Alison Castle: The Definitive Jacques Tati; Montage: rbbKultur
Taschen Verlag
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Sachbuch - Alison Castle: "The Definitive Jacques Tati"

Bewertung:

Der französischen Filmemacher und Schauspielers Jacques Tati ist einer der ganz großen und wichtigen Persönlichkeiten in der Geschichte des Kinos. Und das, obwohl er nur fünf Kinofilme und einen Fernsehfilm hinterlassen hat.

Jetzt ist ein Schuber mit fünf Büchern zu Leben und Werk von Tati erschienen, im Taschen Verlag und entsprechend üppig ausgestattet. Tatis Filme – sie sind so intelligent, zivilisationskritisch, subtil und eben auch sehr sehr witzig. Und gerade auch deshalb hatte ich sehr viel Vergnügen mit diesem Schuber, eben weil man gar nicht mal die DVD einlegen muss, sondern schon beim Blättern im Buch voll drin ist und am Leben seiner unsterblichen Figur des Monsieur Hulot teilnimmt.

Aber natürlich hat ein Künstler wie Tati, der 1982 mit 75 Jahren gestorben ist, immer auch mal eine Wiederentdeckung nötig. Nachwachsende Generationen haben da viel zu entdecken. Da gibt es einfach Komödien, die wirklich alles haben, was dieses Genre in seinen besten Momenten geschaffen hat. Die moderne Welt so komisch und warmherzig zu karikieren – da war Tati ganz groß.

Üppig und gut sortiert

Im Schuber sind fünf Bücher mit insgesamt über eintausend Seiten:

  • Band I enthält die Standbilder aus allen sechs Spielfilmen
  • Band II fasst sämtliche Dreh- und Skizzenbücher zusammen, illustriert mit Seiten aus Tatis Originalskripten
  • Band III gibt einen umfassenden Überblick über sein Leben und Arbeiten
  • Band IV versammelt Essays zu wichtigen Themen in seinen Filmen, zu den Sounds, der Architektur, angereichert mit vielen Fotos, Skizzen, Handschriftliches
  • Band V, "Tati Speaks", liefert zahlreiche Zitate, Interviews und bislang unveröffentlichte Erinnerungen Tatis

Das alles stammt aus Jacques Tatis Archiv, das zur Wahrung seines Vermächtnisses u.a. von seiner Tochter gegründet wurde und auf das der Verlag Taschen exklusiven und unbeschränkten Zugang hatte – also Fotos, Filmstandbilder, Dokumente, Briefe, Skizzen, auch Produktionsmaterialien usw. Da gibt es beispielsweise über mehrere Seiten eine Auflistung aller Autos und Fahrzeuge, die Tati in all seinen Filmen im Einsatz hatte. Ein wirklicher Fundus, der hier sehr üppig und gut sortiert ausgebreitet wird, englischsprachig übrigens.

Wenige Dialoge, starke Bilder

Auch ohne die Filme von Tati zu kennen, kann man mit dem Buch die Besonderheiten dieses Regisseurs und Darstellers erfassen, sehr gut sogar. Und das liegt eben an der Spezifik seiner künstlerischen Handschrift. Tati hatte seine ersten Erfolge in den Dreißigerjahren mit selbst geschriebenen Pantomimen. Als er später Filme macht, hält er daran fest, beim Schreiben und Spielen mit wenigen Dialogen auszukommen. Immer komponiert er aber ganz starke Bilder – und die nun kann man in diesem Bildband ganz wunderbar sehen.

Dann sind es die Themen, die ihn schon früh umgetrieben haben und die, so finde ich, mit jedem Tag aktueller werden. Das Reisen, der Verkehr, sowie auch eine gewisse Geometrie und Ordnung, die ins Leben einzieht – in Form von Rotlichtern, Pfeilen, Hebeln, Spuren, Über- und Unterführungen, Umfahrungen und Ausfahrten. Mit all diesen Vorschriften und Regeln, Verboten und Hinweisen kommt seine Figur nicht mehr zurecht und gerät in totale Konfusion. Und das eben mit viel Humor. Und da hat Jacques Tati ja eine ganz eigene Linie gezogen …

Opfer des Alltäglichen

Jacques Tati verbindet Humor und Melancholie auf eine Weise, wie es vor ihm eigentlich nur einer getan hat: Charlie Chaplin. Tati ist ein Clown in dieser Art. Und so wie Chaplin seinen Tramp erfunden hat, so hat er den Monsieur Hulot: ein träumerischer Trottel mit Regenmantel, Pfeife und viel zu kurzer Hose. Das ist kein Grimassenschneider, keiner, der sich bemüht, ständig lustig zu ein: Hulot ist eher das Opfer des Alltäglichen. Er eckt an, weil er nicht maßstabgerecht in seine Umwelt passt, er gerät ständig mit dem ganz Alltäglichen aneinander. Irgendwie scheinen seine Maße nicht ganz zu stimmen, seine Bewegungen asynchron zu laufen.

Insofern passt dieser wunderbare Schuber ganz ausgezeichnet zu Jacques Tati. Es ist ja nicht nur der Schuber: Der kommt noch in einem illustrierten Karton mit Tragehenkel daher. Man könnte sich glatt vorstellen, dass Monsieur Hulot solch ein schweres und sperriges Handgepäck mit in den Urlaub nehmen würde.

Danuta Görnandt, rbbKultur

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