Henry James: Gespenstergeschichten © Kiepenheuer & Witsch
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Erzählungen - Henry James – Gespenstergeschichten

Henry James war, wie viele seiner Schriftstellerkollegen und Zeitgenossen in Amerika wie in England, fasziniert vom Übersinnlichen. Was er dazu geschrieben hat, geht allerdings weit über die populären Schauergeschichten seiner Zeit hinaus. Noch heute liest es sich vieldeutig und abgründig.

Wenn ein großer Menschenbeobachter und Psychologe wie Henry James (1846- 1916) sich der Elemente viktorianischer Gruselgeschichten bedient – Unwetter, leere Häuser, Gesichter hinter Fenstern, Doppelgänger, Erscheinungen Toter – ist klar, dass das Grauen ein im Grunde sehr diesseitiges ist: Es ist das Grauen der Introspektion. Jedenfalls ist das in James' späteren Erzählungen der Fall.

Meister der Rätselhaftigkeit

Als junger Autor experimentierte er lustvoll mit Genre und ließ Gespenst noch Gespenst sein, aber je mehr Henry James seine unnachahmliche Art der Figurenführung und Figurenergründung vervollkommnete, desto mehr wurden diese Gespenster als Projektionen der menschlichen Seele erkennbar, Ausgeburten von Krisen und Ängsten.

Seine wohl berühmteste Erzählung, "The Turn oft he Screw" von 1998 liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen diesen beiden Schaffensphasen, und stellt eine Art Kipppunkt dar: Eine junge Gouvernante wähnt die beiden ihr anvertrauten Kinder in Gefahr durch ein moralisch verworfenes Paar – das allerdings schon nicht mehr am Leben ist. In meisterhafter Mehrdeutigkeit lässt James dabei offen, ob es sich um Spuk handelt oder Ängste der jungen Frau oder gar um geheime sexuelle Wünsche. Heute gibt es Dutzende von literaturwissenschaftlichen Interpretationen dieser unergründlichen und faszinierenden Erzählung.

Abgründe der Selbsterkenntnis

In dem von Werner Peterich zusammengestellten und übersetzten Band mit dem Titel "Gespenstergeschichten" (erschienen erstmals 1979) bildet diese Erzählung das Mittelstück. Ihr folgen drei Texte aus dem Spätwerk, in denen Gespenster im Limbus ungelöster Existenzfragen ihrer Protagonisten ihr Wesen treiben: Es sind Fragen vor allem nach der Richtung, die das eigene Leben nehmen soll oder schon genommen hat. Da begegnet ein zukünftiger Biograf dem verstorbenen Objekt seiner Biografie; da wartet ein Mann auf ein schreckliches, großes Ereignis, das seinem Leben, wie er fest glaubt, bestimmt ist;  und ein amerikanischer Expatriate (wie Henry James selbst) kehrt aus England in die alte Heimat zurück und trifft auf sein alter Ego, das sich nie aus New York weg gerührt hat.

Gespenster und Gespinste

In diesen späten Texten sind die autobiografischen Bezüge überaus deutlich. Aber da ist noch mehr: Figuren von Henry James sind gewöhnlich Meister der Selbstbetrachtung, die in langen Gesprächen erschöpfend über sich selbst Auskunft geben – und sich selbst doch nicht kennen. Keine Leserin sollte dem trauen, was da mitgeteilt wird. Und Auskünfte, die über andere gegeben werden, sind ebenso wenig zuverlässig: alles, was Menschen über sich und andere sagen, ist abhängig von ihrer Perspektive, ihren Interessen – und vom jeweiligen Stand der Selbsterkenntnis. Henry James schuf in all seinen Romanen und Erzählungen komplexe, feine Gespinste, die aus menschlichen Beziehungen, Irrtümern und, ja, den Gespenstern bestehen, die jede und jeder mit sich trägt.

Lektüre der Langsamkeit

Wir haben es hier – trotz aller Spannung – also nicht mit Thrillern zu tun. Es passiert äußerlich nicht viel; das, was geschieht, findet im Innern der Figuren statt, wo es allerdings lebensbedrohliche Ausmaße annehmen kann. Das geschieht langsam, sehr langsam. Deshalb braucht das Lesen große Aufmerksamkeit und viel Zeit:  Am besten geeignet sind lange ruhige Abende im Winter mit nicht allzu grellem Licht.

Katharina Döbler, rbbKultur

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