolle Provokation

Das Experiment ist sein Lebens-Elixier: Er hat die politische Lyrik poetisch gewürzt; mit seinen Beiträgen über den "Journalismus als Eiertanz" oder den Sozialismus als "Das höchste Stadium der Unterentwicklung" hat er lustvoll überall angeeckt; seine Essaybände über die "Politik und Verbrechen" oder über "Mittelmaß und Wahn" haben das Genre neu definiert; er hat die "Bewusstseins-Industrie" und das "Nullmedium" Fernsehen kritisch beäugt, einen "Poesie-Automaten" erfunden und schon frühzeitig vor der "Großen Wanderung" gewarnt, die auf Europa zukommt. In seinem "Versuch über den radikalen Verlierer" hat er allen Terroristen und "Schreckensmännern" ihr Scheitern prophezeit. Auch Kindermärchen hat er geschrieben und mit dem "Zahlenteufel" ein Buch für alle, die Angst vor der Mathematik haben. Theaterstücke, Erzählungen, dokumentarische Recherchen hat er verfasst. Nur eines hat ihn nie interessiert: der große Roman, dafür, so hat er mir einmal gesagt, fehle ihm einfach das Sitzfleisch und der lange Atem.

Lyrische Schatzkammer

Bleiben wird sein Verdienst als Herausgeber und Autor vom "Kursbuch", die unter seiner Federführung (1965-1975) zum wichtigsten literarischen und politischen Medium der undogmatischen, linksintellektuellen Kultur-Szene avancierte. Bleiben wird auch sein Verdienst als Gründer der "Anderen Bibliothek", die unter seiner Leitung (1985-2007) AutorInnen wie Irene Dische, Christoph Ransmayr und W.G. Sebald entdeckte und verborgene Schätze der Weltliteratur wieder ans Tageslicht brachte. Unvergesslich ist sein langes episches Gedicht vom "Untergang der Titanic": in 33 Gesängen wird hier der Untergang des Riesendampfers zur Metapher für den Wahnsinn vom unaufhörlichen Fortschritt und zum Abgesang auf den realen Sozialismus und seine unhaltbaren Versprechungen. Unverwüstlich auch seine Gedichte: Enzensberger hat sich jetzt sogar noch einmal hingesetzt und aus seinem opulenten Lyrik-Werk die seiner Meinung nach wichtigsten Texte zusammenstellt: "Gedichte 1950-2020" lautet der schlichte Titel der lyrischen Schatzkammer.

Geistreich und hintersinnig: Enzensberger, wie man in kennt und schätzt

Neu auch "Fallobst": Da versammelt und collagiert Enzensberger alles, was sich lange Zeit in seinem Zettelkasten versteckt hat, Lesefrüchte und Erkenntnisblitze, Gedichte und Dialoge, Zitate von Marx und Diderot, Orwell und Humboldt, Randnotizen zur digitalen Unfreiheit der Moderne, zu den geldgierigen Tricks des Finanzkapitalismus, zum einlullenden Kauderwelsch der Medien, zum Gewimmer und Gelaber des Zeitgeistes. Ein ebenso böses wie lustiges Potpourri von Ideen und Entwürfen. Unters Fallobst mischt er auch – wie zufällig – eine Liste mit Pseudonymen, auf der sich auch der Name Andreas Thalmayr versteckt: einer von unzähligen Doppelgängern Enzensbergers. Andere haben Namen wie Benedikt Pfaff, Elisabeth Ambras, Linda Quilt, Giorgio Pellizzi, Serenus M. Brezengang. Die Pseudonyme dienen Enzensberger dazu, bizarre Gedicht-Persiflagen, groteske Prosa-Spielereien, absurde Gedanken-Auswüchse zu veröffentlichen oder ein paar früh-geniale Jugendsünden dem literarischen Vergessen zu entreißen: Die "Louisiana Story" hat Enzensberger als blutjunger Autor für den Rundfunk als buntes Feature verfasst. Er war 1957 vier Monate lang mit dem Greyhound kreuz und quer durch die USA gereist und hat sich in Louisiana in ein seltsames Abenteuer hinein fantasiert, in dem Voodoo-Rituale genauso vor kommen wie ein Pelzjäger, ein Sheriff, eine Nackttänzerin und ein Ölspekulant: alles ist schwül und schweißig, voller Jazz-Rhythmen und alten Mythen, eine völlig verrückte Story, die vom Erbe der französischen Kolonialzeit und den Launen der Vergangenheit handelt. Diese Story, gebaut aus verschiedenen Stimmen und Klängen, hat 60 Jahre lang im Rundfunk-Archiv geschlummert, ist aber noch immer taufrisch und frech wie am ersten Tag und so geistreich und hintersinnig wie Enzensberger immer war und ist und hoffentlich noch lange sein wird.  

Frank Dietschreit, rbbKultur

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