P.G.Wodehouse: Tausend Dank Jeeves, Roman
Bild: Insel Verlag

Roman - P.G. Wodehouse: "Tausend Dank, Jeeves!"

Bewertung:

"Sucht" und "Glück" sind Wörter, die man oft in Verbindung mit den Werken des englischen Humoristen P.G. Wodehouse hört. So unterschiedliche Menschen wie der Komiker Stephen Fry, der Schriftsteller Daniel Kehlmann und der Literaturkritiker Denis Scheck zählen zu seinen Fans. Man könnte sagen: Sie sind süchtig geworden nach dem Glück, das die mehr als neunzig Romane und zweihundert Kurzgeschichten von Wodehouse stiften.

Seine bekanntesten Schöpfungen sind Jeeves und Wooster, der Butler und sein adliger Arbeitgeber. Nun ist eine Neuübersetzung des allerersten Romans um das ungleiche Paar erschienen, 85 Jahre nach der Erstveröffentlichung.

An der Sache mit der Sucht ist etwas Wahres: die Mischung ist verführerisch, fast unwiderstehlich. Mit den Romanen und Erzählungen um Jeeves und Wooster kann es einem ähnlich ergehen wie mit den Sherlock-Holmes-Geschichten des Arthur Conan Doyle. Am besten räumt man ihnen einen festen Platz im Regal ein. Dann weiß man, wenn einem der Wind im richtigen Leben mal wieder heftig ins Gesicht pustet: Da ist ein sicherer Hafen, in den ich mich jederzeit zurückziehen kann. Weltflucht? Na, wenn schon. Wer glaubt, dass Weltflucht etwas Schlechtes sei, kennt die Welt noch nicht.

Zitronengelbe Handschuhe und stiff upper lip

Die Assoziation zu Sherlock Holmes ist kein Zufall. Holmes und Watson sind ein ähnlich ungleiches Dioskurenpaar wie Jeeves und Wooster. Sie sind zwar sozial gleichgestellt, aber intellektuell denkbar verschieden. Bei Jeeves und Wooster kommt die soziale Komponente noch hinzu: Bertie Wooster ist ein junger Mann aus sogenanntem "gutem Hause". Finanziell ist er von einer reichen Tante abhängig, was ihn nicht davon abhält, das standesgemäße Leben eines Müßiggängers zu führen. Er liebt Revues und Musicals, und er trägt gern auffällige Kleidungsstücke – Stichwort: zitronengelbe Handschuhe. Trotz seiner Eliteausbildung in Eton und Oxford ist er ein Einfaltspinsel, wie er im Buche steht. Aber ein liebenswerter.

Sein Butler Jeeves hingegen hat exzellente Manieren, ist umfassend gebildet, kann alle wichtigen Literaturklassiker auswendig zitieren und verfügt über eine betonharte "stiff upper lip". Kurzum, er wäre der Inbegriff britischer Noblesse – wäre da nicht die Herkunft. Trotzdem hilft er seinem Herrn immer wieder listenreich aus der Patsche, und diese Patsche heißt bei Bertie meistens: Verlobung oder Heirat. Irgendwelche Damen wollen ihn immer unter die Haube bringen, und davor hat er eine Heidenangst.

Eine Philosophie der Heiterkeit

Womit wir bei der Handlung von "Tausend Dank, Jeeves" wären. Ehrlich gesagt: Worum es im Detail geht, ist fast egal. Wenn bei Wodehouse etwas wichtig ist, dann eine bestimmte Lebenseinstellung. Und diese Einstellung lautet: unverwüstliche Heiterkeit. Das ist sozusagen der spirituelle Kern dieser Bücher, und der ist keinesfalls gering zu schätzen.

Diesmal steht eine Partie ans Meer an, in die Nähe von Bristol. Ein alter Kumpan von Wooster möchte seinen unwirtschaftlichen Landsitz an einen amerikanischen Millionär verkaufen. Wie es sich trifft, hat der Millionär eine sehr attraktive Tochter. Die war zwar mal zwei Tage lang mit Bertie verlobt, ist jetzt aber dem Kumpan zugetan – und er ihr. Bertie möchte die zaudernden Liebenden zueinanderbringen, bringt aber stattdessen bloß alle gegen sich auf. Wie immer kommt Jeeves die Aufgabe zu, ihn aus dem Schlamassel zu retten.

Bonmots für die Ewigkeit

Natürlich liest man so ein Buch auch wegen seiner wunderbaren Formulierungen. Wodehouse lässt seinen Simpel Wooster zwar in schönster Blödheit die Ereignisse schildern, legt ihm dabei aber alleweil treffsichere Sprüche in den Mund. „Was hilft einem der frischeste Teint, wenn man das Mädchen nicht kriegt“ ist nur eines von vielen Bonmots für die Ewigkeit, die dieses Buch bietet. „Tausend Dank, Jeeves!“ strotzt von Sprachwitz und Situationskomik, vor allem, weil bei Bertie nicht nur die Gedanken, sondern immer wieder auch verschiedene Sprachebenen durcheinanderpurzeln.

Die alten Wodehouse-Übersetzungen von Fred Schmitz waren schon nicht verkehrt, aber die neueren Übertragungen von Thomas Schlachter treten in einer anderen Spielklasse an. Hier muss man gegenüber dem Original wirklich kaum noch Abstriche machen. Und so sauschwer es auch sein dürfte, bei einem Buch wie diesem immer wieder, Wort für Wort, Satz für Satz, den richtigen deutschen Ton zu finden – bedauern müssen wir den Übersetzer deshalb nicht. Für einen entsprechend begabten Menschen ist das ein Traumjob.

Glück und Wonne überall

Wir dürfen uns den Übersetzer bei der Arbeit als glücklichen Menschen vorstellen – so, wie wir uns auch den Wodehouse-Leser als glücklichen Menschen vorstellen dürfen, zumindest für die Dauer der Lektüre.

Für das Wodehouse-Lesen im Allgemeinen gilt die uneingeschränkte Empfehlung des Rezensenten. Was diesen Roman aus dem Jahr 1934 angeht: Ja, auch der ist sehr, sehr gut. Man merkt allerdings, dass es der allererste längere Auftritt von Jeeves und Wooster ist (vorher gab es nur Kurzgeschichten); die Handlung wirkt manchmal etwas gestreckt. Ansonsten: pure Wonne!

Steffen Jacobs, rbbKultur