Detlef Berghorn / Markus Hattstein: "The Roaring Twenties. Die wilde Welt der 20er" © Wissenschaftliche Buchgesellschaft / Theiss Verlag
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The Roaring Twenties - Die wilde Welt der 20er

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Geschichte wiederholt sich nicht, sagt ein gern zitierter Gemeinplatz. Trotzdem kehrt dann doch – ob in Politik oder Wirtschaft, Mode oder Kultur – vieles wieder. Im Guten wie im Schlechten.

Der neueste Hype will uns weismachen, dass die 1920er Jahre nicht nur wild und verrückt, sondern auch aufregend und golden waren. Fernseh-Serien, Liederabende und Musicals über "Babylon Berlin" haben Hochkonjunktur. Detlef Berghorn und Markus Hattstein, beide sind Historiker und Philosoph, Theologe und Schriftsteller, versuchen, Wunsch und Wirklichkeit eines verklärten Jahrzehnts in Wort und Bild einzufangen: "The Roaring Twenties. Die wilde Welt der 20er" heißt ihr Buch.

Alt bekannte Fakten werden neu sortiert

Denkt man an die "wilden 20er", gehen einem sofort die üblichen Klischee-Bilder durch den Kopf, sieht man vor dem inneren Auge einen grellen Tanz auf dem Vulkan, der in Krisen und Kriegen mündete. Im Buch erfahren wir nicht viel Neues und Unbekanntes, aber die beiden umtriebigen Autoren, die sich auf vielen Feldern der Politik und Kultur tummeln, sortieren die alt bekannten Fakten über dieses krisenhafte Jahrzehnt noch einmal neu, schauen auch auf verdrängte und vergessene Ereignisse und lassen den Blick auch in andere Regionen der Welt schweifen. Denn es ist ja auch wiederum nur ein Klischee zu glauben, dass die wilden 20er nur – oder vor allem – in Berlin stattgefunden haben.

Explosion auf allen Gebieten der Kunst und Technik – nicht nur in Berlin

In den 20er Jahren findet eine wahre Explosion auf allen Gebieten der Kunst und der Technik statt: vom Dada bis zum Telefon, vom Film bis zum Automobil, vom Bauhaus bis zur Frauenemanzipation, vom Kabarett bis zum Agitprop, vom Massenkonsum bis zur Massenpresse. Natürlich holen die Autoren all die Bilder aus der Klamotten-Kiste der 20er Jahre, die wir hinlänglich kennen: leicht bekleidete Revuegirls, schwitzende Jazz-Musiker, rasende Reporter, Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nazis, Caféhaus-Literaten und Frauen mit Bubikopf, Boxer und Gangster: aber sie zeigen auch, dass all diese Erscheinungen und Ausdrucksformen der aufgestauten und jetzt eruptiv ausbrechenden neuen Zeit in vielen Metropolen der Welt zum Vorschein kamen.

Von Berlin über Moskau bis nach New York und Shanghai

Sie beginnen, wenig überraschend, mit Berlin, dem Labor der Moderne, wo sich die Schatten des Krieges und die neue Welt der Vergnügungstempel und der sozialen Kontraste besonders deutlich zeigt. Aber dann reisen sie nach Wien und Rom, nach Paris und London, nach Lissabon und Moskau, nach New York und Chicago, nach Shanghai und Tokio. In Berlin geht es um Dada und Kabarett, die Modedroge Kokain und Neues Wohnen, um soziales Elend und politisches Chaos, das einem Herrn Hitler Tür und Tor öffnet. In Wien blicken sie auf die Erforschung des Seelenlebens durch einen gewissen Dr. Freud und schauen auch schnell noch bei den im Caféhaus hockenden Kritikern vorbei. In Rom geht es um den Rausch der Automobil-Geschwindigkeit und um den Aufstieg eines gewissen Herrn Mussolini, der Italien in den Faschismus führt. In Paris schauen sie sich den Surrealismus an, die bunten Tanz-Revuen, die Mode von Coco Chanel; in London vergnügt sich noch einmal das Empire, bevor es untergeht; in Lissabon feiern Art Deco und Jazz-Szene wilde feten, bevor Salazar die Macht ergreift und das Land jahrzehntelang in einer Diktatur versinkt. New York ist im Tanzfieber und erlebt den Börsen-Crash am Schwarzen Freitag; in Chicago erobern Al Capone und der Jazz die Macht; in Moskau geht es um Agitprop und die Film-Revolution von Sergej Eisenstein; in Tokio um das große Erbeben von 1923 und wie danach die Kunst, die Architektur, die Stellung der Frau, neu erfunden wird; in Shanghai definieren russische Emigranten und Drogen-Händler Kunst und Politik neu, bevor Mao zum langen Marsch aufruft und China in ein Menschenexperiment verwandelt.

Die 20er Jahre im weltweiten Vergleich

Es geht also, bei allen Stationen, immer um Kunst im gesellschaftlichen Raum, um Kultur auf der Folie politischer Verwerfungen. Nach einem einleitenden Abschnitt zur politischen Situation und kulturellen Besonderheit der jeweiligen Stadt in den 20er Jahren werden auf jeweils zwei, drei Seiten die einzelnen Themen kurz und bündig angepackt und abgehakt: Wenn es – in Berlin – um die Schatten des Krieges geht, bebildert eine Collage mit Kriegskrüppeln von Otto Dix den knappen Text; wenn es um die Berliner Luft geht, sieht man einen über das Nikolai-Viertel schwebenden Zeppelin. New York ist im Charleston-Fieber und demonstriert das mit einem Foto eines Tanz-Wettbewerbs, und im Cotton Club sieht man auf Fotos, wie schwarze Musiker und Tänzerinnen für den richtigen Sound und die ausgelassene Stimmung sorgen. Moskaus revolutionäre 20er sind nicht ohne die Szene aus "Panzerkreuzer Potemkin" denkbar, in der ein verlassener Kinderwagen durch die Reihen der Sterbenden die Treppe zum Hafen hinunter kullert. Was wäre Paris ohne ein Foto der lasziven Josephine Baker und Wien ohne ein Foto des Karl-Marx-Hofs, der bis heute als Musterbeispiel sozialen Wohnens dient und die größte zusammenhänge Wohnanlage der Welt ist? Das Buch wirkt wie eine klug kommentierte und reich bebilderte Ausstellung, durch die man als Leser und Zuschauer gern hindurch flaniert.

 

Wenn die soziale Frage nicht gelöst wird ...

Derzeit wird viel darüber spekuliert, ob die soeben angebrochenen neuen 20er wie die alten 20er werden könnten und wir wieder auf einen großen Crash zusteuern: Das Buch über die "Roaring Twenties" könnte bei der Diskussion behilflich sein, denn es zeigt, wohin es führt, wenn man die für das Gelingen oder Scheitern einer Gesellschaft alles entscheidende Problematik, nämlich die soziale Frage, nicht löst. Die Weimarer Gesellschaft ist nicht zugrunde gegangen, weil man sich zu viel amüsierte und tanzte, sondern weil die Schere zwischen Arm und Reich immer größer, die Wohnverhältnisse immer katastrophaler und die Mieten immer unbezahlbarer wurden. Nur auf der Folie der sozialen Ungleichheit und des Gefühls vieler Menschen, abgehängt zu sein und keine Perspektive zu haben, konnten Populisten an die Macht kommen und die Welt in den Abgrund führen. Genau das beschreibt und bebildert das Buch: dass Kunst und Musik, Mode und  Architektur auf gesellschaftliche Krisen reagieren und zuspitzen. Krisen beheben kann nur die Demokratie. Wenn sie nichts mehr gilt, dann Gnade uns Gott.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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