Jörg Fauser: Ich habe große Städte gesehen | Caliban Berlin © Diogenes
Diogenes
Bild: Diogenes Download (mp3, 5 MB)

Roman - Jörg Fauser: "Ich habe große Städte gesehen" und "Caliban Berlin"

Bewertung:

Am 16. Juli 1987 feiert der Autor Jörg Fauser seinen 43. Geburtstag. Irgendwann verlässt er seine eigene Party und wird morgens um vier Uhr in der Frühe auf einer Autobahn bei München von einem Lastwagen erfasst und stirbt. Ungeklärt ist bis heute die Frage, was der offenbar stark alkoholisierte Fauser zu Fuß auf der Autobahn zu suchen hatte.

Die Gerüchte, sein Tod habe etwas mit Fausers Recherchen über die Verbindungen von Drogenmilieu und Politik zu tun, wollen nicht verstummen. Seine Bücher waren lange vergriffen und genießen längst Kult-Status. Der Diogenes Verlag hat nun begonnen, Fausers Werk neu zu sichten und zu veröffentlichen. Nach "Das Schlangenmaul" und "Rohstoff" sind jetzt zwei weitere Bücher erschienen: "Ich habe große Städte gesehen" und "Caliban Berlin".

Sammlung der garstigen Beiträge aus seiner Zeit in Berlin.

"Caliban" ist der Unhold aus Shakespeares Stück "Der Sturm": Fauser hat immer wieder in seinen Romanen, Gedichten und Kolumnen Shakespeare herbei zitiert und virtuos mit Shakespeare-Motiven und -Figuren hantiert. Mal liegt ihm der Mörder Macbeth am Herzen, mal der Zauderer Hamlet, mal Caliban, den er dann als Pseudonym für seinen Kolumnen wählt, die ab 1980 in der Berliner Zeitschrift "tip" erscheinen.

Aus "Calibans Kolumne", die manchmal wie eine Short-Story mit literarisch freigeistigem Ambitionen und politisch unkorrektem Gestus daherkommt, wird bald die Kolumne: "Wie es euch gefällt": also schon wieder Shakespeare! Das jetzt erschienene Buch versammelt all diese garstigen und frechen Beiträge, die Fauser als zeitweiliger Bewohner von Berlin verfasst hat, um den damaligen Zeitgeist, der eingeklemmt ist zwischen alternativer Szene und anarchistischer Hausbesetzung, korrupter politischer Klasse und bürokratischen Sumpf, ein paar satirische Hörner aufzusetzen.

Die Kolumnen nehmen die Moden und Marotten dieser seltsamen Epoche aufs Korn.

Sie sind eine Fundgrube für alle, die sich ein Bild machen wollen vom Zeitgeist der 1980er Jahre, wo plötzlich jeder, der gestern noch auf der Straße demonstrierte und die kommunistische Welt-Revolution predigte, heute lieber Karriere machen und Geld scheffeln wollte. Die Kolumnen nehmen die Moden und Marotten dieser seltsamen Epoche des konservativen Roll-Back aufs Korn - Helmuth Kohl in Deutschland, Margaret Thatcher in England, Ronald Reagan in den USA.

Sie reiben sich an dem bizarren kulturellen und politischen Biotop West-Berlin, das zwischen Schrebergarten-Idylle und anarchistischen Häuserkampf schwankte; sie ironisieren das Gehabe und Getue der Kultur-Schickeria und die Zimmerpflanzen-Mentalität der alten Bundesrepublik; sie unterscheiden sich in Stil und Ton von allem, was damals geschrieben wurde - und würden heute, weil sie gegen den kuscheligen Mainstream verstoßen und in Zeiten der Häppchen-Beiträge viel zu lang sind, so nicht mehr geschrieben und erscheinen.

Literarische Wurzeln in Amerika bei den Beat-Poeten

"Ich habe große Städte gesehen" präsentiert uns den Lyriker, der seine literarischen Wurzeln in Amerika hat, bei den Beat-Poeten Allen Ginsberg und Jack Kerouac, den Krimi-Autoren Dashiell Hammett und Raymond Chandler, den Nihilisten Charles Bukowski und William S. Burroughs. Die Gedichte aus "Die Harry Gelb Story" und "Trotzki, Goethe und das Glück" sind hier versammelt, außerdem alle in diversen Zeitschriften publizierten Gedichte, der Titel des Bandes ist aus einem Gedicht von 1978 geborgt, da heißt es: "Ich habe die großen Städte gesehen / und habe die großen Städte immer geliebt, / ihre Frauen, ihre Bars, ihre / Dämmerungen vor dem Gebrüll / der Maschinen und dem Sturm / auf die Bastille, // Berlin, Paris, New York, / eine Straßenecke in Schöneberg / erregt mich tiefer / als der Schnee / auf dem Mont Blanc / oder die Wälder / im Untertaunus". 

 

Die Müllabfuhr rumpelt in seinen Gedichten.

Es sind einfache Gedichte, geschöpft aus der Realität, in der sich Fauser bewegte, sie handeln von der Schönheit des Drecks, dem täglichen Überlebenskampf in einer menschenfeindlichen Umgebung. Jede Idylle ist ihm zuwider, stattdessen rumpelt in seinen Gedichten die Müllabfuhr laut durch den Hinterhof und sehnt sich der Autor nach einem Glas Bier. Manchmal gibt Fauser den knallharten Macho, er ist ständig unterwegs und heimatlos, seine Wut auf die Väter-Generation ist genauso groß wie seine meistens unerwiderte Liebe zu den Frauen, die er heiß begehrt, aber nie versteht. Die Gedichte sind stark rhythmisiert und warten darauf, von einer seiner Lieblingsbands, den Beatles, den Stones, den Doors, gesungen zu werden: es wurden dann aber doch nur die Alt-Rocker Achim Reichel und Sängerin Veronika Fischer, die einiger seiner Gedichte vertonten. 

Fauser als eine der wichtigsten und stilprägendsten Stimmen

Wenn man sich dereinst kulturhistorisch über die Epoche zwischen gesellschaftlichem Aufbruch und globaler Digitalisierung der beugen wird, wird man Fauser als eine der wichtigsten und stilprägendsten Stimmen herausheben, ihn als jemanden würdigen, der sich bewusst von allen verstaubten Denkschulen, eingefahrenen Mustern und verlogenen Ismen fern gehalten hat; der keine Stipendien, keine Preise und keine Gelder aus öffentlicher Hand bekommen hat, sondern seinen eigenen Weg gegangen ist, überzeugt, dass ein Schriftsteller sich nicht scheuen darf, sich selbst und andere zu verletzen, dahin zu gehen, wo es wehtut, wo man aneckt und - im wahrsten Sinne des Wortes - auch mal richtig was auf die Fresse bekommt. Ich sehe derzeit keinen einzigen deutschsprachigen Autor, der sich aus der literarischen Wohlfühloase aufmacht und in die selbstzerstörerische Kampfzone eines Jörg Fauser vordringt und - statt nach Stipendien und Preisen zu schielen - alles auf eine Karte setzt, auch auf die Gefahr hin, komplett zu scheitern, nachts auf der Autobahn herumzugeistern und uns heute Rätsel aufzugeben.

Frank Dietschreit, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Der legendäre Musiker wäre 80 Jahre alt geworden - John Lennon: Zwei neue Biografien

Eigentlich könnte der 9. Oktober 2020 ein Tag der Freude sein: Denn der legendäre Song-Writer und Friedensaktivist John Lennon hätte seinen 80. Geburtstag gefeiert. Doch ein psychisch verwirrter Attentäter feuerte am 8. Dezember 1980 in New York mehrere Kugeln auf den ehemaligen Beatle, der gerade sein Comeback plante. Nun sind gleich zwei neue Biografien erschienen.

Bewertung:
Alice Schwarzer: Lebenswerk © Kiepenheuer & Witsch
Kiepenheuer & Witsch

Autobiografie - Alice Schwarzer: "Lebenswerk"

Nach "Lebenslauf" folgt "Lebenswerk": Im zweiten Teil ihrer Autobiografie nimmt sich Alice Schwarzer ihre Arbeit der letzten 50 Jahre vor. Die großen Debatten und Themen, von Abtreibung über Prostitution, Pornografie und Sexismus bis zum Islamismus und der #MeToo-Debatte. Selbstkritik liegt der Ikone des Feminismus dabei fern.

Bewertung: