Sebastian Fitzek: Das Geschenk © Droemer Knaur
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Psychothriller - Sebastian Fitzek: "Das Geschenk"

Bewertung:

Einen Analphabeten zur Hauptfigur eines Psychothrillers zu machen, ist gar keine so schlechte Idee. Durch das Handicap sind Verwicklungen quasi vorprogrammiert und lassen sich handlungsfördernd fast beliebig vermehren.

In Sebastian Fitzeks "Das Geschenk" leidet Milan Berg, ein Kleinkrimineller von 28 Jahren, unter dem völlig Unvermögen zu lesen und im übrigen auch zu schreiben. Was ihn in eine prekäre Lage bringt, als ihm im Berliner Straßenverkehr ein Mädchen auffällt, das in großer Not – mutmaßlich wurde die ca. 13jährige entführt – einen Zettel von innen an die Scheibe des Autos hält, in dem vorn zwei verdächtige Erwachsene sitzen. Milan, der das Glück im Unglück hat, ein fotografisches Gedächtnis zu besitzen, merkt sich die Gestalt der Schriftzeichen und nimmt die Fährte auf. Sie führt ihn über diverse Schauplätze in Berlin, über Autobahnen und über Parkplätze in seine Heimat Rügen und tief hinab in seine eigene Vergangenheit.

Hanebüchene und gewaltgeile Geschichte

Bei der detektivischen Suche nach dem Mädchen wird Milan von seiner Freundin Andra unterstützt. Er hatte sie bei einem Überfall auf den American Diner kennengelernt, in dem sie arbeitet. Und das lief wie folgt: Milan, unweit des Diners im Auto sitzend, gab sich als Polizist aus, warnte Andra vor einem Psychopathen mit Gesichtsmaske, sicherte ihr die ständige polizeiliche Überwachung zu, um sie an Ort und Stelle zu halten, und marschierte selbst in den Diner – mit Gesichtsmaske, wie sich versteht. Andra allerdings, nicht blöde, stellte ihn per kräftigem Gebrauch eines Baseballschlägers kalt. Um ihn alsbald, angetan von so viel krimineller Kreativität, ihrem Chef als Mitarbeiter zu empfehlen. Ein wirklich hübscher Beginn für eine kolportagemäßige Liebesgeschichte. Und auch der Analphabetismus Milans führt zu vielen Situationen voller Verzweiflung und Komik. Aus der Konstellation ließe sich etwas machen. Nur leider ist es so: Alles, was in "Das Geschenk" halbwegs seriös, interessant oder originell daher kommt, ist letztlich nur Beiwerk für eine hanebüchene und gewaltgeile Geschichte.

Fitzek offenbar süchtig nach dem ganz harten Tobak

Es sagt viel über Fitzeks Geschmack aus, dass er seinen Thriller mit der Vergewaltigung Milans durch Mit-Häftlinge in der JVA Tegel beginnen lässt. Der Penis eines Vergewaltigers hat nach Milans Gefühl und Fitzeks Diktions die "Größe eines Feuerlöschers". Zeus, der böse Boss unter den Häftlingen, droht glaubhaft, Milans "Zwölffingerdarm" mit einem heißen "Plätteisen" traktieren zu lassen, wenn der frisch Vergewaltigte keine überzeugende Geschichte zu erzählen habe. Milans Geschichte füllt dann die weiteren Seiten des Buches (natürlich nicht in direkter oder indirekter Rede, sondern in gängiger Thriller-Form). Jede andere Rahmenhandlung, oder auch keine, wäre denkbar gewesen. Aber Fitzek, offenbar unheilbar süchtig nach dem ganz starken Tobak, will seinen Lesern zum Start halt die Drohung mit dem Bügeleisen und dem Zwölffinger-Darm präsentieren.

Spannung um jeden Preis

Generell suhlt sich Fitzek in eher fadenscheinig motivierter Grausamkeit und Folter. Und er will Spannung um absolut jeden Preis. Kaum ein Kapitel endet ohne billigen Cliffhänger. Immer ist alles anders, als es scheint, und dann doch wieder ganz anders als nur anders. Ähnlich hemmungslos bedient sich Fitzek erzähltechnisch hilfreicher Zufälle. Kurz: Er dreht ständig so wild an der Story herum, dass ihr jede Wirklichkeitsanmutung abhanden kommt. Man liest das Machwerk eines Text-Bastlers, der an die Maxime glaubt: Je mehr abstruse Wendungen, desto besser. Fast alles, was an dem Buch grundsätzlich taugen könnte, opfert er für das billige Plot-Spektakel.

Erzählperspektive wechselt kapitelweise

Erkennbar traut Fitzek seinen Lesern nicht viel zu. Einerseits wechselt er die Erzählperspektive kapitelweise von Figur zu Figur – nicht wie William Faulkners "Schall und Wahn" oder sonstiger Hochliteratur, klar, aber immerhin oberflächlich. Andererseits steht über jedem Kapitel, welche Figur jetzt an die Reihe kommt, was jegliches Mitdenken überflüssig macht. Das aber ist auch schon wieder egal, weil letztlich jede Figur die brutal-auktoriale Page-Turner-Story fortführt und Fitzek in Sachen Ausdruck und Stil im Zweifel auf das pennälerhafte Auf-die-Kacke-Klopfen vertraut.

Offenes Bekenntnis zum Schund

Soll man das alles ironisch verstehen? Gesegnet jeder, der das kann! De facto fehlt es an Ironie-Signalen. Es ist auch höchst unwahrscheinlich, dass der seit langem erfolgreiche Autor Fitzek seinem Publikum durch die Blume mitteilen will: "Kinder, überlegt mal, auf was für einen Schmu Ihr da abfahrt!" Man hat eher das Gefühl, dass Fitzek zwanghaft an der Eskalationsschraube dreht und es für eine schriftstellerische Top-Leistung hält, jede noch so absurde Wendung hinterher pseudo-plausibel zu machen. Seine wichtigste ist auch seine nervigste Strategie: Er enthält Lesern wie Figuren jenseits aller Glaubwürdigkeit elementare Informationen vor, um sie dann allmählich mit großen Hallo aufzutischen. Das schließt nicht aus, dass Fitzek selbst weiß, was er da verzapft. Aber im Vergleich etwa mit Wolf Haas' ironischen Brenner-Krimis ist "Das Geschenk" ein offenes Bekenntnis zum Schund.

Unser Beileid gilt den Beschenkten

Gewiss, Hunderttausende Leser beurteilen die Sache – zu Fitzeks Glück – ganz anders als der betäubte Rezensent. Ihnen kommt es vermutlich auf die berühmt-berüchtigte Atemlosigkeit bei der Lektüre an, die der Daseinsgrund solcher Thriller ist – auch wenn solche Atemlosigkeit nur um den Preis vorsätzlicher Gedankenlosigkeit zu haben ist. Aber nun. "Das Geschenk" wird stets in einem Faltkarton mit aufgemalter Schleife in Form eines ... wie kreativ ist das denn! ... Geschenks verkauft. Unser Beileid gilt den Beschenkten.

Arno Orzessek, rbbKultur

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