Clemency Burton-Hill: "Ein Jahr voller Wunder" © Diogenes
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Sachbuch - Clemency Burton-Hill: "Ein Jahr voller Wunder"

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Clemency Burton-Hillist ein Multi-Talent. Die 1981 in London geborene Britin arbeitet nicht nur als Autorin und als Radio-und Fernseh-Moderatorin, sie ist auch eine preisgekrönte Violinistin. Sie moderiert Klassiksendungen bei der BBC, schreibt als Kulturjournalistin für den "Guardian" und den "Observer", hat das "Aurora Orchestra" mitbegründet und – unter der Leitung von Dirigenten wie Daniel Barenboim – in den großen Musiksälen der Welt gespielt. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben, das den Titel trägt: "Ein Jahr voller Wunder. Klassische Musik für jeden Tag."

Das "Wunder" ist – natürlich – die Musik selbst. Aber es besteht auch darin, dass die Autorin uns alle – also auch alle, die sich sonst kaum oder gar nicht für klassische Musik interessieren – an jedem einzelnen Tag des Jahres ein klassisches Musik-Stück auf dem Silbertablett präsentiert. Jeden Tag eine Komposition, die uns den Tag verschönert, die Stimmung hebt, die Langeweile vertreibt, den Stress mindert, das Glück befördert, das Unglück vertreibt, uns das Leben genießen lässt – oder mit dem Tod versöhnt: Für jeden, davon ist sie felsenfest überzeugt, ist etwas dabei: Denn Musik kennt für sie keine Bildungs-Grenzen und keine sozialen Schranken, Musik ist für sie eine Universal-Sprache, eine Ur-Form demokratischer Kommunikation, ein "Wunder" der Natur. Und ihr ganz persönliches Anliegen ist, klassische Musik für jeden, egal ob Mann oder Frau, Kind oder Greis, zugänglich zu machen, egal wieviel man davon versteht. Sie hat 365 Stücke (und noch ein zusätzliches für das Schaltjahr) aus vielen Jahrhunderten der Musik-Geschichte ausgewählt, von sakralen Chorgesängen aus dem Mittelalter bis hin zur zeitgenössischen Musik. Kompositionen von Johann Sebastian Bach und Alban Berg, Clara Schumann und Hildegard von Bingen, Richard Wagner und Paul Hindemith, Alma und Gustav Mahler, Mozart und Meredith Monk, Leonard Bernstein, John Cage und Frank Zappa. Streichquartette und Klavierkonzerte, Klarinetten-Sonaten, Konzerte für Trompeten und Konzerte für Violinen, Liebeslieder und Totenklagen: es gibt nichts, was es nicht gibt, alles ist möglich: Hauptsache es passt für den jeweiligen Tag.

Klassische Musik für Jede*n

In einem Vorwort schreibt sie, dass sie als Radio-Moderatorin immer wieder Rückmeldungen bekommen hat, Hörer, die ihr sagten, wie sehr die von ihr gespielte Musik ihren Alltag bereichere, dass Freunde und auch völlig Fremde sie immer wieder gebeten haben, eine Art Playlist mit klassischer Musik zusammenzustellen. Manche wollten Musik, um besser arbeiten zu können, andere, um besser trainieren, abschalten oder schlafen zu können, Musik für eine Party, Musik für die Autofahrt. Also hat sie Musik ausgesucht, die geeignet ist, um im Alltag kurz innezuhalten und nachzudenken, mit sich selbst ins Reine zu kommen, Musik als Stärkungsmittel für Körper und Geist, als tägliche kleine Dosis für die akustische Seelenpflege. Ihr Begriff von klassischer Musik ist dabei ziemlich weit und fern von jeder elitären Attitüde: sie will Angebote machen und Schranken einreissen, zeigen, dass klassische Musik für jeden da ist, denn so wie der Mensch die Musik zum Leben braucht, braucht auch der Musiker das Publikum: ohne Zuhörer ist Musik nur eine leere Hülle. Sie sagt, die Stücke, die sie ausgewählt hat, halten einiges aus: man kann sie auf dem Weg zur Arbeit oder im Fitness-Center hören, beim Kochen oder beim Wäsche waschen, wenn man bügelt oder E-Mails schreibt: "Ganz gleich wo, Sie müssen nur auf Start drücken. Ganz egal, wer Sie sind, woher sie kommen und wie Sie dort gelandet sind, diese Stücke gehören Ihnen."

Jeden Tag kleine essayistische Miniaturen

Sie nennt nicht einfach nur den Namen eines Komponisten und das speziell für diesen Tag ausgesuchte Stück, sondern schreibt ein paar Gedanken dazu auf, kleine essayistische Miniaturen, mal charmant und klug, mal humorvoll und nachdenklich, mal lehrreich und überraschend. Der Grund kann darin liegen, dass es der Geburts- oder Todestag des Komponisten ist, dass das Stück an diesem Tag uraufgeführt oder an diesem Tag komponiert wurde, dass es auf ein Ereignis anspielt, das sich genau an diesem Tag jährt, oder dass es einfach zu diesem Tag passt, weil es die Stimmung eines Frühlings-, Sommer-, Herbst- oder Wintertages perfekt einfängt und widerspiegelt. Für den 8. Januar hat sie z.B. den 2. Satz aus dem "Concerto grosso in D-Dur" von Corelli ausgesucht, weil das sein Todestag ist und weil sie Corellis "Concerti grossi" als "unendlich einfallsreich, gefühlvoll und weich" empfindet, als eine "sehr frühe Form des Jazz", ihnen zu lauschen bringt für sie "unglaubliche Klarheit. Sie sind Balsam für die Ohren im Chaos unseres Alltags". Für den 31. Januar schlägt sie "Echorus" von Philip Glass vor, der an diesem Tag Geburtstag feiert. Sie erzählt vom Leben des Musikers, der die "Minimal Music" mitbegründet und auch mit Rock-Ikonen wie David Bowie und Schriftstellern wie Allan Ginsberg arbeitet, der seine "Echo"-Komposition im Winter 1994 für die Violinisten Edna Michell und Yehudi Menuhin geschrieben und gesagt hat, "Echorus" solle "Gefühle von Gelassenheit und Frieden" hervorrufen. "Ich weiß ja nicht," schreibt dann die Autorin, "wie es in Ihrem Leben zugeht, aber Gelassenheit und Frieden sind in meinem ziemlich knapp, daher hole ich sie mir, wo immer ich sie kriegen kann." Am 2. Juli entscheidet sie sich für den 1. Satz aus einem "Trio für Klavier, Violine und Cello in d-Moll" von Ethel Smyth. Warum? Weil am 2. Juli 1928 in Großbritannien das Wahlrecht für alle Frauen endlich Gesetz wurde. Ethel Smyth hatte dafür lange gekämpft und wurde ins Gefängnis gesteckt, sie komponierte das Kampflied der Suffragetten "The March of the Women" (Der Marsch der Frauen). Die Autorin schreibt: "Ihr so sträflich übersehenes Gesamtwerk umfasst sechs Opern und opulente Orchester- und Chorwerke, außerdem Vokalstücke und erfrischende Kammermusik – so wie dieses unterhaltsame Klaviertrio in seinem Plauderton."

Playlist für das Jahr voller Wunder

Sich eine entsprechende Schallplatten- oder CD-Sammlung zuzulegen, dürfte wohl doch etwas zu teuer sein, deshalb schlägt die Autorin vor, im Internet zu stöbern und sich die Kompositionen herunterzuladen. Wer sich die Arbeit erleichtern will, sollte einen Blick auf die Karte werfen, die dem Buch beigelegt ist: Darauf findet man den Hinweis auf eine Homepage, auf der alle 365 Stücke (bzw. 366 Stücke) in einer Playlist für das ganze Jahr voller Wunder versammelt sind: Da bleiben wahrlich keine Wünsche offen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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