Ian McEwan: Die Kakerlake © Diogenes
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Roman - Ian McEwan: "Die Kakerlake"

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Das unwürdige Gezerre um den Brexit bringt den britischen Schriftsteller Ian McEwan um den Schlaf. Die Abkehr von Europa hält er für ausgemachten Blödsinn. McEwan hat sich jetzt seinen Frust von der Seele geschrieben und einen literarischen Schnellschuss gewagt: Sein neues, in wenigen Wochen fertig gestelltes Buch, das ausdrücklich als Satire auf das aktuelle politische Geschehen in England annonciert ist, trägt den Titel "Die Kakerlake".

Wenn in der literarischen Fantasie eine Kakerlake (also ein Tier aus dem dunklen Reich des Drecks und des Elends, des Schmutzes und der Krankheit) zum Politiker mutiert, könnte dieses Ungeziefer einen gehörigen Schaden anrichten. Aber weil der Autor ein gewiefter Erzähler ist, löst er mit seiner Versuchsanordnung zunächst Verwirrung aus und spielt mit keinem Geringen als mit Franz Kafka und dessen Erzählung "Die Verwandlung".

Der erste Satz geht bei McEwan nämlich so: "Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt." Jeder, der Kafka kennt, denkt sofort an Gregor Samsa: Auch er wacht ja eines Morgens auf und ist zu einer seltsamen Kreatur mutiert. Doch McEwan ist zu gerissen, um "Die Verwandlung" einfach nachzuerzählen, aus Gregor einen Jim zu machen und die monströse Geschichte ins Heute zu verlegen.

Die Verwandlung

Schon die nächsten Zeilen deuten an, wohin die literarische Reise geht: "Eine Weile blieb er auf dem Rücken liegen (…) und betrachtete verwundert die fernen Füße, die wenigen Gliedmaßen. Bloß vier, natürlich, und zudem recht unbeweglich. Mit seinen eigenen dünnen braunen Beinen, an die er sehnsüchtig zurückdachte, hätte er, wie hilflos auch immer, lustig in der Luft gezappelt." Es ist also genau umgekehrt: Das Ungeziefer ist in die Haut eines Menschen geschlüpft und muss lernen, wie man auf zwei Beinen stehen und mit zwei Händen greifen kann.

Aber Jim ist guten Mutes, hat er doch seine Verwandlung – im Gegensatz zu Gregor Samsa – bewusst herbei geführt. Denn das zappelige Tierchen hat eine dringende Mission: Es will, weil Kakerlaken sich seit Jahrmillionen am wohlsten fühlen, wenn sie sich in Schmutz und Dreck suhlen, Großbritannien ins politische und soziale Chaos stürzen. Wie könnte man das besser als im Körper eines skrupellosen Premierministers, der seine abstrusen Pläne einer finanzpolitischen und gesellschaftlichen Neuordnung gegen alle Vernunft durchpeitschen und den Rest der Welt mit in den Abgrund ziehen will?

Den Wahnsinn Wirklichkeit werden lassen

Die in die Haut des Regierungschefs geschlüpfte Kakerlake (die in ihrem Habitus, natürlich rein zufällig, große Ähnlichkeit mit Boris Johnson aufweist) ist nicht allein: fast alle anderen Minister wurden ebenfalls von Kakerlaken gekapert. Alle hatten bisher ein ruhiges Leben in den wurmstichigen Wänden des britischen Parlaments verbracht und werden nun zu Hinterbänklern, zu politischen Akteuren, die vorgeben, den Willen des Volkes in die Tat umzusetzen.

Gemeinsam setzen sie alle Widersacher mit bösen Tricks Schachmatt, wiederholen plumpe Lügen so oft, bis man sie für die glatte Wahrheit hält, schüren gezielt Hass auf alles Fremde und nutzen alle Lücken des britischen Parlamentarismus, der keine Verfassung kennt und allein auf Traditionen, Konventionen und Fair Play basiert: Aber welche Kakerlake, die sich nach dem Duft von Elend und Verfall sehnt, interessiert sich schon für Fair Play? Mit schlafwandlerischer Präzision schaltet Jim seine Gegner durch inszenierte Medienkampagnen aus und beschuldigt sie – in Zeiten von MeToo besonders erfolgreich – der sexuellen Belästigung. Er verrät seine Freunde, geht über Leichen, um den Wahnsinn zu Wirklichkeit zu machen, und der heißt bei McEwan nicht "Brexit", sondern "Reversalismus".

Finanzpolitischer Irrsinn

Angeblich, das will uns McEwan augenzwinkernd weismachen, marodiert das Konzept des "Reversalismus" schon seit Jahrhunderten durch die Wirtschaftstheorie und wird auf launigen Partys als Gedankenspiel durchprobiert: "Reversalismus", so die hirnrissige Theorie, soll Verschwendung und Ungerechtigkeit abschaffen, indem der Geldfluss umgekehrt wird: Arbeit wird nicht mehr entlohnt, sondern durch Geld erkauft. Beim Kauf von Waren muss man nicht bezahlen, sondern man wird mit Geld entschädigt. Bargeld zu horten, ist untersagt. Jeder muss ständig ausgiebig shoppen, damit er genug Geld für die Bezahlung seiner Arbeit hat. Am Ende dieser ungeahnten Geldströme steht dann die Vollbeschäftigung.

Die Verlockung, sich in einem permanenten Kaufrausch suhlen zu dürfen und sich Arbeit durch das beim Shoppen geschenkt bekommene Geld erkaufen zu können, ist für die Briten einfach zu groß: sie stimmen in einem Volksvotum für diesen finanzpolitischen Irrsinn und unterstützen ihren Premierminister nach Kräften. Sie haben nichts dagegen, alle Verbindungen zum Rest der Welt zu kappen und mutig voran zu gehen: Vielleicht machen sogar die Amerikaner mit, lässt doch ihr Präsident bei einem Telefonat mit Sams durchblicken, dass auch er sich liebend gern persönlich bereichern würde und die bestehende Ordnung durch widersinnige Maßnahmen zerstören möchte.

Makaber und grotesk

McEwan hämmert nicht einfach wild drauflos, er verbeißt sich nicht in eine geifernde Persiflage auf Boris Johnson, beschimpft nicht die freiwillig zur Schlachtbank wankende Mehrheit der Briten als tumb und blöd. Sondern McEwan dreht geschickt an der literarischen Schraube, spielt mit literarischen Vorbildern, skizziert mit wenigen Strichen individual-psychologische Abgründe und massen-psychologische Manipulationen, verbindet Kapitalismus- und Medien-Kritik, offenbart den Nährboden für Populismus. Natürlich wird er keinen einzigen Brexiter umstimmen, schon weil sie die Romane des links-liberalen Querdenkers sowieso nie lesen werden.

Aber als Ventil für Zorn und Ohnmacht und um die Reihen der Vernunft zu schließen, leistet der kleine Roman wirklich Großes. Der Autor hatte immer schon ein Faible für das Makabre: in einem Roman verbuddelten Kinder ihre toten Eltern still und heimlich, damit sie nicht in Heim müssen und weiterhin Sozialleistungen bekommen ("Der Zementgarten"), ein anderes mal spielte ein Fötus Hamlet und rächte den Mord an seinem Vater ("Die Nussschale"), zuletzt dachte er sich einen Roboter aus, der Lust auf Sex hat und sich mit der Freundin seines Besitzers vergnügt ("Maschinen wie ich"). Auch "Die Kakerlake" ist makaber und grotesk, man weiß nie, ob man lachen oder weinen soll: aber lesen sollte man das Buch unbedingt!

Frank Dietschreit, rbbKultur

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