Kristina Spohr: Wendezeit © DVA
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Sachbuch - Kristina Spohr: Wendezeit

Bewertung:

Kristina Spohr ist es wichtig, die "Scharnierjahre" von 1989 bis 1992 nachvollziehbar zu beschreiben. Dafür folgt sie den Hauptakteuren jener Jahre auf Schritt und Tritt und gibt detailliert ihre Kontakte, ihre Gespräche, ihren persönlichen Umgang miteinander wieder: George Bush (der Ältere), Michail Gorbatschow, Helmut Kohl, Francois Mitterand, Margaret Thatcher und auch Deng Xiaoping.

Mit dem chinesischen Führer beginnt der eigentliche Hauptteil des Buches. Spohr schreibt sehr deutlich, dass Deng Gorbatschow wegen der politischen Reformen in der Sowjetunion verachtete. Im Mai 1989 warnte er Gorbatschow in Peking vor möglichen Folgen. Deng sah früh, dass Gorbatschow einen Machtverlust der KPdSU riskierte. Und so kam es ja auch. Deng wollte für China wirtschaftliche Reformen und breiten Wohlstand, aber keinen Machtverlust der KP. So kam es ebenfalls. Um einen Machtverlust zu vermeiden, zögerte Deng nicht, Gewalt anzuwenden. Das geschah am 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Kristina Spohr schreibt:

"Es ist jedoch eine zentrale Feststellung dieses Buches, dass das Europa nach dem Mauerfall, ja unsere Gegenwart, nur zu verstehen ist, wenn man auch berücksichtigt, was 1989 auf der anderen Seite der Welt geschah. Unter Deng Xiaoping erlebte die Volksrepublik China (VRC) ein ganz anderes Ende des Kalten Krieges als Europa, ein Ende, das für immer mit dem Blutvergießen auf dem Tiananmen-Platz am 4. Juni gleichgesetzt werden wird. Chinas schrittweiser Eintritt in die kapitalistische Weltwirtschaft wurde durch Dengs unbedingte Entschlossenheit, die Herrschaft der Kommunistischen Partei zu erhalten, reguliert.  Mit diesem Balanceakt, der sich radikal von Gorbatschows vollständigem Kontrollverlust unterschied, bahnte sich Peking seinen eigenen Weg."

Keine Blaupause für die Neuordnung der Welt

Der Reflex des Westen war: keine Gewalt. Auch Gorbatschow wollte auf Gewalt verzichten. Alle "Manager des Wandels" hatten eine Weltkriegserfahrung, wenn auch als Jugendliche wie Kohl und Gorbatschow. Sie hatten aber, wie Spohr verdeutlicht – keine Blaupause für die Neuordnung der Welt. Wie sollte der Kalte Krieg friedlich beendet werden?

"Manager des Wandels"

In der konkreten Situation begriffen sich die "Manager des Wandels" schnell als kooperative Partner. Wie Spohr beschreibt, waren sie schließlich zu einem schon freundschaftlichen Umgang miteinander in der Lage. George Bush und Helmut Kohl waren – insbesondere auf bilateraler Ebene – Meister des freundschaftlichen Kontakts. Auch dort, wo es schwieriger war, z.B. mit Margaret Thatcher, die sich vehement gegen die deutsche Einheit aussprach, verdeutlicht Kristina Spohr, dass es zumindest eine Berechenbarkeit in den Beziehungen gab.

Dialogfähigkeit und Berechenbarkeit

Es ist das Verdienst von Christina Spohr, den hohen Wert dieser persönlichen Beziehungen, dieses kooperativen Austauschs, lebendig darzustellen. Im Schlusskapitel führt die Autorin in die Gegenwart und verdeutlicht, dass Dialogfähigkeit und Berechenbarkeit der Hauptverantwortlichen untereinander nicht zu ersetzen sind. Vehement kritisiert sie Donald Trump, wenn er Unberechenbarkeit als Handlungsprinzip in der Außenpolitik preist. Damit kann sie wohl nicht nur Trump gemeint haben ...

Auch verdeutlicht sie abschließend den Wert der NATO, die in der konkreten Situation eben nicht nur Sicherheit für, sondern auch Sicherheit vor Deutschland gegeben hat. Das gilt weiterhin.

Eckhard Stuff, rbbKultur

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