Petra Ahne, Judith Schalansky (Hg.): Hütten; Montage: rbbKultur
Matthes & Seitz Verlag
Bild: Matthes & Seitz Verlag Download (mp3, 5 MB)

Sachbuch - Petra Ahne: "Hütten - Obdach und Sehnsucht."

Bewertung:

Als Maria und Josef dem Aufruf zur Volkszählung folgen und sich auf den beschwerlichen Weg in ihre Heimat machten, hätten sie unterwegs gern in einer Hütte Unterschlupf gefunden, in der sie unter einigermaßen hygienischen Bedingungen ihr Kind zur Welt zu bringen können. Statt einer sauberen Hütte oder wenigstens einem Zimmer in einer Herberge wird es dann ein dreckiger Kuhstall: Der Rest ist Religion.

Aber die Hütte, als Schutzraum vor Wind und Wetter und als Ort der Träume von einem selbstbestimmten Leben ist längst zu einem Topos der Kulturgeschichte geworden. Die Berliner Journalistin Petra Ahne wollte es genauer wissen und hat ihre Recherchen über das schlichteste aller Häuser in einem Buch mit dem Titel „Hütten. Obdach und Sehnsucht“ zusammengefasst.

Der Traum vom temporären Rückzugsort lässt sich nicht so schnell verwirklichen

Anlass, sich mit der Kulturgeschichte der Hütte als Lebensraum und Traumgespinst zu beschäftigen, war weniger journalistische als privater Natur. Wie so viele Berliner Intellektuelle, die sich zwar einerseits pudelwohl im Getümmel der Großstadt fühlen und ohne die hektische Betriebsamkeit nicht leben können, hatte auch Petra Ahne eines Tages das mächtige Verlangen nach einem Rückzugsort in der Natur, nach einem Fluchtpunkt, an dem man Abstand gewinnen kann von der permanenten kulturellen Reiz-Überflutung.

Durch Zufall findet sie im Internet den Hinweis, dass ein Ehepaar ihren alten DDR-Bungalow in der Uckermark verkaufen möchte. Sie fährt mit ihrem Mann dorthin, ist sofort fasziniert und wird ohne viel nachzudenken Besitzerin einer sympathischen und niedlichen, aber doch völlig herunter gekommenen Datsche. Ihr wird schnell klar, dass ihr Traum vom temporären Rückzugsort, dem einfachen Leben auf kleinstem Raum, der freiwilligen Selbstbeschränkung auf die wichtigen Dinge sich in dieser muffigen, verschimmelten Hütte nicht verwirklichen lassen.

Seit wann lebt der Mensch in Hütten?

Also beschließt sie die alte Datsche abreißen und eine neue Hütte nach ihren Wünschen bauen zu lassen: toller Plan, doch angesichts der deutschen Bauvorschriften und bürokratischen Hindernisse schwer zu realisieren. Abriss und Neubau wird viele Monate dauern, genug Zeit, um nachzudenken, seit wann der Mensch eigentlich in Hütten lebt, wie eine Hütte am besten vor den Unbilden der Natur schützt und warum die Hütte für viele ein Ort der Träume und eine Metapher für Zivilisationskritik geworden ist. Sie fängt an zu lesen, zu reisen, redet mit Architekten und Kulturwissenschaftlern und schreibt dann dieses kurzweilige, unterhaltsame und lehrreiche Buch, und würzt es mit einer kleinen Prise Selbstironie.

Römischer Architekt Vitruv entwarf die Ur-Hütte

Sie geht - im wahrsten Sinne des Wortes - bis Adam und Eva zurück: denn solange die beiden im Paradies lebten, brauchten sie keinen Unterschlupf, keine Behausung, keinen Schutz: Sie waren Teil der Natur, frank und frei, sie brauchten keinen Raum, mit dem sie sich vor Tieren oder Feinden schützen mussten, keinen Ort, der nur ihnen gehörte und in dem sie sich ganz ungeniert vor den Blicken anderer bewegen konnten. Diese erste Hütte wird nur ein windschiefer Bau aus Sträuchern gewesen sein: bis zur Hütte, wie wir sie kennen - als kleines Haus, gefertigt aus groben Holzstämmen oder groben Holzplatten - wird noch viel reale und mythologische Zeit vergehen.

Petra Ahne macht Station beim römischen Architekten Vitruv, dessen Entwurf einer Ur-Hütte unseren heutigen Vorstellungen ziemlich nahe kommt. Sie wirft einen Blick auf die Bilder der kargen Behausungen der Eremiten im Mittelalter und nähert sich dann immer weiter der Gegenwart, in der die Hütte vieles sein kann: für viele ist sie schützendes Obdach, andere führt sie ins gesellschaftliche Abseits, manchen ist sie verklärte Sehnsucht nach einem alternativen Leben. In Amerika besucht sie z. B. den Nachbau der Holzhütte, in der der spätere US-Präsident Abraham Lincoln geboren wurde und für die Amerikaner ein Symbol dafür ist, dass man auch aus einfachsten Verhältnissen an die Spitze der Gesellschaft und bis ins Weiße Haus kommen kann.

Europäische Einwanderer brachten die Holzhütte nach Amerika

Sie beschreibt, wie europäische Einwanderer die Holzhütte mit nach Amerika brachten und mit ihnen das Land in Besitz nahmen und immer weiter nach Westen vordrangen. Sie fährt an den Walden Pond bei Boston und sieht den Nachbau der Hütte, in die sich Henry David Thoreau zwei Jahre lang verkrochen hat, um über die Fehler der Moderne nachzudenken und die Bibel der Alternativbewegung zu schreiben; sie spricht mit einem Ziel-Fahnder vom FBI, der den "Unabomber" in einer abgelegenen Hütte in einem Wald bei Lincoln/Nebraska aufgespürt und unschädlich gemacht hat, bevor er weiter seinem mörderischen Treiben nachgehen und aus zivilisatorischem Überdruss Briefbomben verschicken konnte.

In Deutschland findet sie noch ein paar alte "Nissenhütten", die für viele Flüchtlinge nach dem Krieg zum ersten Überlebensort wurden; sie redet mit einem Mann, der seine bürgerliche Existenz aufgab und seit 55 Jahren in einer Hütte im Wald wohnt und den Leuten im Nachbarort immer noch verdächtig ist, weil er mit ihrer Lebensweise des Konsums und der Technik so gar nichts am Hut hat.

In Frankreich findet sie die Hütte von Le Corbusier

Und sie besucht ein paar Aussteiger im Fichtelgebirge, die sich dort eine kleine Siedlung aus Holzhütten gebaut haben und mit ihrem Leben auf wenigen Quadratmetern hoch zufrieden sind. In Frankreich findet sie in der Nähe von Nizza etwas Bizarres: eine Hütte, in der Le Corbusier oft wochenlang hauste, derselbe Architekt, der die großen Wohnmaschinen und Beton-Siedlungen konzipierte und zur Ikone der Moderne wurde, lebte hier, so oft er sich von seinen Pflichten in Paris befreien konnte, in einer vier mal vier Meter kleinen Hütte aus groben Baumstämmen und genoss - meist halbnackt und völlig enthemmt - die selbstgewählte Einsamkeit und die anti-moderne Attitüde.

Denn eines ist ganz klar: wenn einen nicht die nackte finanzielle Not oder die bewusste Verweigerung, am bürgerlichen Leben teilzunehmen, antreibt, dann ist das temporäre Leben in einer Hütte nichts als eine neckische Attitüde, der Traum eines Traums, dem wir gern am Wochenende nachhängen, bevor wir ins wirklich Leben zurück kehren.

Das Leben in der Natur und in der Hütte steckt in uns allen

Es dauert lange, aber dann steht die Hütte fertig da, und sie weiß endlich, warum sie die Hütte so sehr wollte und brauchte: weil ihr die Verbindung und das Gefühl für die Natur in der Stadt abhanden gekommen war und sie das archaische Bündnis des Menschen, der kulturhistorisch gesehen ja viel länger in der freien Natur als in der gebauten Stadt gelebt hat, immer wieder - wenigstens für Momente - spüren und erneuen möchte.

Das Leben in der Natur und in der Hütte, meint Petra Ahne, steckt in uns allen, wir haben es nur vergessen und verdrängt. Ihr Nachbar, ein Bio-Bauer, sieht das naturgemäß etwas kritischer: Er würde es viel lieber sehen, wenn all die Hütten- und Datschen-Bewohner nicht nur am Wochenende kämen, sondern für immer bleiben, hier ihre Kinder zur Schule schicken würden. Denn während die Berliner dort im Wald und am See ihre Hüttenträume ausleben, ziehen die jungen Leute weg, sterben die Menschen und die Dörfer: Keine guten Aussichten. Irgendwann machen in den Dörfern wohl die Hüttenbewohner das letzte Licht aus. 

Frank Dietschreit, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Donna Leon: Geheime Quellen © Diogenes
Diogenes

Krimi - Donna Leon: "Geheime Quellen"

Immer sehnt man sich nach dem, was man nicht hat. Oder in Zeiten von Corona nicht darf. Wäre es nicht herrlich, jetzt nach Venedig zu reisen, durch die leer gefegten Gassen zu flanieren, die von Trubel und Tourismus befreite Lagunenstadt zu genießen, mit dem Boot hinüberzusetzen auf den Lido und dort ein erfrischendes Bad zu nehmen?

Bewertung:
William Trevor, Letzte Erzählungen © Hoffmann & Campe
Hoffmann & Campe

Erzählungen - William Trevor: "Letzte Erzählungen"

Der Tod ist in diesen "Letzten Erzählungen" des großen irischen Autors William Trevor allgegenwärtig. Er, der immer schon ein stiller, unaufdringlicher Erzähler war, scheint in diesen Texten nur noch zu flüstern. Die Melancholie der vergehenden Zeit war sein Arbeitsgebiet.

Bewertung:
Jessie Greengrass: Was wir voneinander wissen; Montage: rbbKultur
Kiepenheuer & Witsch

Philosophischer Roman - Jessie Greengrass: "Was wir voneinander wissen"

Selten war die Suche nach Erkenntnis in so schöne Worte gekleidet. Die Ich-Erzählerin in Jesse Greengrass Debütroman sucht Antwort auf die Frage: Soll ich ein Kind bekommen? Doch dabei geht es ihr nicht um ein einfaches "ja" oder "nein". Es geht ihr um Erkenntnis. Um die Frage des in der Weltseins.

Bewertung: