Vittorio Magnago Lampugnani: Bedeutsame Belanglosigkeiten; Montage: rbbKultur
Bild: Wagenbach

Sachuch - Vittorio Magnago Lampugnani: "Bedeutsame Belanglosigkeiten"

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Ein Buch über kleine unscheinbare Dinge im Stadtraum: Mikroarchitektur, die wir kaum wahrnehmen, weil wir sie jeden Tag sehen und benutzen, sie aber nicht als wichtig erkennen oder wahrnehmen.

Vittorio Magnago Lampugnani, 1951 in Rom geboren, ist einer der bedeutendsten Stadtwissenschaftler weltweit. Er hat als Architekt in Mailand und Zürich gearbeitet und an den Universitäten Vorlesungen zur Geschichte des Städtebaus gehalten. Sein Buch über die "Stadt im 20. Jahrhundert" oder seine Essays zur "Modernität des Dauerhaften" sind Klassiker der Architekturgeschichte. Jetzt hat Lampugnani im Berliner Wagenbach Verlag ein neues Werk herausgebracht: "Bedeutsame Belanglosigkeiten".

Die Ästhetik des scheinbar Belanglosen

Manchmal merken wir gar nicht, dass sich die kleinen, unscheinbaren Dinge verändern oder plötzlich verschwinden, weil niemand sie mehr braucht oder weil sie zu teuer geworden sind, weil ihre Erhaltung und Modernisierung sich nicht mehr rechnet. Oder weil wir kein Gespür mehr haben für das kulturelle Erbe, die soziale Kraft und gesellschaftliche Funktion der kleinen Dinge, die Ästhetik des scheinbar Belanglosen, die Bedeutsamkeit der kleinen Dinge, die uns das Leben erleichtern, uns den Weg doch die Stadt weisen, ja eigentlich sogar das Bild der Stadt prägen.

Lampugnani ist der Meinung, wenn wir Postkarten oder Bilder von Städten wie Berlin, Paris, London, Rom oder Wien sehen, auf denen nicht die üblichen architektonischen Highlights, die bekannten Bauwerke und Wahrzeichen abgebildet sind – also kein Eiffelturm, kein Brandenburger Tor, keine Tower Bridge, kein Prater, kein Petersdom –, so würden wir die jeweiligen Städte doch genau erkennen (oder wiedererkennen). Uns in ihnen zurechtfinden, allein wegen der je nach Stadt unterschiedlichen und typischen kleinen Dinge, die den Stadtraum prägen, möblieren, unverwechselbar machen.

Eine sympathische, aber doch gewagte These eines Stadtarchitekten, der – im Gegensatz zu uns Normaltouristen – seit Jahrzehnten mit wachem Auge durch die Metropolen dieser Welt flaniert, die Geschichte der Städte, ihrer großen Bauten, kleinen Dinge und bedeutsamen Belanglosigkeiten bestens kennt.

Abfallkörbe, Ampeln, Schachtdeckel

Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken "kleine Dinge" wie der Brunnen: Er hat eine lange Geschichte, aber der Betrieb ist vielen Städten heute zu teuer geworden, so dass kein Wasser mehr fließt. Das gilt auch für die Wasserpumpe. Sie ist schon alt, aber heute, in Zeiten, da in jeder Wohnung eine Wasserleitung und ein Wasserhahn vorhanden ist, hat sie keine soziale und hygienische Funktion mehr und steht nur noch dekorativ am Straßenrand herum.

Die Straßenlampen, die Straßenschilder und die Hausnummern – die sind dagegen noch ziemlich neu, haben erst ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel, und werden in jeder Stadt anders angebracht und sehen auch in jeder Stadt anders aus. Dann gibt es die Briefkästen und Abfallkörbe, Sitzbänke, Stadtuhren und Ampeln, Denkmäler und Gedenktafeln, Trinkhallen und Kioske, Telefonzellen und öffentlichen Toiletten, Haltestellen und Schachtdeckel.

Man könnte eine sehr lange Liste erstellen, aber Lampugnani hat sich gezügelt und sich auf 22 "bedeutsame Belanglosigkeiten" näher eingelassen. Er beschreibt ihre Geschichte und Gegenwart, ihr erstes Auftreten (oft in der Antike), ihre Vernachlässigung (meistens im Mittelalter), ihre Neuerfindung in der modernen Stadt und ihre Verlotterung und Abschaffung in der Gegenwart.

Öffentliche Bedürfnisse

Da ist beispielsweise die Telefonzelle, die erste gab es 1878 in New Haven/Connecticut. In Deutschland wurde der erste "Fernsprechkiosk", wie er damals hieß, drei Jahre später an der Französischen Straße in Berlin aufgestellt. Telefon-Billets berechtigten dazu, fünf Minuten lang zu telefonieren. Richtige Münztelefone wurden erst 1899 eingeführt.

Das Aussehen der Telefonzelle hat sich immer wieder verändert. Das Postgelb der deutschen Telefonzelle haben die Nazis durch rote und schwarze Farbe abgelöst, bevor die Telefonzelle nach dem Krieg wieder gelb und von der Telekom schließlich in Grau und Magenta angepinselt wurde. Und im Smartphone-Zeitalter gerade dabei ist, ganz abgeschafft zu werden. Dasselbe Schicksal ereilt auch die typischen, roten Telefonzellen in London, die jeder kennt, die inzwischen aber weitestgehend ausgemustert wurden. Ein paar wenige letzte Exemplare stehen heute unter Denkmalschutz.

Sich die Telefonzellen ganz aus dem Stadtbild wegzudenken, fällt schwer, auch weil man viele ikonographische Bilder im Kopf hat. Wer kennt nicht die Szene aus Hitchcocks "Die Vögel", wo die verglaste Telefonzelle Zufluchtsort für die von mordlustigen Vögeln angegriffene Tippi Hedren wird.

Die öffentliche Bedürfnisanstalt dagegen könnte uns noch ein wenig erhalten bleiben: Wie nötig die Neuerfindung der öffentliche Toilette war, die schon die Römer kannten, dann aber im Dunkel des Mittelalters fast völlig verschwunden war, zeigt die Tatsache, dass bis in die Neuzeit hinein die Menschen keine Hemmung hatten, überall auf der Straße, wo sie gerade waren, ihre Blase und ihren Darm zu entleeren. Es herrschte ein fürchterlicher, unhygienischer Gestank.

Erst im 19. Jahrhundert wurden öffentliche Latrinen aufgestellt, die in manchen Städten zu schnuckeligen kleinen Häuschen und Pavillons ausgebaut wurden. Legendär z. B. ist das "Café Achteck" am Berliner Chamissoplatz, das auch zum Treffpunkt für mancherlei verbotene erotische Geschäftigkeit avancierte. Die meisten dieser architektonischen Kleinode sind aber längst den austauschbaren, abweisenden und mittelmäßigen "City-Toiletten" gewichen, die immer, wenn man sie dringend benötigt, ohnehin defekt sind.

Die Stadt mit anderen Augen sehen

Es ist ein Buch für alle, die tagtäglich ihre Stadt erleben und mehr wissen wollen über das, was sie umgibt, was sie durch den Stadtraum leitet – durch Signale und Zeichen, durch Straßenschilder und Hausnummern. Was sie zum nächsten Bahnhof bringt oder zur nächsten Bank zum Ausruhen.

Man braucht kein Spezialwissen, sondern nur Lust am Lesen und Schauen, denn Lampugnani schreibt flüssig und lässig, vermischt harte Fakten mit kleinen Anekdoten, und er streut überall Abbildungen ein, ein altes Foto, eine Postkarte, eine historische Skizze, ein architektonisches Modell. Wir lesen nicht nur, wir sehen auch die von Mies van der Rohe für das Bauhaus entworfene "Trinkhalle". Wir sehen die legendäre rote "Telefonzelle K2" aus London, den gusseisernen Berliner "Schwengelbrunnen", den alten römischen Schachtdeckel der „Cloaca Maxima“ und den modernen Schachtdeckel der Berliner Wasserbetriebe mit Funkturm und Brandenburger Tor.

Das Buch ist ein großes Lese-Vergnügen und ein opulenter Hingucker: Etwas für jeden, der seine Stadt mit anderen Augen sehen möchte.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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