Barbara Schwepcke und Bill Swainson: Ein neuer Divan © Suhrkamp
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Lyrischer Dialog zwischen Ost und West - Barbara Schwepcke, Bill Swainson: "Ein neuer Divan"

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Vor fast genau zweihundert Jahren, im Jahr 1819, erschien "West-östlicher Divan", eine berühmte Gedichtsammlung Johann Wolfgang von Goethes und eines der wichtigsten literarischen Werke zum Austausch zwischen Orient und Okzident. Nun ist ein Buch herausgekommen, das Goethes Spuren folgen will: "Ein neuer Divan" heißt es, und der Untertitel verspricht "einen lyrischen Dialog zwischen Ost und West".

Herausgegeben haben das Buch eine deutsche, in Großbritannien arbeitende Verlegerin und ein britischer Lektor: Barbara Schwepcke und Bill Swainson. Diesmal kommt nicht nur ein Dichter, diesmal kommen 24 Dichterinnen und Dichter aus Orient und Okzident zu Wort. Aber sie alle folgen der Dramaturgie Goethes.

Keine Frage: Goethes "West-östlicher Divan" ist viel mehr ist als eine Sammlung von Gedichten. Er ist eine produktive Auseinandersetzung mit Hafis, dem großen persischen Poeten des 14. Jahrhunderts, und dessen berühmter Gedichtsammlung "Diwan", und ein großartiges Beispiel dafür, wie sich ein Dichter von einem anderen anregen lässt: ästhetisch, intellektuell, spirituell und über alle Zeit- und Kulturgrenzen hinweg. Ein Lobgesang auf die dichterische Schöpferkraft und die kulturelle Neugier.

Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident

Ein "neuer Divan" könnte also gleich auf zwei Ebenen funktionieren: als Auseinandersetzung mit der Kunst der Poesie – anhand von Hafis und Goethe –, aber auch als Beschäftigung mit den Kulturen und Realitäten von Orient und Okzident. Genau darin liegt die Aktualität des Projekts, begreifen wir hierzulande doch erst langsam, dass der Orient nicht in exotischer Ferne liegt, sondern quasi vor unserer Haustür. Abend- und Morgenland bilden heute – anders als zu Goethes Zeit – eine Schicksalsgemeinschaft.

Goethe hat ausdrücklich die Nähe der beiden Kulturkreise betont und auch in religiöser Hinsicht einen schönen Universalismus vertreten. Eine der berühmtesten Strophen des Buches lautet: "Gottes ist der Orient / Gottes ist der Okzident! / Nord- und südliches Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände". Über Hafis selbst sagt Goethe: "Du bist selig, ohne fromm zu sein". Tatsächlich war Hafis zwar ein großer Korankenner, hat aber trotzdem wunderbare Loblieder auf den Wein geschrieben.

Deutsche Dichter übersetzen lieber

Goethes "Divan" hat zwölf Teile, sogenannte "Bücher", mit schönen Titel wie "Buch des Unmuts" oder "Buch des Paradieses". 24 Dichterinnen und Dichter wurden von den beiden Herausgebern des "neuen Divan" gebeten, auf die Themen dieser Teile mit eigenen Gedichten zu reagieren – zwölf aus dem Orient und zwölf aus dem Okzident, je zwei pro Kapitel. So weit, so einleuchtend.

Doch "Ein neuer Divan" ist ursprünglich in Großbritannien erschienen und wurde erst nachträglich für den deutschsprachigen Raum adaptiert. Man hat für die deutsche Ausgabe 21 deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker gewonnen und sie gebeten, sich an dem Vorhaben zu beteiligen. Man glaubt es kaum, aber die meisten deutschsprachigen Teilnehmer haben sich dafür entschieden, keinen eigenen Text zu schreiben, sondern sich als Übersetzer der schon vorhandenen Gedichte zu betätigen.

Arabisch, Persisch oder Türkisch dürften dennoch die wenigsten von ihnen beherrschen. Deswegen wurde mit sogenannten Interlinearübersetzungen gearbeitet, also Übersetzungen von Fachleuten, die den Inhalt möglichst getreu wiedergeben. Auf dieser Grundlage haben dann die deutschen Lyrikerinnen und Lyriker die Originale nachzudichten versucht.

Der Dichterfürst und die poetische Soße

Das Verfahren ist nicht unüblich, aber auch nicht unproblematisch. Es geht stillschweigend davon aus, dass sich bei einem Gedicht Sprache und Inhalt trennen lassen: Ein Übersetzer sorgt für den faktischen Kern, und ein Dichter gießt die poetische Soße darüber. Aber ein gutes Gedicht ist immer beides: formgewordener Inhalt und Inhalt gewordene Form. Obendrein bekommt der Nachdichter nur einen unvollkommenen Eindruck von den ästhetischen Mittel des Originals.

Nun wäre das alles nicht so schlimm, wenn die Gedichte großartig wären. Sind sie es? Zunächst einmal fällt auf, dass es wenige Bezugnahmen auf Goethe gibt. Der marokkanische Dichter Mohammed Bennis schreibt allerdings galant: "O Dichterfürst, Goethe, (...) / ich sehe dich heute von Zeit zu Zeit wiederkommen / du schaust von deiner Himmelsleiter herab, uns verbindet der Traum / der aus deiner Tinte erstand". Aber allzu groß scheint das Interesse am "Dichterfürsten" dann doch nicht gewesen zu sein. Immerhin, allfällige Anspielungen werden im Anhang benutzerfreundlich aufgeschlüsselt.

Eindrückliche Verse und enttäuschendes Schweigen

Man findet durchaus eindrückliche Verse, die allerdings der Vorlage des "West-östlichen Divan" eigentlich nicht bedürfen. Beispielhaft herausgegriffen sei ein Gedicht der ägyptischen Lyrikerin Iman Mirsal, das dem "Buch der Liebe" zugeordnet ist und einige verstörende Impressionen aus der arabischen Lebenswelt vermittelt: "Jahrelang habe ich Schafe gehütet, und doch bluteten meine Füße auf dem Weg in die Stadt / (...) vor deren Krieg du geflohen bist, in deren Spiegeln du immer noch Leichen siehst. / Ich bin blind und du willst nicht sehen" (nachgedichtet von Steffen Popp).

Der Palästinenser Mourid Barghouti wiederum hat zwei Zeilen geschrieben, die (in der Nachdichtung von Silke Scheuermann) geradezu Klassikerstatus erheischen: "Einen Tyrannen erschaffen ist einfach: / Du musst nur in die Knie gehen". Kurzum: Der orientalische Teil lädt zu Entdeckungen ein.

Bei den deutschen Lyrikerinnen und Lyriker haben wir es mit den "üblichen Verdächtigen" zu tun, die Auswahl ist etwas langweilig. Eigene Gedichte haben nur drei beigesteuert: Durs Grünbein, Jan Wagner und Raoul Schrott. Jan Wagners Gedicht weiß vielleicht am ehesten einzuleuchten, weil es sich auf ein Zitat Goethes bezieht und Hafis’ lyrische Lieblingsform, das Ghasel, sicher handhabt. Insgesamt bleibt aber festzuhalten: Zum Dialog zwischen Orient und Okzident haben 18 von 21 deutschsprachigen Dichtern inhaltlich nichts beizutragen.

Das ist enttäuschend, und an dieser Enttäuschung des Rezensenten konnten dann auch die zwar lesenswerten, aber wie angepappt wirkenden literaturwissenschaftlichen Essays nichts ändern, die sich am Ende des Bandes mit der Wirkungsgeschichte von Goethes "Divan" und der Qualität früherer Hafis-Übersetzungen beschäftigen.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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