Christoph Poschenrieder: "Der unsichtbare Roman" © Diogenes
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Roman - Christoph Poschenrieder: "Der unsichtbare Roman"

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Als Schriftsteller ist Christoph Poschenrieder kein Frühentwickler: Immerhin Mitte vierzig war der Journalist, als vor knapp zehn Jahren sein erster Roman erschien: "Die Welt ist im Kopf" hieß das Buch und beschäftigte sich mit einer amourösen Episode aus dem Leben des jungen Arthur Schopenhauer. Nun ist Poschenrieders sechster Roman herausgekommen, "Der unsichtbare Roman".

Wieder steht eine Persönlichkeit aus der Geistesgeschichte im Mittelpunkt. Diesmal ist es kein philosophisches Schwergewicht wie Schopenhauer, sondern ein Schriftsteller, der in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts geboren wurde und vielen heute wohl gar kein Begriff mehr ist: Gustav Meyrink.

Am ehesten wird man ihn als Autor von unheimlich-fantastischen Romanen kennen. Vor allem "Der Golem" ist berühmt geworden: ein klassisches Stück Schauerliteratur, das den alten jüdischen Mythos vom Lehmgeschöpf Golem aufnimmt und ins Prag des neunzehnten Jahrhunderts versetzt. Meyrink ist mit diesem Werk ein legitimer Nachfolger von Poe und E.T.A. Hoffmann.

Einer, der sich dauernd neu erfindet

Doch der Autor war mindestens genauso schillernd wie seine Geschöpfe, und so ist es nur folgerichtig, dass er jetzt selbst zur Romanfigur wird. Meyrink, der ursprünglich Meyer hieß, war das uneheliche Kind eines adligen deutschen Politikers und einer Schauspielerin, ein Abenteurer und Dandy. Mit Anfang zwanzig gründete er in Prag ein Bankhaus, ging damit pleite, beschäftigte sich ernsthaft mit Alchemie, war Mitglied bei den Illuminaten, obendrein an Themen wie Spiritismus und Okkultismus interessiert. Ganz gleich, was er gemacht hat: Er war immer berühmt – und ein bisschen berüchtigt.

Hätte es ihn nicht wirklich gegeben, man würde als Leser vielleicht sogar sagen: Das klingt zu ausgedacht – und hätte damit nicht einmal unrecht. Denn Meyrink war ein Mensch, der sich dauernd neu erfand. Bei Poschenrieder fragt sich er morgens: "Wer bin ich?" Abends geht er mit dem Gedanken zu Bett: "Wer bin ich heute gewesen?", gefolgt von: "Wer werde ich morgen sein?"

Freimaurer gehen verschwörungstheoretisch immer

Das geschieht offenbar nicht aus einer schmerzlichen Erfahrung des Selbstverlustes heraus, eher aus Freude am Spiel. Meyrink ist vor allem zu Beginn des Romans eine Schelmenfigur, fast schon ein Hochstapler: einer, der das gute Leben liebt und sagt: "Fleiß ist die Wurzel aller Hässlichkeit". Nicht einmal die Literatur betreibt er als Berufung: "Wenn ich den Metzger und den Kohlenhändler nicht am Hals hätte, ich würde keine Zeile schreiben."

In "Der unsichtbare Roman" geht es denn auch wirklich um ein Buch, dass Meyrink nur um des Geldes wegen schreiben will. Die Geschichte setzt im Jahr 1917 ein, im Ersten Weltkrieg also. Meyrink, knapp fünfzig, erhält vom Auswärtigen Amt in Berlin das Angebot, einen Propaganda-Roman zu verfassen. Jemandem soll die Alleinschuld am Krieg in die Schuhe geschoben werden, davon erhofft man sich bei Kriegsende bessere Verhandlungsbedingungen. Ein Sündenbock steht auch schon fest: die Freimaurer sollen es sein. Merke: Freimaurer gehen verschwörungstheoretisch immer, daran hat sich bis heute nichts geändert. 

Ein "völkischer Schädling" im Dienst der Propaganda

Meyrink wiederum ist total verblüfft, wieso man gerade auf ihn verfallen ist. Denn mit der Deutschtümelei der wilhelminischen Zeit kann er überhaupt nichts anfangen. "Teutobolde" nennt er die Hurrapatrioten. Unlängst gab es eine journalistische Schmähkampagne gegen ihn, er wurde als "völkischer Schädling" bezeichnet, seine Bücher teils verboten und beschlagnahmt.

Zwar hat er sich von dem Erlös seines "Golem" eine schicke Villa am Starnberger See leisten können, aber der Geldfluss stockt jetzt auch deshalb, weil Meyrink so gar nicht in den Kriegsjubel einstimmen will. Also nimmt er voller Zweifel den dubiosen Auftrag und – mit weniger Zweifel – einen stattlichen Vorschuss an, um dann etwas zu erleben, was ihm bei seinen bisherigen Büchern noch nie passiert ist: eine Schreibkrise.

All das ist, so unglaublich es klingen mag, tatsächlich geschehen: eine groteske Fußnote der Literaturgeschichte. Christoph Poschenrieder hat im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde den Briefwechsel zwischen Meyrink und dem Auswärtigen Amt ausgegraben. In den Briefen vertröstet Meyrink seinen Kontaktmann im Ministerium, stellt ihm nach bester Schriftstellermanier eine baldige Abgabe in Aussicht, obwohl er zu Hause am heimischen Schreibtisch keine einzige Zeile zustande bringt. Der Roman bleibt unsichtbar.

Der Schelm gewinnt Kontur und Format

Poschenrieder umkreist seinen Stoff spielerisch, in vielen kurzen Kapiteln, die eher Schlaglichter werfen, als eine straffe Handlung erzählen. In den Erzählfluss des Buches sind sogenannte "Recherchenotizen" eingestreut, und zwischen den erzählenden Passagen in der dritten Person finden sich immer wieder Kapitel in der Ich-Perspektive, in denen Meyrink seine vielfältigen biografischen Stationen beleuchtet. Mit der Zeit gewinnt er so immer mehr an Kontur und auch Format, er bleibt keine reine Schelmenfigur.

"Der unsichtbare Roman" zeichnet kein großes historisches Panorama, sondern eine kleine, feine Persönlichkeitskizze, die am Rande um einige historische Figuren angereichert ist – den anarchistischen Dichter Erich Mühsam etwa und den tragischen Novemberrevolutionär Kurt Eisner. Christoph Poschenrieder zeigt sich als Könner der leisen, ironischen Pointe. Sein Roman ist kleinteilig und kurzweilig. Obendrein macht er Lust darauf, Meyrink (erneut) zu lesen. Was will man mehr?

Steffen Jacobs, rbbKultur

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