Magda Biernat: "The Edge of Knowing" © Kehrer Verlag
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Bildband - Magda Biernat: "The Edge of Knowing"

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Dass die polnische Fotografin Magda Biernat aus dem Koffer leben würde, ist vielleicht etwas übertrieben. Aber unterwegs ist die Künstlerin eigentlich ständig. Eine zeitlang hat sie in Berlin studiert, doch ihre Ausstellungen mit zeitgenössischen Fotografien zeigt sie vor allem in ihrer Wahlheimat New York oder in Paris. Ihre Fotos erscheinen genauso in der New York Times wie in National Geographic. Jetzt hat sich Magda Biernat einen Traum erfüllt und ist ein ganzes Jahr lang kreuz und quer, von Süd nach Nord, von der Antarktis bis zur Arktis durch Amerika gereist. Einige der vielen Fotos, die sie unterwegs gemacht hat, präsentiert sie jetzt in einem Buch mit dem Titel: "The Edge of Knowing".

Übersetzen könnte man den Titel vielleicht mit "Am Rande des Wissens", "An der Grenze zum Bekannten". Denn davon handeln die Bilder dieser langen Reise, immer entlang der Anden und Kordilleren, der Rocky Mountains und bis hinauf nach Alaska: Die Fotos versuchen hinter die Fassade des Wirklichen zu blicken, die Realität, so wie wir sie zu kennen glauben, nicht einfach abzubilden, sondern sie neu zu sehen und zu ihrer versteckten Bedeutung vorzudringen. Magda Biernat überschreitet auf ihrer Exkursion nicht nur ständig nationale Grenzen, sondern auch Grenzen der Wahrnehmung und des vermeintlichen Wissens, sie zeigt uns die Natur, die Menschen, ihre Lebensweise, ihre Arbeit und ihre Traditionen nicht so, wie wir sie als Kultur-Tourist gezeigt bekommen, sondern guckt hinter die Kulissen der Hochglanz-Prospekte, auch hinter die Klischee-Bilder, die wir im Kopf haben, wenn wir an Indios und Inkas denken, an Inuit oder Indianer.

Ein Puzzle, das uns das Vertraute fremd und das Fremde vertraut macht

Die Präsentation der 128 Farb-Fotos spielt ironisch mit unseren Erwartungen und reißt ständig die Grenzen des Erwartbaren ein: Beim Betrachten der Bilder können wir nicht einfach "mitreisen" und – immer schön entlang und an den bekannten Fixpunkten unseres Wissens über Amerika – den riesigen Kontinent durchqueren. Magda Biernat mischt ihre Fotos auf assoziative Weise, sie wirft die Bilder wild durcheinander und entwirft ein Puzzle, das uns das Vertraute fremd und das Fremde vertraut macht, ein Puzzle aus Fantasien und Visionen, realen und eingebildeten Dingen, die wir selbst verorten und verstehen müssen. Gerade war sie ganz im Süden, am nebelverhangenen kalten Kap Horn, da ist schon auf einem Highway in Kanada und schaut auf ein windschiefes verlassenes Haus. Gerade war sie in einer Salzmine in Bolivien, da ist sie schon bei der Ruine einer märchenhaften kitschigen Schloss-Kopie in den Sümpfen von Louisiana/USA. Auf keinem einzigen Foto ist eine touristische Attraktion zu sehen, ein architektonisches Vorzeige-Projekt oder eine archäologische Fundstelle, sondern das, was abseits der bekannten Routine und eingefahrene Routen liegt. Wir sehen, wie Menschen in Würde ihre Arbeit und Armut ertragen, wie die Natur sich um die Eingriffe des Menschen einen Dreck schert: sie braucht uns nicht und wuchert, wenn die Menschen ihr wahnwitzigen Fortschritts-Ideen in den Sand gesetzt haben und nichts als Müll hinterlassen – einfach immer weiter. 

 

Am Rande des Wissens

Ein Puzzle-Stück zeigt den Ausschnitt einer Mauer, darin eingelassen eine verschlossene Tür, vielleicht ist es eine Grenzmauer mit einer Öffnung, durch die niemand gehen darf: wir wissen es nicht, dieses seltsame Gebilde steht jedenfalls in Texas/USA, das verrät uns ein am Ende des Buches abgedrucktes Verzeichnis der Fotos, aber wir müssen uns selbst zusammen reimen, ob diese Mauer vielleicht dazu dient, das Trumpsche Amerika von allen Fremden abzuschotten. Gleich auf der nächsten Seite: ein Bild einer indigenen Frau aus Alaska, eingemummelt in dicke Gewänder, die gegen die arktische Kälte schützen: aber sie steht nicht mitten in der Weite aus Eis und Finsternis, sondern in einem bunten Supermarkt, umgeben von billigen Alltags-Waren, die in Plastik eingeschweißt sind und – kaum benutzt – als Abfall im Müll oder im Meer landen werden. Einmal fotografiert Magda Biernat aus einer Vogelperspektive den Pan-American-Highway, der die Anden-Staaten miteinander verbindet, dessen Asphalt-Band wie mit dem Lineal gezogen ist und brutal mitten durch ein Areal mit rituellen Zeichen und Zeichnungen schneidet, die vor Jahrhunderten entstanden und von rätselhaften Kulturen auf dem Boden gekritzelt wurden. Auf einem Hochplateau in Bolivien liegt ein ausrangiertes, verrostetes Teil einer alten Eisenbahn im kargen Sand; über ein Vulkan-Feld in Ecuador streunt ein einsamer Fuchs; mitten im Nirgendwo von Peru steht ein kleines Grenzhäuschen an einer Straße, auf der kein Verkehr, keine Auto, kein Mensch zu sehen ist; durch einen Fluss an der Grenze zwischen Nicaragua und Honduras watet ein Mensch: ob er ein Fischer oder ein Flüchtling ist, wir wissen es nicht, machen uns aber sofort unsere eigenen Gedanken und Geschichten und hangeln uns dabei immer am Rande des Wissens entlang.

Ian Webster schafft kleine sprachliche Inseln in einem Meer aus Fotos

Ohne Fantasie und ohne Lust daran, die Grenzen des Wissens zu überschreiten und sich neue Bedeutungen zu erschließen, geht es nicht. Aber es gibt da noch Ian Webster. Er ist Schriftsteller und Designer und hat das Buch optisch gestaltet und streut kleinere Text-Oasen ein. Er war offensichtlich eine Art Reisebegleiter und Mit-Beobachter, er schildert seine persönlichen Eindrücke von unterwegs, Gedanken beim Betrachten der Bilder, daraus entstehen Geschichten, Mini-Erzählungen, die wiederum mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben. Mal geht es darum, wie sie bei einem Freund in Montevideo/Uruguay Unterschlupf finden, mal, wie sie in Ushuaia/Argentinien ankommen und als erstes ein Schild lesen, auf dem geschrieben steht: "Welcome to the end of the world". Oder Webster beschreibt, wie sie tagelang durch die kalte Einsamkeit Kanadas fahren und Schwierigkeiten haben, ein Hotelzimmer aufzutreiben. Reisenotizen, Begegnungen, Eindrücke: auf zartes Papier geschrieben und zwischen die eindrucksvollen Fotos geheftet, kleine sprachliche Inseln in einem Meer aus Fotos, die davon erzählen, wie die Welt durchs Beobachten und Abbilden verändert wird, zugleich aber auch den Beobachtenden und Abbildenden verändert. Klingt kompliziert, ist aber eigentlich ganz einfach zu verstehen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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