Deniz Utlu: Gegen Morgen; Montage: rbbKultur
Suhrkamp
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Roman - Deniz Utlu: "Gegen Morgen"

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Was gibt einem Menschen Halt? Wann wird er ungehalten und ab wann kann man sagen, dass er jeglichen Halt verloren hat? Das verhandelte Deniz Utlu schon in seinem Debütroman "Die Ungehaltenen". Sein neuer Roman "Gegen Morgen" wirft diese Fragen wieder auf – wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise.

Kara, der Protagonist aus "Gegen Morgen", ist schlaflos. Aber nicht wegen wilder Berliner Partynächte wie in "Die Ungehaltenen". Nachts, wenn er nicht schlafen kann, sinniert der 33-Jährige über die Welt und hadert mit seinen Lebensentscheidungen. Der Roman führt in die Gedankenwelt von Kara, der – wie der Autor selbst – VWL studiert hat, in einer WG mit seinem besten Freund gewohnt hat, viele Erinnerungen an das Berliner Nachtleben hat und somit das hatte, was man ein "erfülltes Studentenleben" nennen könnte.

Jetzt führt Kara aber ein völlig anderes Leben: Er hat einen Job bei einer Versicherung, ist in einer festen Beziehung, seine Freundin wünscht sich ein Kind. Eine neue Lebensetappe könnte also beginnen.

Wenn die Gegenwart der Vergangenheit nicht standhält

Doch stattdessen beginnt etwas vollkommen anderes: Dem Protagonisten entgleitet beim zwanghaften Nachdenken zunehmend die Welt, der Zugang zu sich selbst, zu seinen Gefühlen, zu seinen Freunden, seiner Partnerin. Ein und dieselbe Lebensfrage treibt ihn ständig um: Ist das Leben, das er lebt, eigentlich "sein Leben" oder das von irgendjemand anderem – oder gar irgendein Abklatsch?

Kara denkt über die Vergangenheit nach und natürlich bleibt ein Vergleich mit der Gegenwart nicht aus. Doch das Heute kann gegenüber dem Früher nicht standhalten. Die Sinnkrise nimmt ihren Lauf – zunächst einmal schleichend.

Einerseits hat Kara keinen dringlicheren Wunsch als die Intensität von früher wiederzuerlangen. Andererseits ist er so rationalitätsverliebt, dass ihm Emotionales immer weiter entrückt. Er versucht irgendwie in mathematische Formeln zu pressen, was für den Intellekt im Grunde nicht greifbar ist. Wie besessen sucht er nach logischen Formeln für Fragen wie "Was kostet ein versäumter Kuss?" oder "Was kostet eine falsch getroffene Entscheidung im Leben?"

Was hat man mit 33 schon versäumt?

Vor allem ein vergangenes Versäumnis, eine verpasste Entscheidung bohrt sich nach langer Zeit in Karas Bewusstsein. Plötzlich erinnert sich Kara wieder an einen verschwundenen Freund, einen ehemaligen Kommilitonen namens Ramón – und macht sich auf die Suche nach ihm.

Ramón ist eine rätselhafte Figur. Damals war er wie zufällig irgendwann in der WG von Kara und seinem Freund Vince gestrandet, jahrelang schlief er mal bei ihnen in der Küche, mal im Görlitzer Park. Aufgewachsen war Ramón in einer Plattenbausiedlung in Hellersdorf, hat einen ganz anderen sozialen Hintergrund als Kara. Ramón hat nie wirklich Liebe in seinem Leben erfahren, auch nicht von seiner Mutter, er war der Typ, der auf WG-Partys zwar geduldet war, aber nie eingeladen wurde.

Ramón, der zwar sehr intelligent ist, aber mit seinen Theorien nervt, in denen er Quantenphysik und Psychoanalyse zusammenbringen will. Der, während Kara und sein bester Freund Vince konzentriert für Prüfungen lernen, in der Küche mit seinem Textmarker sitzt und jeden einzelnen Satz in einem Text markiert. Der zig Studiengänge anfängt und keinen abschließt.

Und während sich die Leserin noch fragt, ob Ramóns Scherze über Amokläufe womöglich Vorausdeutungen darstellen, ist die Erzählung längst an einem anderen Punkt angekommen. Denn eines Tages war Ramón einfach weg. Und Kara fragt sich, wie es eigentlich sein kann, dass er ihn bis heute nie wirklich vermisst oder gesucht hatte.

Kunstvolles Erzählgeflecht aus Erinnerung, Gegenwart und Wahn

Stilistisch beginnt "Gegen Morgen" als ganz realistische Erzählung. Beim Lesen folgt man Gedanken und Erlebnissen von Kara, die jedoch bald, zunächst fast unmerklich von Erinnerungen überblendet werden. Die Rückblenden beginnen schleichend und sind zum Teil sehr körperlich. Plötzlich wachsen Kara lange Haare, er trägt seine alte Lederjacke und er ist wieder der Student von früher, er gleitet in eine andere, frühere Zeit.

Teilweise sind das ganz bildhafte Passagen, in denen Kara mit Ramón andächtig durch die Staatsbibliothek am Potsdamer Platz läuft und sich plötzlich seinem früheren Ich am Schreibtisch gegenüber sieht. Während er auf diese Weise zum Beobachter einer früheren Welt wird, sieht man beim Lesen förmlich die Engel aus "Der Himmel über Berlin" von Wim Wenders vor dem inneren Auge, wie sie durch die Stabi schreiten, die Menschen beobachten und ihnen gleichzeitig nah und doch sehr fern sind.

Dass Kara sich immer mehr in seinen Erinnerungen verstrickt, in eine existenzielle Krise rutscht und immer mehr den Verstand zu verlieren droht, spiegelt sich auch auf der Erzählebene. Die Orts- und Zeitwechsel werden immer wirrer, immer phantastischer. Das erzählerische Gewebe aus Erinnerung, Gegenwart und Wahn kostet die Leserin, den Leser zunehmend Mühen, zu verstehen, wo sie sich gerade befindet – in der Realität, der Vergangenheit oder der Phantasie des Erzählers?

Deniz Utlu bringt Mathematik und Poesie kunstvoll zusammen – und will zu viel auf einmal

Sprachlich findet Deniz Utlu sehr poetische Bilder – stets besonders, niemals abgegriffen. Neben Karas mathematischem Zugriff auf die Welt trifft man auf der nächsten Seite plötzlich auf eine hoch literarische, sehr zarte und sinnliche Beschreibung eines Kusses. Das Erzählgeflecht, das in den ersten zwei Dritteln gerade die Kunst des Romans ausmacht, birgt im letzten Drittel, in dem es um die Wut der Abgehängten geht, jedoch auch die Gefahr, die Leserschaft abzuhängen.

Dort kommen gewaltige Themen zusammen: Die Sinnkrise eines 33-Jährigen, der von der Vergangenheit derartig ergriffen ist, dass er wahnsinnig wird. Gleichzeitig die große Frage nach Solidarität in einer Gesellschaft und dem Wert von Freundschaft sowie die Frage nach Potenzialen und Grenzen eines Lebens unter den Umständen, in die man hineingeboren wurde.

In diesem letzten Teil engleitet nicht nur dem Protagonisten der Zugriff auf die Romanrealität, sondern gleichzeitig dem Autor der Fokus – und driftet ein bisschen zu lange und zu heftig ab.

Sarah Murrenhoff, rbbKultur

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