Of Lions and Lambs © Benita Suchodrev
Benita Suchodrev
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Fotoband - Benita Suchodrev: "Of Lions and Lambs"

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Seit Boris Johnson einen überwältigen Wahlsieg eingefahren hat und als Premierminister bestätigt wurde, ist klar: Der Brexit kommt, 2020 wird in die Geschichte als das Jahr eingehen, in dem sich die Briten von Europa loslösten, unwiderruflich und mit allen unberechenbaren Folgen für Politik und Wirtschaft.

Warum ein Großteil der Briten populistischen Parolen hinterher läuft, von alter Größe träumt und unbedingt das – möglicherweise fatale – Wagnis neuer Grenzen eingehen will, ist den Festland-Europäern ein Rätsel. Die in Russland geborene und seit einigen Jahren in Berlin lebende Foto-Künstlerin Benita Suchodrev hat das keine Ruhe gelassen, sie wollte dem Geheimnis auf die Spur kommen und wissen, wie die Briten ticken. Das Ergebnis ihrer Recherchen ist jetzt in einem Fotoband mit dem Titel "Of Lions and Lambs" zu besichtigen.

Die Metapher von starken Löwen und willenlosen Lämmern

Das antagonistische Begriffspaar - hier: der starke Löwe, dort: das duldsame Lamm - steht für die ambivalente Gemütslage der Briten, ihre Großmacht-Fantasien einerseits und andererseits ihr Verleugnen der bitteren sozialen Realität. In einem beigefügten Essay erzählt Benita Suchodrev, warum sie sich erneut auf den Weg nach England, oder genauer: nach Blackpool, den Vergnügungsort an die englischen Westküste, gemacht hat, nachdem sie dort schon einmal ein paar Stunden verbrachte und alles fotografierte, was ihr vor die Linse kam.

Sie umkreist ihre Metapher von den Löwen und Lämmern, sieht auf den Straßen und Plätzen steinerne Löwen als Denkmäler der ehemaligen Weltmacht England, deren Wappentier der Löwe ist; sie erlebt in einem Zoo einen hinter Gitterstäben gefangenen, sehr traurig drein blickenden Löwen, der vielleicht noch von alten Stärke träumt, dessen Träume aber genauso absurd anmuten wie die Großmacht-Fantasien der Briten.

Sie erlebt auf der Strandpromenade, in den Spielhöllen und Kneipen Menschen, die sich den Kopf mit Alkohol vernebeln und vielleicht noch hoffen mögen, löwenhaft stark zu sein und ihr Leben im Griff zu haben, die in Wahrheit aber längst auf dem Abstellgleis gelandet sind und wie willenlose Lämmern sich zur Schlachtbank führen lassen: von der Politik geopfert, vom Brexit in den Ruin getrieben. 

Collage über die Auswüchse der Vergnügungsindustrie

"48 Hours Blackpool" war dem Zufall geschuldet, das Ergebnis einer spontanen Eingebung und versammelte Eindrücke über Leben und Alltag in Blackpool, unsortiert und willkürlich, die Fotos aus der Hüfte geschossen und zu einer Collage über die Auswüchse der Freizeit- und Vergnügungsindustrie stilisiert. Sie war damals zufällig für 48 Stunden in Blackpool gestrandet.

Es war Sommer, die Menschen liefen auf der Suche nach Abwechslung vom tristen Alltag durch die Straßen. Manchmal schien die Sonne, gelegentlich badete ein ganz Mutiger im aufgepeitschten Meer. Meistens aber sah sie lallende, grölende Menschen mit Tätowierungen, die in ihrem Erbrochenen lagen und einen riesigen Haufen Müll zurückließen. Im Sommer ist Blackpool voller Touristen, die für ein paar Tage anreisen, ihre Erspartes auf den Kopf hauen, sich auf Teufel komm raus amüsieren wollen: Der Spielplatz der englischen Arbeiterklasse.

of lions and lambs © Benita Suchodrev
Bild: Benita Suchodrev

Winter in Blackpool

Für die Foto-Recherchen von "Of Lions and Lambs" reist sie im Winter nach Blackpool, sie will wissen, wie die Stadt tickt und die 140.000 Menschen dort leben, wenn die Touristen weg sind und allenthalben der Winter-Blues herrscht: Sie fotografiert nicht mehr spontan und mit verwackelter Perspektive, sondern erzählt klug und exakt komponierte Geschichten, verfolgt einzelne Menschen über einen längeren Zeitraum, arbeitet Themen heraus, sortiert und ordnet und ihre Eindrücke: Der Fotoband wirkt wie die Abfolge von Standbildern zu einem rauen und poetischen Film-Essay über das Ende aller Träume und Illusionen.

Sie fotografiert die verrammelten Läden, die bröckelnden Häuserfassaden, die sinnlos vor sich hin blinkenden Leuchtreklamen. Überall Graffiti, Verwahrlosung, frierende Kinder auf den Straßen, streunende Tiere, Suppenküchen, in denen die Ärmsten der Armen ein warmes Essen bekommen, zahnlose Penner auf der Straße, Drogenabhängige mit zerstörten Gesichtern, Aussätzige, Eremiten.

Es ist kalt, es regnet, überm Meer flattern Vögel im Sturm, die Wellen peitschen an den Strand. Immer wieder geht sie in die billigen Bars und Sex-Schuppen, begleitet Huren auf ihrer Suche nach Kundschaft, trifft Straßen-Künstler, in Decken eingemummelte Bettler, Menschen, die am Bahnhof auf einen Bus oder einen Zug warten, der hoffentlich bald, vielleicht aber auch niemals kommt. Manche Typen flanieren grell geschminkt durchs nächtliche Blackpool, andere fletschen ihre verfaulten Restlichen Zähne und zeigen ihre leeren Gesichter.

Of Lions and Lambs © Benita Suchodrev
Bild: Benita Suchodrev

Lebensgeschichten in drei Bildern

Doch niemals macht sich die Fotografin lustig über diese verzweifelten und dem Untergang geweihten Menschen, sondern behandelt sie mit Respekt, gibt ihnen ihre Würde zurück, erzählt in zwei, drei Bildern Facetten ihrer Lebensgeschichte, sieht sie als Individuen, die von einem tollwütigen System zermalmt werden. Sie zeigt die einfachen Menschen, nackt, ehrlich und ohne Maske: ein größerer Kontrast zum „vorletzten Akt“ des desillusionieren Fotobandes wäre kaum denkbar. Denn da nimmt sie uns mit in ein altes Nobel-Hotel, das schon bessere Tage gesehen hat: gut gelaunte Partygäste haben sich versammelt, sie tragen venezianische Karnevals-Masken, futtern kleine Häppchen, schlürfen prickelnden Sekt, lächeln bemüht und blicken etwas schief, sie spielen sich und anderen Besitz und Reichtum, Erfolg und Zufriedenheit vor.

Der letzte Tanz auf dem Vulkan

Aber wenn die Party vorbei ist, werden sie ihre Maske abnehmen, abreisen, im grauen Arbeits-Alltag wieder ihr wahres Gesicht zeigen und jemand anderes sein. Die Party ist nur Traum und Illusion, verzweifeltes Spiel, letzter Tanz auf dem Vulkan. Schnell kehrt Benita Suchodrev in die Realität zurück, blickt noch einmal in ein müdes Gesicht einer jungen Frau, auf den kahl rasierten Schädel eines fetten Mannes, auf dem das Wort „England“ eintätowiert ist, und auf einen im Wind flatternden Union-Jack, vom dem nur noch ein paar Stoff-Fetzen übrig sind. Der Brexit kann kommen, schlimmer kann es eigentlich nicht mehr werden.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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