Veza Canetti: Geduld bringt Rosen; Montage: rbbKultur
Fischer
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Erzählungen - Veza Canetti: "Geduld bringt Rosen"

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Ein zu Unrecht vergessenes Kleinod ist dieser Erzählband von Veza Canetti. Die Titelgeschichte mit ihrem unübertrefflich bösen Schluss gehört eigentlich in jede Anthologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Warum hat diese Frau aufgehört zu schreiben? Warum gibt es nicht viel, viel mehr Erzählungen und Romane von ihr? Ihr Verlag gibt in anderthalb Zeilen Lebenslauf lediglich an, dass sie geboren wurde (1897 in Wien), mit ihrem Ehemann Elias Canetti nach England floh (1938) und dort starb (1963). Es gibt sehr viel mehr über sie zu sagen: Sie hieß Venetiana Taubner-Calderon und stammte aus einem sephardisch-jüdischen Elternhaus, war überzeugte Sozialistin und gehörte in Wien zu dem Kreis um Karl Kraus (wie auch ihr späterer Mann).

Vernichtete Manuskripte

Sie begann 1932 in der Wiener Arbeiter-Zeitung Erzählungen zu veröffentlichen. 1934 wurde die Zeitung von der neuen Regierung verboten, Veza heiratete Elias Canetti und fand nie wieder einen Verleger. 1957 vernichtete sie in England resigniert mehrere Manuskripte: Texte, die man gerne gelesen hätte. Die berühmte dreibändige Autobiografie ihres Ehemanns erwähnt Veza als geliebte Ehefrau und geistreiche Muse, nicht aber als Schriftstellerin.

Zum Glück fielen nicht alle Texte der Vernichtung anheim. 27 Jahre nach Veza Canettis Tod erschien ihr wunderbarer Roman "Die gelbe Straße", danach  weitere Erzählungen und noch ein Roman.

Satire und Zartgefühl

Der Band "Geduld bringt Rosen" kam 1992 heraus. Die Erzählungen sind – bis auf eine – schon einmal, noch vor 1934, unter den sprechenden Pseudonymen Veza Magd oder Veronika Knecht in der Wiener AZ und in den Deutschen Blättern publiziert worden. Allesamt sind sie bevölkert von skurrilen Gestalten, ausgestattet mit äußerst realistischen Details und getragen von einem ganz eigenen unverwechselbaren Ton. Manchmal klingt das wienerisch gemein und erinnert entfernt an Ödön von Horvath, aber unterschwellig ist stets ein empörtes Zartgefühl für die Zukurzgekommenen dieser Welt im Spiel, gepaart mit einem Hang zur Satire.

Finstere Farce

Die gelungenste Erzählung ist die Titelgeschichte des Bandes, eine wirklich finstere und vielschichtige Farce, die in alle Literatur-Anthologien jener Zeit aufgenommen werden sollte. Sie handelt von einer russischen Emigrantenfamilie, die ihren Reichtum erfolgreich außer Landes schmuggelt (und dazu das Leben eines ihrem Schutz unterstellten Waisenkindes aufs Spiel gesetzt) und sich in der Beletage eines ehrwürdigen Wiener Hauses recht luxuriös niederlassen. Diese Prokops mischen sich in das Leben der rechtschaffenen Familie Mäusle (Hinterhaus, Parterre), der es nicht nur an Geld, sondern auch an Verstand und Schönheit fehlt. Ihr einziges Kapital ist die Geduld. Die Verflechtung beider Familien vollendet sich mit dem perfiden Schluss der Erzählung, der etwas mit Rosen zu tun hat und nicht verraten werden soll. Nur so viel: Er hätte einen Literaturpreis für den besten bösen Schluss verdient, so es einen solchen gäbe.

Katharina Döbler, rbbKultur

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