William Melvin Kelley: Ein anderer Takt, Hoffmann und Campe
Hoffmann und Campe Verlag
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Roman - William Melvin Kelley: "Ein anderer Takt"

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Der Literaturzirkus schlägt manchmal seltsame Kapriolen. Kaum war der zu seinen Lebzeiten völlig in Vergessenheit geratene Schriftsteller William Melvin Kelley 2017 in Harlem verstorben, setzte eine unerwartete Renaissance seiner Werke ein. Plötzlich hieß es, seine Bücher und vor allem sein Debüt-Roman von 1962, "A Different Drummer", sei – angesichts der gesellschaftlichen Spaltung unter Präsident Trump – so aktuell wie vor 55 Jahren. Flugs machte man sich daran, ihn wieder neu zu veröffentlichen. Jetzt ist er auch unter dem Titel "Ein anderer Takt", übersetzt von Dirk van Gunsteren, in Deutschland erschienen.

Kelley hatte ein doppeltes Handicap, er kam aus einfachen Verhältnissen und er war schwarz: Aber er hatte weder Lust, sich als junger Autor an den kulturellen weißen Mainstream anzupassen, noch hatte er die Absicht, sich von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung vereinnahmen und zum Vorzeige-Rebell stilisieren zu lassen. Seine Romane, auch "A Different Drummer", waren ein literarischer Aufschrei gegen Rassismus und Ungleichheit, aber Kelley war es leid, sich gegen alltägliche Gewalt zu wehren und nutzlose Kämpfe zu führen.

Kelley emigrierte nach Paris und kam 1977 zurück nach New York

Nach den Morden an Malcolm X und Martin Luther King hatte er einfach die Schnauze voll von Amerika und emigrierte mit Frau und Kind nach Paris; später lebte er eine Zeitlang auf Jamaika und konvertierte zum Judentum. Als er 1977 wieder nach New York zog, war sein Stern längst verblasst, seine drei, vier Romane, die er inzwischen geschrieben hatte, waren den Lesern suspekt, weil sie voller grammatischer Eigenheiten und sprachlicher Verklausulierungen waren und in den unendlich mäandernden Gedankenströmen an James Joyce erinnerten.

Vor allem aber verschreckte er seine Leser, weil er sich oft zwischen alle Stühle setzte und eine weiße Erzähl-Perspektive einnahm, um das Leben der Schwarzen zu beschreiben: Das wollten weder die weißen noch die schwarzen Leser hören. Kelley hat sich aber nicht beirren lassen, ein karges Auskommen als Seminarleiter für "Kreatives Schreiben" gehabt und einfach für sich immer weiter geschrieben. Man darf also gespannt sein, was da noch aus dem Nachlass ans Tageslicht kommt.

Roman spielt 1957 in einer fiktiven Kleinstadt im US-Staat

"Ein anderer Takt" spielt im Jahr 1957, in der fiktiven Kleinstadt Sutton, in einem fiktiven US-Staat, irgendwo im Süden, eingeklemmt zwischen Alabama und Tennessee. Auf der Terrasse eines Haues versammeln sich tagtäglich einige Weiße, vertrödeln die Zeit, tauschen Infos und Gerüchte aus, beobachten, was im Ort so vor sich geht. Als Weiße, die von ihrem Erbe und ihren Besitztümern, ihren Rente und Profiten leben, haben sie viel Muße, sich ihr eigenes, weißes Leben zurecht zu lügen und den Alltag der Schwarzen zu beschönigen, von Gewalt und Ausbeutung, Rassismus und Ungleichheit reden sie nicht so gern, schon weil sie immer da war und scheinbar Gottgewollt ist.

Und so wird der Leser Ohrenzeuge, wie die Weißen ticken, was sie sagen und denken, wie sie ihre längst begrabenen Träume vergessen und staunend auf das schauen, was sich da plötzlich vor ihnen an abspielt, sie vollkommen sprachlos macht und zu den wildesten Vermutungen animiert: nämlich der Exodus der Schwarzen, die sich selbst als "Neger" bezeichnen, und von den Weißen gern als "Nigger" beschimpft werden.

Die Weißen spekulieren über den ungeheurlichen Vorgang des schwarzen Farmers

Es beginnt damit, dass an den weißen Nichtsnutzen ein Lastwagen vorbei rollt, der voll beladen ist mit Salz und zur Farm eines Schwarzen fährt: er heißt Tucker Caliban, er ist der Nachfahre eines legendären Schwarzen, der sich auf dem Sklavenmarkt seiner Ketten entledigte, flüchtete und schließlich wie ein wildes Tier abgeknallt wurde. Tucker hat seine Farm erst kürzlich von einem weißen Großgrundbesitzer erworben, der einst als junger Student im Norden war, rebellische Flausen im Kopf hatte und den Süden vom Rassismus befreien wollte, dann aber doch in den Schoß der Familie zurückkehrte und sein ausbeuterisches Erbe verwaltet.

Aber er hat ein schlechtes Gewissen und mag Tucker und erzählt alles, was er über ihn weiß, doch weder er noch alle die weißen Gaffer, die dem Wagen mit Salz hinter her rennen, verstehen, warum Tucker seinen Acker mit Salz vergiftet, seine Tiere tötet, sein Haus abfackelt, sein Bündel schnürt und sich mit Frau und Kind von dannen macht.

Warum und wohin er geht? Tucker erklärt nichts und so spekulieren die Weißen über diesen ungeheuerlichen Vorgang, der immer Rätselhafter wird, als abertausende andere Schwarze dem Beispiel folgen: Auch sie verlassen ihre Arbeit auf den Feldern, packen ihre wenigen Habseligkeiten und verschwinden einfach aus diesem Staat, der ihnen kein würdevolles Leben in Freiheit und Selbstbestimmung ermöglicht.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die sinnlose Gewalt entlädt

Die Weißen sind fassungslos, auf die Idee, dass der Exodus der Schwarzen eine Reaktion auf den alltäglichen Rassismus sein könnte, dass die Schwarzen einfach müde sind, für ihre Menschen-Rechte zu kämpfen und zu sterben, darauf kommen sie nicht. Die Weißen sind wie paralysiert. Aber der Leser ahnt natürlich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich ihre stumme Wut und Hilflosigkeit in sinnlose Gewalt entladen wird.

Ein völlig Unbeteiligter muss als Sündenbock herhalten und wird abgeschlachtet: Als ein schwarzer Prediger einer Freiheitskirche aus New York durch den Ort fährt, weil er sich ein Bild der Lage machen und herausbekommen will, was seine schwarzen Brüder und Schwestern zum Exodus antreibt, wird er – weil er ein Fremder ist und bestimmt Böses im Schilde führt – aus dem Auto gezerrt und geschlagen.

Beschrieben wird es von einem weißen Jugendlichen, der das Unrecht nicht mitansehen aber auch nicht helfen kann, weil er von seinen weißen Kumpanen festgehalten wird. Also muss er mitansehen, wie sie den schwarzen Prediger wegschleppen und zur abgefackelten Farm von Tucker bringen, um ihn dort grausam zu massakrieren.

Ein Roman von beunruhigender Aktualität

Was dort genau geschieht, muss sich der Leser aus den Fantasien eines kleinen weißen Jungen zusammen reimen: Der Junge lebt auf einer Nachbarfarm, hört die Schmerzensschreie des Predigers und die Lieder, die man singen muss, während er zu Tode geprügelt wird, aber der Junge glaubt, es seien Jubelschreie und Party-Musik, Tucker sei zurück gekommen und feiere ein lautes Fest mit Limonade und Popcorn. Da würde er auch gern dabei sein!

Ob er wirklich zu Tuckers Farm hinübergeht und was er dort zu sehen bekommt, das erspart uns Kelley in seinem virtuosen Roman, der von beunruhigender Aktualität ist und dem von Gewalt und Rassismus zerfressenen Amerika einen gespenstischen Spiegel vorhält.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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