Dennis Grabowsky: Verschwundene Orte in Berlin; Montage: rbbKultur
Bild: Bild und Heimat

Sachbuch - Dennis Grabowsky: "Verschwundene Orte in Berlin"

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Berlin, wie vermutlich jede andere Stadt, hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt – und ist doch auch Berlin geblieben. Orte – genauer: bestimmte Gebäude und Stadtsituationen – verschwinden. Manchmal bleiben sie in der Erinnerung von Menschen, in Erzählungen, in der Literatur.

Dennis Grabowsky macht vier verschiedene Faktoren dafür aus, warum Orte verschwunden sind: Zuallererst den Zweiten Weltkrieg und die anschließende Wiederaufbauzeit, die zunächst auch eine Abrisszeit war. Zweitens: Die politische Wende, nach der Orte verschwanden, die die Teilung markierten. Aber auch viele Orte des DDR-Alltags existieren nicht mehr.

Als dritten Faktor macht Grabowsky eine periodisch wiederkehrende Umgestaltungswut aus – schon zu Zeiten von Baumeister Schinkel und natürlich auch später und meist an prädestinierten Orten. Und schließlich sei zeitlos ein Repräsentationsinteresse zu beobachten: Etwas Neues versprach mehr Ansehen oder Profit als das Alte.

Früher war (nicht) alles besser

Neben diesen vier großen Linien gab es dann auch noch Prozesse wie die Schaffung einer autogerechten Stadt in Ost und West in den Sechzigerjahren – auch da verschwanden Orte zugunsten von Neuem, das z.T. inzwischen auch schon wieder weg ist.

Mitunter taucht die Frage auf, ob früher alles besser war. Das ist aber gar nicht so einfach zu beantworten: Die ursprüngliche Gestalt des Molkenmarktes, übrigens der älteste Platz Berlins, mag vielleicht idyllischer erscheinen als der heutige Ort. Aber die beengten und ganz sicher unhygienischen Wohnhäuser waren gewiss nicht besser.

Anders sieht es oft unter städteplanerischem und architektonischem Aspekt aus. Wenn die Eckbebauungen an Kreuzungen aufeinander Bezug nehmen, wie z.B. am Potsdamer Platz das Hotel Bellevue und das Palasthotel. Das Bellevue musste 1928 dem Columbushaus Platz machen, der Architekt Erich Mendelsohn baute ein neungeschossiges Bürohaus. Im Krieg beschädigt, stand es dann im sowjetischen Sektor, wurde HO-Kaufhaus, am 17. Juni 1953 gestürmt und angezündet und dann 1957, also noch vor dem Mauerbau, abgerissen. Heute ist das die Freifläche vor dem Hotel Ritz Carlton am Potsdamer Platz. Man merkt, dass es mit dem "früher besser" nicht so einfach ist, auch weil es verschiedene "früher" gibt.

Eindeutiger ist es vielleicht bei den alten repräsentativen Bahnhöfen: der Lehrter, der Anhalter. Oder den architektonisch durchgestalteten Kaufhäusern, wie dem alten Wertheim an der Leipziger Straße oder dem Karstadt am Hermannplatz, die an die klassische amerikanische (Wolkenkratzer-)architektur erinnerten.

Zeit- und Rundreise durch Berlin

In der Erinnerung spielen immer auch die Orte eine besondere Rolle, die erst in der jüngsten Vergangenheit verschwunden sind – im Osten wie im Westen. Und die gibt es reichlich: die Magnetschwebebahn im Westen, die Werner-Seelenbinder-Halle im Osten. Das "blub" in Britz ist nur noch Ruine, die Gaststätte "Ahornblatt" auf der Fischerinsel abgerissen. Denkmäler wie das Stalin-Denkmal oder Grenzübergangsstellen wie Dreilinden gehören dazu. Letztere Orte wird kaum jemand vermissen, im alten Romanischen Café hätte man vielleicht gern mal gesessen.

"Verschwundene Orte in Berlin" ist jedenfalls ein Buch, das einem diese Zeit- und Rundreise durch Berlin möglich und angenehm macht.

Danuta Görnandt, rbbKultur

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