Ottessa Moshfegh: Heimweh nach einer anderen Welt; Montage: rbbKultur
Liebeskind Verlagsbuchhandlung
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Kurzgeschichten - Ottessa Moshfegh: "Heimweh nach einer anderen Welt"

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Ottessa Moshfegh ist die Tochter zweier Musiker, einer kroatischen Bratschistin und eines Violinisten aus dem Iran. Geboren wurde sie in den Vereinigten Staaten, heute lebt die 38-Jährige in Los Angeles. Sie hat bislang zwei Romane veröffentlicht und war unter anderem für den renommierten Booker Prize nominiert. In Deutschland hat sich der Liebeskind Verlag ihres Werkes angenommen, und er hat nun auch ihre gesammelten Kurzgeschichten herausgegeben.

Diese vierzehn Geschichten sind allesamt fesselnd geschrieben. Sie zeigen fast schon lehrbuchhaft, wie man den Leser auf wenigen Seiten einfängt: Drei, vier prägnante Sätze reichen Ottessa Moshfegh, um eine Szene oder eine Figur zu umreißen und Neugier auf den Fortgang der Geschichte zu wecken – wichtig bei einer Gattung, die oft in erster Linie für den Zeitschriftenmarkt gedacht ist.

Amerika ist das Geburts- und Heimatland der Short Story, und Ottessa Moshfegh reiht sich nahtlos in diese Tradition ein. Sie geht aber auch eigene Wege. Klassische Short Stories versuchen, auf engem Raum eine interessante Handlung zu erzählen, die ganz klassischen arbeiten dabei gern auf überraschende Pointen hin. Ottessa Moshfeghs Geschichten handeln eher von Stillstand als von ungewöhnlichen Ereignissen. Und sie sind ganz und gar im Alltag verwurzelt – meistens, wenn auch nicht immer, im amerikanischen.

Enervierender Stillstand

Da gibt es einen jungen Mann aus der Provinz, der nach Hollywood geht, um Schauspieler zu werden. Amerikanischer geht es kaum, sollte man meinen. Doch an dem mythischen Ort passiert rein gar nichts, weder im positiven noch im negativen Sinn: keine glorreichen Erfolge, keine zerbrochenen Träume, stattdessen Langeweile und Stillstand.

Der junge Mann weiß selbst nicht genau, warum er Schauspieler werden will. Er interessiert sich nicht für Filme, und ehrgeizig ist er schon gar nicht. Rumlungern, Zeit totschlagen, oft mit Drogen, sind Lieblingsbeschäftigungen von Ottessa Moshfeghs Protagonisten, in dieser wie in den meisten anderen Geschichten. Nicht mal zur Resignation können sie sich aufraffen.

Dass man diese Texte dennoch mit Spannung liest, liegt an den vielen treffenden Alltagsbeobachtungen. Etwas anderes kommt hinzu: Der Stillstand hat etwas Enervierendes. Die Trägheit der Figuren erzeugt beim Lesen eine dauernde Unruhe. Am liebsten möchte man diese Menschen am Kragen packen, kräftig durchschütteln und rufen: Jetzt wach mal auf, mach was aus deinem Leben!

Verzicht auf Küchenpsychologie

Eine junge Frau lässt sich ausgiebig über ihren Freund aus, einen großmäuligen Idioten mit allerlei abstoßenden Angewohnheiten. Einmal betet sie, dass einer von ihnen sterben möge. Aber warum ist sie dann noch mit ihm zusammen, fragt man sich, warum befreit sie sich nicht?

Analysiert, begründet wird diese seltsame Apathie kaum, zumindest nicht auf psychologischer Ebene. Die meisten dieser Geschichten spielen im Hier und Jetzt, sie kennen keine Vergangenheit, eine Zukunft schon gar nicht. Dadurch verdeutlichen sie fast exemplarisch die Vor- und Nachteile eines nicht-psychologisierenden Erzählens. Niemand wird diesen Geschichten triviale Küchenpsychologie vorwerfen können. Es werden keine Kindheitstraumata herbeizitiert, keine Entwicklungsprozesse zum Schönen, Guten, Wahren in Gang gesetzt. Der Nachteil ist, dass das Handeln der Figuren oft rätselhaft bleibt – schlimmstenfalls einfach banal.

Schäbige Diners und angeklebte Fingernägel

Eine Aussage über die Gesellschaft, in der sie leben, wird hingegen durchaus getroffen. Ottessa Moshfeghs beschreibt eine Kultur, die gnadenlos auf billigen Konsum getrimmt ist. Jedes Mundspray, jeder Burger wird mit dem Markennamen genannt – ein Fast-Food-Leben in einer Welt der schäbigen Diners, des Mundgeruchs und der angeklebten pinken Fingernägel. Der Konsumismus brütet selbstverkapselte, empathiefreie, unreife Menschen aus.

Eine Englischlehrerin lässt eine hochschwangere Jugendliche bei sich putzen und sieht völlig apathisch zu, wie sich bei dieser eine Fehlgeburt abzeichnet. Warum? Weil sie zu sehr damit beschäftigt ist, sich auf ihren bevorstehenden Drogentrip zu freuen. Eine wirklich nervenzerrüttende Szene.

Eine Kultur des Kulturverfalls

Es ist also keineswegs nur die Unterschicht, die so lebt, sondern auch ein heruntergekommener Mittelstand, der nichts mit sich anzufangen weiß: Anwälte, Lehrer – Menschen, die früher die gebildete Schicht repräsentiert hätten. Das Bild, das dieses Buch von Amerika zeichnet, ist zutiefst deprimierend. Wir erhalten Einblicke in eine Kultur, die sich vor allem durch Kulturverfall auszuzeichnen scheint.

Wie es sich für eine gute Autorin gehört, beschreibt und erzählt Ottessa Moshfegh, statt zu werten und zu verallgemeinern. Auch der Leser sollte sich hüten, ihre literarischen Impressionen zu generalisieren. Wer mit dieser Art von Pessimismus, auch Überzeichnung zurechtkommt, findet in "Heimweh nach einer anderen Welt" eine wirklich lohnende Lektüre. Von einem allerdings ist abzuraten: alle Geschichten in einem Rutsch zu lesen. Wohldosiert sind sie bekömmlicher.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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