Niina Vatanen: "Time Atlas" © Kehrer Verlag
Bild: © Kehrer Verlag

Fotoband - Niina Vatanen: "Time Atlas"

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Niina Vatanen als Fotografin zu bezeichnen, wäre zu kurz gegriffen. Denn die 1977 in Finnland geborene Künstlerin arbeitet mit vielfältigen Materialien und Möglichkeiten, mit Foto, Text und Ton, mit selbst hergestellten und beiläufig gefundenen Objekten und vermischt sie zu einem fotografischen Gesamtkunstwerk.

Ihre Arbeiten und Ausstellungen in aller Welt – unter anderem auch in der Fotogalerie C/O Berlin – geben oft Rätsel auf und fordern das Publikum zum genauen Hinschauen und Nachdenken heraus. Jetzt hat sie im Kehrer Verlag einen neuen Fotoband mit dem Titel "Time Atlas" veröffentlicht.

Fantasie-Reise durch die Zeit

Der Titel ist natürlich nur ein Spiel mit den Begriffen und gibt ironisch vor, dass Niina Vatanen in der Lage sei, mit den Mitteln der Kunst ein so flüchtiges Phänomen, wie es nun einmal die Zeit ist, einzufangen, festzuhalten und darzustellen, quasi wie in einem mit Bildern und Tabellen versehenen Atlas – wie wir ihn aus der Schule kennen – Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Zeit in all seinen historischen und wissenschaftlichen Aspekten aufzudröseln und anschaulich zu machen. Ihr Fotobuch ist eher eine künstlerische Fantasie-Reise durch die Zeit, die sich bei ihr permanent überlappt, denn nie ist man sicher, aus welcher Zeit die Bilder stammen, die sie in einer wilden und wüsten Foto-Collage präsentiert.

Keinerlei Erklärungen zu den fast 300 Fotos

Manche Bilder scheinen Jahrzehnte auf dem Buckel zu haben, andere gerade eben gemacht, manche könnten aus alten Archiven stammen, aus Zeitungen, Lehrbüchern, vom Flohmarkt, aus dem Internet heruntergeladen oder Niina Vatanen hat sie irgendwo auf ihren Reisen geschossen oder aus ihrem eigenen Familienalbum geklaubt. Man weiß es nicht, sie verrät es nicht, denn das Buch hat nur einen Titel, "Time Atlas", aber es hat keinen Text, keinen erklärenden Essay, keinen Anhang mit Daten und Notizen zu den einzelnen Fotos, nichts. Wir haben nur die fast 300 Fotos, und während wir durch die Seiten blättern und versuchen uns zu erklären, was das wohl für Fotos sind, woher sie kommen, was sie uns zeigen oder fragen wollen, vergeht unaufhörlich die Zeit: Auch das wird – ironisch – bebildert: Denn der Sand, der sich auf dem ersten Foto des Buches noch im oberen Teil der Sanduhr befand, befindet sich auf dem letzten Foto des Buches im unteren Teil der Sanduhr: Wir können die Zeit nicht anhalten, wir können sie nicht verstehen, wir können nur versuchen, sie so genau wie möglich wahrzunehmen.

"Schule der Wahrnehmung"

Ihr Buch könnte man deshalb auch als "Schule der Wahrnehmung" bezeichnen, sie funktioniert, indem sie uns zwingt, genau hinzuschauen und unserem ersten Eindruck zu misstrauen, uns immer wieder zu fragen, was sich hinter der Oberfläche und dem Gezeigten verbirgt, welche Geschichten das Bild erzählt und was es verschweigt, was wir wirklich sehen, und was wir nur zu sehen glauben. Denn Wahrnehmung – von allen Dingen des Lebens, also auch von Fotos – beruht immer auf persönlichen Erfahrungen und Erwartungen, auf Urteilen und Vorurteilen, die wir miteinander zu einem Bild und einer Geschichte verbinden. Niina Vatanen kratzt an diesen Wahrnehmungs-Mustern, in dem sie die Fotos – im wahrsten Sinne des Wortes – zerkratzt, verfremdet, beklebt, zerschneidet: sie inszeniert die Fotos neu, fotografiert die veränderten Bilder noch einmal und schafft wiederum neue Foto-Wirklichkeiten. Sie verändert also die Fotos und die Wahrnehmung der Fotos, verändert damit auch die Wahrnehmung der Zeit, in der diese Bilder gemacht wurden, verändert die Erinnerungen an die Vergangenheit, das Erleben der Gegenwart, die Erwartungen an die Zukunft.

Neugestaltung, Entfremdung, Leerstellen

Ihr "Atlas der Zeit" ist wie eine "Enzyklopädie der Bilder", in der sie Zeit aufbewahrt. Wenn man mehrmals durchs Buch blättert, kristallisieren sich ein paar Themenfelder heraus, die sie immer wieder aufgreift und neu durchspielt. Immer wieder werden alt und neu nebeneinander gestellt, archaische Funde, uralte Steine neben wissenschaftlichen Gerätschaften, Mikroskopen, Computern, Raketen. Immer wieder spielt sie mit der alten griechischen Mythologie, mit Titan Atlas, der das Himmelsgewölbe tragen musste, so wie die Menschen die Zeit entweder erdulden oder selbstbewusst gestalten können. Manchmal klebt sie auch alte und neue Bilder übereinander, schneidet Gesichter oder  Gegenstände aus den Bildern heraus, füllt sie mit neuen Bildern oder lässt die Leerstellen einfach frei, damit wir sie mit unseren Fantasien füllen können.

Vergänglichkeit

Das Werden und Vergehen wird mehrfach ironisch durchgespielt, Eier liegen dann in einem Nest, Hühner gackern, Babys werden geboren, Menschen werden alt und sterben oder werden zu Denkmälern aus Stein. Der Wald in seiner ganzen Pracht wird gezeigt, dann ein durchgesägter Baum, danach eine Wiese, auf der einmal Bäume standen und die nun leer und baumlos daliegt. Erinnerungsfotos an Bergwanderungen werden überklebt mit Straßenfotos, Blumen blühen und vergehen, Vögel zwitschern auf einem Foto lauthals, auf einem anderen liegen sie tot und ausgestopft auf dem Tisch, und natürlich immer wieder Uhren, auf denen die Zeit festgehalten ist, Uhren in Atomkraftwerken, Uhren auf dem Wohnzimmerbuffet, Armbanduhren, Wanduhren, Sonnenuhren, ein in der Sonne wandernder Schatten eines Besens an einer Wand. Die Zeit ist manchmal ein scheinbar harmloses Melanom auf einer Haut, das im nächsten Foto sich zu einem tödlichen schwarzen Fleck verändert hat, die Zeit ist ein altes Fossil oder ein altes Tier, eine züngelnde Schlange auf einer Porzellanvase oder eine uralte Schildkröte, die seit Jahrmillionen ihren faltigen Kopf aus einem dicken Panzer Strecke oder sich zurückzieht in ihr schützendes Haus.

Zeit macht niemals Halt

Atlanten sind, das wissen wir aus der Schule, Lernmittel: Wir lernen beim Betrachten der Fotos im "Time Atlas", dass die Zeit immer da war und nie vergeht, dass die Zeit manchmal Steine so formt, dass sie aussehen wie leckere Kekse oder Appetithäppchen, dass die Zeit uns unerklärliche Rätsel aufgibt, auch wenn wir sie mit den seltsamsten Apparaturen einzufangen und bestimmen wollen, dass mit der Zeit viele Dinge zerbröseln und Staub ansetzen und wir dann – zumindest auf einigen Fotos – den Staubwedel hervorholen und den Wischlappen und alles wieder neu und sauber machen und die Zeit auf Null stellen wollen. Zeit vergeht wie im Fluge und manchmal wie im Traum, egal ob wir die Natur – wie auf einigen Fotos – mit Plastikplanen verhüllen oder aus dem Flugzeugfenster ins blaue Nichts starren. In einer Sekunde, das hat Niina Vatanen irgendwo abgeschrieben und abfotografiert, wächst unser Haar um 0,0003 Millimeter, fließt das Blut 8 Zentimeter durch unsere Blutbahnen, dreht sich die Erde um 29,6 Kilometer und fliegt das Licht 300.000 Kilometer durchs All: Zeit macht niemals Halt, und man bekommt beim Betrachten des Buches große Lust, sich seinen eigenen fotografischen Zeit-Atlas zusammen zu stellen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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