Jonathan Franzen: Wann hören wir endlich auf, uns etwas vorzumachen © Rowohlt Taschenbuch Verlag
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Essay - Jonathan Franzen: "Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?"

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Beim Weltwirtschaftsforums in Davos wurde jetzt wieder deutlich, wie man die Welt mit völlig verschiedenen Augen sehen kann. Während Klima-Aktivistin Greta Thunberg davon sprach, dass die Welt in Flammen steht und sie eine sofortige, radikale Reduktion aller Emissionen anmahnte, verbreite US-Präsident Donald Trump heiteren Optimismus, lobte seine eigene Politik und wies die Propheten des Untergangs aufs Schärfste zurück.

Schade, dass Schriftsteller und Vogelkundler Jonathan Franzen nicht nach Davos eingeladen war. Der Autor, der seit dem Bestseller-Erfolg von "Die Korrekturen" in der ersten Liga der Weltliteratur spielt, hat sich des öfteren mit unkonventionellen Vorschlägen in die Umwelt-, Klima- und Artenschutz-Debatte eingemischt. Jetzt erscheint ein schmales Bändchen von nur 64 Seiten mit dem langen Titel: "Wann hören wir endlich auf, uns etwas vorzumachen. Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können."

Das Spiel ist aus

Franzen möchte, dass wir ehrlich sind und der schmerzlichen Wahrheit ins Auge sehen, und die lautet: Das Spiel ist aus, wir haben den "Point of No Return" erreicht, wir werden den Klimawandel nicht mehr kontrollieren und die Katastrophe nicht mehr verhindern. Auch wenn – was unwahrscheinlich ist – sich die Politiker*innen nicht morgen, sondern noch heute aufraffen, die Emissionen mit sofortiger Wirkung radikal zu reduzieren und die Weltwirtschaft radikal umzubauen: Es ist zu spät, bis nachhaltige Effekte eintreten, würde es Jahre dauern, die wir nicht mehr haben. Der Klimawandel wird kommen und er wird fürchterlich werden: Dürre, Brände, Hungerkatastrophen, gigantische Flüchtlingsströme, gegen die alles bisherige nur ein harmloses Vorspiel war.

Franzen will – trotz allem – Hoffnung verbreiten

Trump und seine weltweit an den entscheidenen Machthebeln sitzenden Klimaleugner und Umweltsünder tun ihm leid. Genauso alle Klima-Aktivist*innen, die ihre Kraft verschleudern und ihre Hoffnungen auf unrealistische Ziele richten, und dann in zehn Jahren, wenn immer noch nichts Grundlegendes passiert ist, resignieren. Franzen aber will – trotz allem – Hoffnung verbreiten, er möchte, und das ist seine eigentliche Botschaft, dass Klimaaktivist*innen und Umweltschützer*innen ihr Handeln darauf richten, das Inferno möglichst lange hinauszuzögern, es erträglich zu machen, sich auch wieder anderen, erreichbaren Themen zuwenden: dem Artenschutz, der Aufforstung, dem Umweltprojekt vor der Haustür, das man überschauen und begleiten kann, das die Gemeinschaft und letztlich die Demokratie stärkt. 

Kontreter Anlass für den Essay ist in der Region Berlin/ Brandenburg zu finden

In seinem Essayband "Das Ende vom Ende der Welt" hat Franzen sich bereits mit der kommenden Katastrophe auseinandergesetzt, die unseren Planeten heimsuchen wird. Ein konkreter Anlass, es noch einmal zu vertiefen, hat mit unserer Region Berlin/Brandenburg zu tun: Im Sommer 2019 war Franzen, der als junger Autor eine Zeitlang in Berlin gelebt hat, wieder in der Gegend, um in Ruhe zu schreiben, Vögel zu beobachten, in den Wäldern nach seltenen Wildtieren Ausschau zu halten. Es war heiß und trocken, und bei einer Radtour von Berlin nach Jüterbog ist er dann mitten ins Feuer-Inferno geraten, das plötzlich vor ihm ausbrach und dann tagelang in den Wäldern um Jüterbog wütete. Franzen hat direkt vor Ort miterlebt, wie schnell sich die Feuerwalze ausbreitete und Brandschneisen einfach übersprang, als wären sie nicht vorhanden, er hat miterlebt, wie wehrlos die Feuerwehr den Naturkräften gegenüberstand und das Feuer nicht löschen, sondern nur begleiten, abwarten und auf Regen hoffen konnte. Natürlich weiß Franzen, der an seinem Wohnort in Kalifornien schon unzählige Buschfeuer erlebt hat, dass die Brände um Jüterbog keine direkte, sondern allenfalls eine indirekte Folge des Klimawandels waren, aber sie haben auf ihn wie eine Metapher für die schnelle und unaufhaltbare Katastrophe des ganzen Planeten gewirkt.

Gigantischer Shit-Storm – vor allem von Klimaaktivist*innen

Also hat er für den "New Yorker" genau den Essay geschrieben, den wir jetzt in deutscher Übersetzung lesen können, und der ihm – wieder einmal – einen gigantischen Shit-Storm eingebracht hat: vor allem von Klimaaktivist*innen. Denn es stört sie, wenn Franzen sagt, die Klimakatastrophe ist nicht mehr aufzuhalten und es nützt nichts, wenn man jeden Tag in einer liberal-demokratischen Zeitung vollmundig betont, dass man jetzt die Ärmel aufzukrempeln und anpacken muss, dass wir noch zehn Jahre Zeit haben, um die Klimaziele zu erreichen. Nein, wir haben keine Zeit mehr, sagt Franzen, die Uhr ist abgelaufen, alle Warnungen und Prognosen, die der Club Of Rome im Buch über die "Grenzen des Wachstums" schon vor über 45 Jahren formuliert hat, sind eingetroffen. Es stört die Klimaaktivist*innen, wenn Franzen darauf hinweist, dass selbst bei Erreichen einiger Klimaziele, z. B. der Begrenzung auf zwei Grad Erwärmung, die Katastrophe laut Klimaforscher*innen allenfalls "theoretisch" noch abzuwenden ist, aber "praktisch" wohl eher nicht. Es stört sie, wenn Franzen ihnen ins Gewissen redet, sie auffordert, endlich wieder über erreichbare statt über unerreichbare Ziele zu sprechen, z. B. wie man die Artenvielfalt erhalten und die Wälder durch konkrete Einzelmaßnahmen retten könnte. Es stört sie, wenn Franzen einzelnen Klima- und Umwelt-Projekten attestiert, kompletter Blödsinn zu sein, Geld und Ressourcen sinnlos zu verschwenden, wie z. B. bei der Bio-Dieselverordnung der EU, die zur Entwaldung von Indonesien zugunsten von öden Palmöl-Plantagen geführt hat. Es stört sie, wenn Franzen sagt, es nütze nichts, New York zu einem grünen Utopia zu machen, wenn die Texaner weiterhin Öl fördern und Pick-ups fahren: Nur wenn überall auf der Welt jetzt und sofort der Energie- und Emissions-Stecker gezogen wird, könnte man die Katastrophe zwar nicht aufhalten, aber wenigstens etwas hinauszögern.

Stärkung der Demokratie als oberstes Ziel

Wir sollten der Wahrheit tapfer ins Auge blicken und Hoffnung daraus schöpfen, dass jede*r für sich eine Entscheidung treffen muss: Was kann ich tun, um wenigstens durch meinen Konsum, meinen Energieverbrauch usw. die Katastrophe ein bisschen hinauszuzögern, das Überleben ein bisschen schöner zu machen. Allen Klima- und Umwelt-Aktivist*innen empfiehlt er ein gemischtes Portfolio aus lang-, mittel- und kurzfristigen Zielen, eine Abkehr von teuren und nutzlosen Megaprojekten hin zu kleinen überschaubaren Aktivitäten. Weil Katastrophen einher gehen mit brutaler Waffengewalt und Auflösung aller staatlichen und rechtlichen Verbindlichkeiten, ist für Franzen die Stärkung der Demokratie das oberste Ziel: Überall auf der Welt faire Wahlen garantieren, Vermögensunterschiede abschaffen, Hassmaschinen abschalten, Gleichberechtigung aller Rassen und Geschlechter herstellen, Pressefreiheit, humane Einwanderungspolitik, Respekt vor den Gesetzen: all das ist Klimapolitik, nur so können wir die Katastrophe meistern und abfedern. Und wer weiß, vielleicht ist das Leben in der Zukunft dann nicht schlechter, sondern sogar besser als heute.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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