Eiskalte Winterbände © Knesebeck
Bild: © Knesebeck

Fotoband - Von Nomaden & Schneeleoparden – Eiskalte Winterbildbände

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Weiße Weihnacht war diesmal wieder nur eine Kindheitserinnerung. Und Väterchen Frost hat sich bei uns (Berlin/Brandenburg) in diesem Winter bisher auch nur nachts mal kurz blicken lassen. Doch es gibt sie noch immer, die Regionen, in denen die Kälte nicht die Ausnahme, sondern der Regelfall ist. Für alle, die sich nach Schnee und Eis sehnen, eignen sich zwei Bücher, in denen man, von der warmen Couch aus, miterleben kann, wie Menschen und Tiere – die letzten Nomaden der Arktis und die letzten Schneeleoparden in Tibet – in unwirtlichen Gegenden und bei wandelndem Weltklima ums Überleben kämpfen.

Beide Bücher sind im Knesebeck Verlag erschienen, beide sind von französischen Fotografen, beide Künstler lieben seit Kindertagen das karge Leben in der Kälte, sehnen sich nach Abenteuern unter möglichst schwierigen Lebensbedingungen. Der eine – Francis Latreille – reist seit Jahrzehnten immer wieder in die Arktis und besucht alle indigenen Völker, die rund um den Polarkreis ums Überleben kämpfen und trotz schwierigster Bedingungen versuchen, ihre angestammte Kultur, zu bewahren. Der andere  – Vincent Munier – klettert seit Jahren immer wieder aufs Dach der Welt, um in Tibet den fast ausgestorbenen Schneeleoparden und andere seltene Tierarten zu suchen und den Überlebenskampf der letzten Exemplare zu dokumentieren.

Die Bücher unterscheiden sich im künstlerischen Duktus und wissenschaftlichen Interesse

Beide Fotografen reisen nicht allein, sondern zusammen mit befreundeten Autoren und Schriftstellern, die dann ihre Erlebnisse in kleine Texte verwandeln und die Foto-Bände mit Fakten und Fiktionen, mit Dokumenten und Geschichten bereichern. Der eine – Erik Orsenna – kommt vom Sachbuch und dokumentarischen Roman, der andere – Sylvain Tesson – eher von der Lyrik und der Poesie, und so unterscheiden sich die beiden Bücher nicht nur in der Tonlage erheblich, sondern auch in ihrem künstlerischen Duktus und ihrem wissenschaftlichen Interesse: Francis Latreille und Erik Orsenna begleiten Nomaden auf ihren Wanderungen durch Schnee und Eis, interessieren sich für die Menschen als Teil der Natur; die anderen – Vincent Munier und Sylvain Tesson – interessieren sich für bedrohte Tiere, die Menschen sind ihnen völlig schnuppe, sie stören nur und dürfen gern verschwinden.

Fotografen leben über mehrere Wochen mit den Völkern

Im hohen Norden von Skandinavien besucht Francis Latreille die "Samen", im Norden Russland die "Nenzen" und "Dolganen", im fernöstlichen Sibirien die "Tschuktschen" und "Jakuten", die "Korjaken" auf der Richtung Japan weisenden Halbinsel Kamtschatka, schließlich die "Inuit" im nördlichen von Kanada und auf Grönland. Sie alle leben als Rentier-Züchter, Trapper und Jäger, sie ziehen mit ihren Schlitten und Zelten durch Schnee und Eis, manche sind auch sesshaft geworden und hausen in billigen Baracken und schlagen sich mit Aushilfsjobs bei irgendwelchen Konzernen durch, die auf der Suche nach teuren Rohstoffen die Arktis umpflügen und die natürlichen Lebensräume der Nomaden bedrohen. Fotograf und Autor leben immer über mehrere Wochen bei den einzelnen Völkern, die – wenn man alle Nomaden-Stämme zusammen zählt – insgesamt allenfalls eine halbe Millionen Menschen umfasst. Sie gehen mit den Nomaden und mit scharfen Lanzen und geladenen Gewähren auf blutige Robbenjagd, sie ziehen mit den Wolfsschlitten durch den Schneesturm, sie braten Fische am offenen Feuer, beobachten die einzelnen Stämme bei ihren religiösen Ritualen, sind berauscht von den herrlichen Polarlichtern, den blauen Eishöhlen, in denen seit Jahrtausenden alte Mammut-Skelette eingefroren sind, sie schauen in die von Wind und Wetter gegerbten Gesichter, schauen in die ärmlichen Zelte und kärglichen Hütten, – und sehen überall stolze, selbstbewusste, ja glückliche Menschen, die mit sich und ihrem Leben vollauf im Reinen sind.

Fotografisches Denkmal

Als nahendes Menetekel sind der Klimawandel und die radikale Veränderung aller Lebensweisen und Traditionen stets präsent. Wir sehen Gegenden, die nicht mehr ständig vereist sind und in sumpfige Landschaften verwandeln, Landschaften, in denn man nicht mehr mit dem Wolfsschlitten herumreist, dafür aber leichter fischen und jagen kann; wir sehen Menschen, die einerseits um ihre Kultur fürchten und die Versuchungen der Moderne mit ihren alten Instrumenten und Gesängen verscheuchen wollen, die aber andererseits auch durchaus empfänglich sind für die Annehmlichkeiten und Versprechungen eines neuen, anderen, besseren, einfacheren Lebens. Um diese bald aussterbenden Kulturen festzuhalten und ihnen ein fotografisches Denkmal zu setzen, gibt es zum Schluss des Buches eine kleine "Porträt-Galerie" mit Nomaden, die sich als Jäger und Sänger stolz vor einer grauen Leinwand präsentieren und sich noch einmal in ganzer Pracht und voller Schönheit darbieten. Das ist ganz großartig und doch auch, weil das Ende der letzten Nomaden ja immer mitschwingt, tief traurig.

Fotos wie aus einer fernen Traumzeit

Die letzten Schneeleoparden zu fotografieren, kann Vincent Munier nur gelingen, wenn er viel Glück und unendliche Geduld hat und bereit ist, sich den Gefahren der Natur auszusetzen, Kälte und Eis wacker zu ertragen. Stürme peitschen über die Hochebenen, Schnee fällt auf die Berge, hungrige Wölfe ziehen vorbei, riesige Raubvögel kreisen am Himmel, seltene Tibet-Füchse und noch seltenere wilde zottelige Yaks erscheinen wie unwirkliche Schatten am Horizont. Manchmal kann man vor lauter Wolken, Staub und Schnee die Erde und den Himmel kaum auseinanderhalten, wirken die Bilder wie Gemälde aus einer anderen Welt oder wie spirituelle Zeichen aus einer fernen Traumzeit. Fotograf und Autor klettern immer höher ins Gebirge, verstecken sich hinter Sträuchern und Steinen und finden endlich einzelne Schneeleoparden, beobachten, wie sie leise durch die karge Landschaft streifen, sich tarnen, auf Beute lauern, sich zwischen Fels und Eis verstecken, wie sie zur Jagd aufbrechen und plötzlich wieder verschwinden. Während Munier seine faszinierenden Fotos schießt, versucht Tesson seine Gedanken in poetische Worte zu fassen und uns an die Größe der Schöpfung zu erinnern, die der Mensch gerade in seinem unstillbaren Drang nach Wachstum zerstört. Wer mehr wissen will über die beschwerlichen Reisen aufs Dach der Welt, dem sei das beigelegte "Reisejournal" ans Herz gelegt: darin finden sich Hintergrund-Infos, Tagebuchnotizen, Fotos von den Akteuren und wie es ist, die Hose herunterzulassen und seine Notdurft in klirrender Kälte und neugierig beobachtet von wilden Tieren verrichten zu müssen. Kurzum: die beiden Bücher – über Nomaden in der Arktis und Schneeleoparden in Tibet – sind nicht nur von grandioser Ästhetik, sie lassen auch keine Fragen offen. 

 

Frank Dietschreit, rbbKultur

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