Johannes Willms: Der General. Charles de Gaulle und sein Jahrhundert © C.H.Beck
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Sachbuch | Biografie - Johannes Willms: "Der General. Charles de Gaulle und sein Jahrhundert"

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Die Lektüre dieser umfangreichen Biografie verdeutlicht: wer das heutige Frankreich verstehen will, sollte sich mit Charles de Gaulle vertraut machen. Er hat, als er 1958 wieder in den Elysée-Palast einzog, Frankreich eine Verfassung gegeben, die dem vom Volk direkt gewählten Präsidenten eine ungewöhnlich große Machtfülle verleiht. Davon profitierten auch seine Nachfolger. Diese Verfassung hat Frankreich sechs Jahrzehnte Stabilität gegeben, angesichts der Vorgeschichte ist das eine beeindruckende Leistung, wie Willms beschreibt.

Der Historiker und Publizist Johannes Willms führt chronologisch durch das Leben von Charles de Gaulle. Dank der Fähigkeiten des Autors wird das nie langweilig. Die Wendepunkte im Leben de Gaulles arbeitet er klar heraus. Vor Allem hat der 18. Juni 1940 große Bedeutung: an diesem Tag meldet sich General de Gaulle aus seinem Londoner Exil über die BBC als selbst ernannter Führer des "Freien Frankreich". Einen Tag vorher hatte die französische Regierung die Deutschen um Waffenstillstandsverhandlungen gebeten. Für de Gaulle eine Schande, für ihn hatte Frankreich eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg. Unter seiner Führung – so de Gaulle – würde Frankreich als Partner neben den Siegern stehen. Das war im Juni 1940 ganz schön mutig. Willms verdeutlicht: das ist die Geburt des Mythos de Gaulle, dieser unerschütterliche Anspruch auf französische Grandeur, auf die Sonderstellung der französischen Nation. Dieser Mythos lebt bis heute fort und gab de Gaulle die Chance, 1958 zurückzukehren, als die IV. Republik im Parteiengezänk unterging.

Kalkül und politischer Instinkt

Vornehmlich ging der Streit um den algerischen Kampf um Unabhängigkeit. Seit 1830 französische Kolonie, wollten viele Franzosen nicht weichen. Ein Militärputsch drohte, auch in Paris. De Gaulle war der gemeinsame Nenner, auf den man sich einigen konnte. Ausführlich beschreibt Johannes Willms das Vorgehen de Gaulles: zunächst die Stärkung der Stellung des Präsidenten durch die neue Verfassung und dann das schrittweise Nachgeben in Richtung der algerischen Unabhängigkeit. Nach der Niederlage in Indochina wenige Jahre zuvor hatte de Gaulle seine Lektion gelernt. Ursprünglich Royalist und Imperialist, war er in der Lage – wie Willms schreibt – seine Prinzipien zu überwinden, wenn sein politischer Instinkt es ihm riet.

Stabile Demokratien brauchen starke Persönlichkeiten

Johannes Willms zeichnet Charles de Gaulle mit Empathie und Respekt, wahrt aber ausreichend Distanz, um ihn auch kritisch zu sehen: sein übersteigertes Selbstbewusstsein, seine oft schroffe Art, gepaart mit gelegentlich nur schwer verständlichen Entscheidungen, seine manchmal bizarr anmutenden Auftritte. Aber die Lektüre verdeutlicht auch: stabile Demokratien brauchen starke Persönlichkeiten. Die Balance zwischen Demokratie und Führung ist ein andauernder Akt.

Eckhard Stuff, rbbKultur

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