Bettina Hesse (Hg.): Die Philosophie des Singens © mairisch Verlag
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Sachbuch - Bettina Hesse (Hg.): Die Philosophie des Singens

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Es gibt wohl kein natürlicheres Instrument als die menschliche Stimme, die wir immer bei bzw. besser: in uns tragen. Bettina Hesse hat 21 Texte zum Phänomen Singen zusammengestellt – ein bunter Mix von kurios über unterhaltsam bis faszinierend.

Bettina Hesse kommt von der Philosophie und der Literatur, aber ihr geht es so wie Millionen Menschen: Sie ist eine leidenschaftliche Sängerin, hatte auch Gesangsunterricht und singt in mehreren Chören, hat sogar ein eigenes Stimm-Ensemble.

Vor allem aber sucht sie danach, dem nachzuspüren, warum Singen noch einmal etwas ganz anderes ist als das Erlernen eines Musikinstruments. Gleich zu Beginn fällt der schöne Satz: "Singen ist unmittelbar, gratis und grenzenlos."

Singen ist immer persönlich

Dabei räumt Bettina Hesse ganz klar ein: Eine eigentliche Philosophie des Singens gebe es nicht. Dafür schreiben alle 21 Autor*innen aus denkbar verschiedenen Perspektiven. Sie selbst geht vom Orpheus-Mythos aus. Der griechische Sänger soll es ja tatsächlich geschafft haben, den Gott der Unterwelt so zu rühren, dass dieser dessen Frau Eurydike auf die Erde zurückkehren lassen will.

Das geht dem Mythos nach schief, aber es steckt eine Botschaft hinter dieser Geschichte: Gesang bezwingt sogar den schlimmsten Höllenchef. Und Singen ist immer etwas Individuelles und Persönliches, nichts Abstraktes.

Ploppkonsonanten

Die Autor*innen kommen aus den verschiedensten Bereichen: Stimm-Performer, Gesangslehrerinnen, Schriftsteller, Philosophen, Journalistinnen, auch ein Psychotherapeut. Alle haben aber etwas gemeinsam: Ob Profi oder Laie – sie alle singen in Chor oder Ensemble, diese Leidenschaft teilen sie alle.

Inhaltlich geht es mal in die Philosophie, etwa dass der griechische Philosoph Platon behauptete, Singen würde die Sittlichkeit des Menschen gefährden – weil die Stimme, und das stimmt ja wirklich, durchaus etwas Verführerisches haben kann. Es geht um das Singen selbst, das Körperliche, weil es direkt mit dem Atmen verbunden ist, auch um die Geschichte der gesungenen Dichtung und wie sich Gesang und Literatur auseinanderentwickelt haben. Schöne Frage: Wann eignet sich ein Text für eine Vertonung. Anhaltspunkte als Gedicht: "Ploppkonsonanten sind gut für den Beat: / 'Tapete voll Kitekat' –  toll für so’n Lied!"

Solo und Chor für Bienen

Eine Autorin, bildende Künstlerin mit Imkererfahrung und Gesangsausbildung, nimmt das Insektensterben zum Anlass, um über das Musikalische im Summen der Bienen zu schreiben. Wenn etwa ein ganzer Bienenschwarm, immerhin bis zu 20000 Tiere, den Bienenkasten verlässt, sind die Bienen dann zunächst eine Zeitlang ohne Orientierung, und das führt zu ganz unterschiedlichen hohen Frequenzen.

Das Schlüpfen von jungen Bienenköniginnen hört sich, so die Autorin, ganz wie der Wechselgesang zwischen Solo und Chor an. Klar, das ist sehr speziell, auch leicht nerdig, aber durchaus faszinierend.

Der Stein weint mit Harz

Das Buch ist ein Mix aus fachlich interessanten und unterhaltsamen Texten, eine wirkliche konzeptionelle Systematik hat es nicht. Bettina Hesse hat genommen, was sie von jeder und jedem bekam. So buntscheckig ist es auch insgesamt geworden. Man sollte darin blättern und wird dann automatisch Texte finden, an denen man sich festliest, und solche, über die man schneller hinweggeht.

Ein Text ist wirklich berührend und begeisternd originell: Die Autorin Monika Buschey erzählt den Orpheus-Mythos ganz aus der Perspektive von Orpheus‘ Frau Eurydike. Da ist erwartbar etliches anders dargestellt – nur ein winziges Detail: Es heißt, Orpheus habe durch seinen Gesang sogar Steine zum Weinen gebracht. Stimmt aber nicht, so Eurydike in ihrem Monolog, sah nur so aus: Da war vorher Harz von einem Baum auf den Stein getropft …

Andreas Göbel, rbbKultur

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