Silke Leopold: Leopold Mozart. "Ein Mann von vielen Witz und Klugheit". Eine Biografie © Bärenreiter-Verlag / Verlag J.B. Metzler
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Biografie - Silke Leopold: "Leopold Mozart"

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Zum 300. Geburtstag von Leopold Mozart unternimmt Silke Leopold den gelungenen Versuch einer aktuellen Gesamtdarstellung. Differenzierter, kompetenter und verständlicher kann man sich der Sache nicht nähern.

Leopold Mozart hat bis heute nicht den allerbesten Ruf. Angeblich ein höchstens mittelmäßiger Komponist solcher putziger Kleinigkeiten wie der "Bauernhochzeit" oder der "musikalischen Schlittenfahrt". Dazu ein despotischer Pedant, der das Genie seines Sohnes Wolfgang Amadeus ausgenutzt, ihn in Europa überall herumgereicht hat, ohne jemals dessen Genie begreifen zu können.

Auf der Höhe der Zeit

Das alles kann Silke Leopold, eine der wichtigsten Musikwissenschaftlerinnen v. a. im Bereich der Alten Musik, so natürlich nicht stehenlassen. Das betrifft insbesondere das musikalische Schaffen Leopold Mozarts. Die diesem entgegengebrachte Geringschätzung ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil dessen verschollen ist. Überhaupt war Musik damals überwiegend Gebrauchsmusik, das wenigste wurde in Druck gegeben.

Leopold Mozart hat es selber so gesehen. Als Wolfgang einige von dessen älteren Werken nach Wien geschickt bekommen wollte, wunderte sich Leopold, dass da überhaupt noch Interesse an seinen "alten" Sachen bestehen könne.

In einem großen, teilweise sehr ins Detail gehenden Kapitel kann Silke Leopold nachweisen, wie sehr Leopold Mozart auf der Höhe seiner Zeit komponiert hat, v. a. im Bereich der Kirchenmusik. Und dass sogar einmal zwei Sinfonien, eine von Leopold, eine von Wolfgang, miteinander verwechselt wurden, zeigt, dass Leopold so schlecht nun doch nicht komponiert haben konnte …

Gebildet und durchsetzungsfähig

Leopold Mozart war hochgebildet, nicht nur in musikalischen Dingen. Auch Philosophie hat er studiert. Vor allem aber hat er seine Zeit durchschaut, ebenso wie seine Mitmenschen. Er war ein geschickter Diplomat, wusste sich bei Hof zu benehmen, konnte einschätzen, wann man, um am besten seine Ziele zu erreichen, ein Gesuch stellen und wie es formuliert sein musste. Mit diesen Eigenschaften hat er sich Schritt für Schritt hochgearbeitet.

Daneben war er durchsetzungsfähig bis hin zur Nervensäge. Und weil er so breit informiert war und vieles durchschaut hat, konnte er im Umgang auch unangenehm, zynisch und sarkastisch werden. In einem Nachruf war zu lesen, in Salzburg sei er nicht so beliebt gewesen wie an anderen Orten …

Geborener Networker

Auch in dieser Darstellung kommt Silke Leopold natürlich nicht um Leopold Mozarts Rolle als Vater Wolfgangs herum. Dies allerdings schildert sie konsequent aus Leopolds Perspektive. Man erfährt viel über dessen Managerfähigkeiten, lange Reisepläne auszuarbeiten und durchzuführen, Empfehlungsschreiben zu erhalten. Vor allem Kontakte zu pflegen: Leopold Mozart muss der geborene Networker gewesen sein.

Auch ist es ihm gelungen, Wolfgang eine gründliche Ausbildung angedeihen zu lassen und ihn in aller Welt bekannt zu machen. Einen Fehler hat er allerdings dabei begangen: Weil er das Organisatorische komplett alleine gemacht hat, konnte Wolfgang diese Fähigkeiten nicht von ihm lernen. Fragen wie: Wem darf man vertrauen? Wer nutzt einem? Wer will einen nur ausnutzen? Wolfgang musste immer nur unterrichtet werden, Instrumente spielen und komponieren. Und so ist dann viel schief gegangen: die Paris-Reise, und als Wolfgang von Salzburg nach Wien vom Vater wegzog, hat dies alles zu einer Entfremdung von Vater und Sohn geführt, die bis zu Leopolds Tod anhielt.

Standardwerk

Zwei Verdienste Leopold Mozarts kann man herausarbeiten: Ohne ihn wäre Wolfgang nie das geworden, was seine Musik bis heute weltberühmt macht. Ein Genie muss eben auch gefördert werden. Und Leopold selbst hat mit seiner Violinschule ein Standardwerk geschaffen, das bereits zu seinen Lebzeiten nachgedruckt und in andere Sprachen übersetzt wurde. Die Violinschule kann man heute noch kaufen.

Kompetent und hintergründig auf aktuellstem Forschungsstand

Dass Silke Leopold mit wissenschaftlichem Anspruch an ihre Darstellung gegangen ist, versteht sich von selbst. Die musikalischen Analysen in dem Kapitel über den Komponisten Leopold Mozart sind eher etwas für fachkundige Leser*innen. Alles andere jedoch ist für alle gut verständlich.

Dieses Buch ist weit mehr als eine Biografie. Viel Zeitgeschichte findet sich zum Verständnis ebenso wie die Frage der Konfessionen, ohne die man manches im Leben Leopold Mozarts nicht verstehen kann. Die Bedeutung der Städte Augsburg, wo er geboren wurde und aufwuchs, und Salzburg, wo er dann seinen Lebensmittelpunkt hatte, ist klar herausgearbeitet.

So ist ein unglaubliches hintergrundreiches, durchaus sogar spannend zu lesendes Buch entstanden, das für viele Leopold Mozart in einem neuen Licht zeigt. Und das auf aktuellstem Forschungsstand.

Andreas Göbel, rbbKultur

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