Zoltán Danyi: Der Kadaverräumer © Suhrkamp Verlag
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Roman - Zoltán Danyi: "Der Kadaverräumer"

Bewertung:

In seinem ersten Roman erzählt Zoltán Danyi über die Nachwirkungen des Balkankrieges. Im Roman stößt ein Räumkommando an der ungarisch-serbischen Grenze auf einen Haufen toter Tierkadaver, erschossen von Grenzsoldaten. Eine Rezension von Jörg Magenau.

Zoltán Danyi wurde 1972 als Angehöriger der ungarischen Minderheit in Senta/Jugoslawien geboren, wo er auch heute lebt – in derselben Stadt, aber nicht mehr im selben Land. Der Zerfall Jugoslawiens ist ein Trauma, das ihn und seine Generation schon deshalb besonders betrifft, weil er als Zwanzigjähriger damals im wehrdiensttauglichen Alter gewesen ist. Dem Eingezogenwerden konnte er sich zwar entziehen, indem er zum Studium der Philosophie und Literatur ins ungarische Szeged ging, doch was in seiner Heimat geschah, hat ihn tief verstört. Aus dem Schuldgefühl heraus sich anders als seine Altersgenossen davongemacht zu haben, meldete er sich freiwillig. Doch jetzt wurde er nicht genommen.

Als ungarischer Serbe war er auch immer mit der Frage konfrontiert, für wen oder was er eigentlich stünde. Seine Position aber hat ihn vor nationalistischem Wahn geschützt und aus der Distanz heraus zu einem genauen Beobachter gemacht.

Ein einziger Redeschwall

In seinem ersten Roman "Der Kadaverräumer" hat Danyi, der zuvor mit drei Gedichtbänden und als Übersetzer aus dem Englischen hervorgetreten ist, einen Helden geschaffen, der den Krieg nicht nur mitgemacht hat, sondern dort auch, wie sich im Lauf des Buches herausstellt, an grauenhaften Handlungen teilgenommen hat, an Massakern und Vergewaltigungen. Dieser Held ist so etwas wie ein Stellvertreter, mit dem Danyi seine Teilhabe nachholt und untersucht, was ihm womöglich widerfahren wäre.

Der Roman beginnt auf Umwegen, Abwegen. Der namenlose Held befindet sich zunächst in einer Berliner Klinik. Er leidet an Verdauungsstörungen, hat ein Problem mit dem Urinieren und er weiß nicht – so gleich im ersten Satz –, ob die Erde bebt oder ob ihm die Beine zittern. Dieser Mann ist ein Beschädigter, so viel steht fest, und er redet unaufhörlich vor sich hin. Er spricht zum Pfleger im Krankenhaus, zu einem Obdachlosen auf der Straße, vor allem aber mit und zu sich selbst. Der ganze Roman ist ein einziger, großer Redeschwall, die Stenographie eines Bewusstseinsstroms. Die langen, atemlosen Satzkaskaden wurden von Terezia Mora in ein derbes, poetisches Deutsch übertragen.

Bilder des Krieges

Dieser Redner gehört wie der Autor der ungarischen Minderheit in Serbien an. Er erinnert sich der Zeiten, als er während des Krieges Benzin von Ungarn herüberschmuggelte. Später war er Kadaverräumer, der mit zwei anderen Typen auf der Straße totgefahrene Tiere einsammelte. Im Krieg allerdings machten sich die Soldaten beim Wacheschieben einen Spaß daraus, Hunde, Katzen, Füchse und Wild aus purer Langeweile abzuknallen. Auch diese Kadaver müssen beseitigt werden. Noch Jahrzehnte später bedrängen diesen politisch und sexuell ganz und gar unkorrekten Helden die Bilder des Krieges.

Es geht um: Körperlichkeit

"Der Kadaverräumer" ist ein Kriegsroman, der davon handelt, welche Folgen die Gewalterfahrung hat und wie sie einen Menschen zerstört. Alles schreibt sich in seinen Körper, in sein Bewusstsein und in ein ziemlich verqueres sexuelles Begehren ein. Die Sprache als Dauerreden ist sein Mittel, um zu überleben.

Danyj zeigt, dass die nationalistische Aggression, die Waffengewalt und der ganze Wahnsinn des Mordens als eine fehlgeleitete sexuelle Aggression zu verstehen ist. Deshalb geht es in diesem Buch nicht um Ideologien, sondern um Körperlichkeit.

Ein unvergessliches Ereignis

Zunächst hat man das Gefühl, eine Komödie zu lesen. Die Fahrt nach Berlin per Autostopp mit einem Türken ist ausnehmend komisch. Eigentlich möchte er von Tempelhof per Luftbrücke nach Amerika fliegen, doch der Flughafen ist längst geschlossen. In einem anderen Kapitel steckt er im Stau in Budapest, kämpft dort seinem Durst und seinem Drang zu urinieren, was mit der Trinkflasche in der Hand zu bestürzendem Resultat führt. Oder er besucht einen Heilpraktiker in Belgrad, dem er als Entlohnung die Zehennägel schneiden muss, und der sich später als ein gesuchter Kriegsverbrecher herausstellt.

Er ist ein bisschen wie der brave Soldat Schweijk, einer, der ganze Kriegsgrauen miterleben musste, es sich aber nicht ausgesucht hat. Er ist Täter und Opfer zugleich, also keines von beidem. Als Leser muss man Mitleid mit ihm haben und sich vor ihm fürchten. Das macht diesen Roman zu einem beklemmenden, unvergesslichen Ereignis.

Jörg Magenau, kulturradio

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