James Baldwin Giovannis Zimmer © dtv
dtv
Bild: dtv Download (mp3, 4 MB)

Roman - James Baldwin: "Giovannis Zimmer"

Bewertung:

Ein paar Jahre schien es so, als sei einer der bedeutendsten und sprachmächtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit geraten. Doch spätestens seit die Dokumentation von "I Am Not Your Negro" und die Romanverfilmung von "Beale Street Blues" die Kinoleinwände eroberte, ist der US-amerikanische Autor James Baldwin wieder in aller Munde.

Es zeigt sich, dass der von Baldwin literarisch unterstützte Kampf gegen Diskrimierung und Rassismus noch längst nicht zu Ende ist und die Lektüre seiner Bücher vielleicht dringlicher denn je ist. Die deutsche Neuübersetzung des 1956 veröffentlichten Romans "Giovannis Zimmer" ist gerade erschienen.

Der Roman ist aus dem Stoff gemacht, aus dem Oscar-reife Filme geschnitzt werden. Er hat alles, was ein Film benötigt, der die Zuschauer emotional packen will. Erzählt wird eine Story, die zwischen Amerika und Europa hin und her pendelt, die ein beklemmendes Licht auf die frühen 1950er Jahre wirft und zugleich eine zeitlos aktuelle Analyse einer Gesellschaft entwirft, die von sexueller Prüderie, religiöser Bigotterie und rassistischer Diskriminierung zerfressen wird.

Baldwin ist hier ein klassischer filmischer Erzähler und gibt literarische Steilvorlagen für Drehbuch-Autoren und Regisseure: Ich-Erzähler David, ein junger Amerikaner, der auf der Suche nach seiner privaten und beruflichen Bestimmung sich lange in der Boheme von Paris herumgeschlagen hat, erzählt seine Lebens-Geschichte in einer großen und in mehreren kleinen Rückblenden.

Versuch der Rückkehr ins bürgerliche Leben

David ist gerade dabei, sein Ferienhaus in Südfrankreich aufzuräumen: Hierher hat er sich geflüchtet, um sich seiner widerstreitenden Gefühle zu vergewissern, mit seiner Schuld am Tod seines geliebten Freundes klarzukommen, sich mit seiner Verlobten auszusprechen, um irgendwie den Weg aus der künstlerischen Sackgasse und der homoerotischen Versuchung zurück ins bürgerliche Leben mit Trauschein und festen Job zu finden.

Doch all die Erinnerungen und Erkenntnisse helfen nicht: Scham und Entsetzen darüber, was er anderen und sich selbst angetan hat, sind zu groß, David wird keine Erlösung und keinen Frieden finden. Wenn er zum Schluss der Erzählung das Ferienhaus verlässt, den Brief mit der Nachricht von Giovannis Hinrichtung zerreißt und in den Wind wirft, werden die Schnipsel auf ihn zurück wehen: Man kann die Fehler und die Last der Vergangenheit nicht entsorgen wie alten Müll, man kann nur versuchen, ein anderer und besserer Mensch zu werden.

Flucht aus amerikanischem Mief ins vermeintlich freie Paris

In Giovannis Zimmer ändert sich Davids Leben von Grund auf, er gesteht sich seine verdrängten erotischen Wünsche ein, kann sie aber nicht akzeptieren. Nach einem heftigen Streit mit Giovanni rennt David aus dem Zimmer, das für ihn Himmel und Hölle, Freiheit und Gefängnis ist, hinaus in die Arme seiner Verlobten, die ihn aber gar nicht zurück haben will: Denn Hella ist angeekelt von Davids schwulem Doppelleben, sie will einen sexuell eindeutigen Mann, der mit ihr nach Amerika zurück geht, einen Job annimmt, sie will keinen von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen gepeinigten Möchtegern-Künstler, der sich in Paris in Schwulen-Bars herumtreibt, dem das Leben unter den Händen zerrinnt.

David legt Zeugnis ab, wie und warum das alles geschehen konnte, er erinnert sich an seine gefühlskalte Kindheit, seine ersten erotischen Annäherungen an einen Mitschüler, an seine Flucht aus amerikanischem Mief ins vermeintlich freie Paris. Wo angeblich jeder, auch Schwule, nach ihrer Fasson leben können und dann doch von der Polizei drangsaliert und von der Presse gedemütigt werden.

Schuld, Scham und Selbsthass

Als Hella von Paris aus einen Trip nach Spanien macht, irrt David nachts durch die Kneipen und trifft den Barkeeper Giovanni: die Liebe schlägt ein wie ein Blitz, David, der von seinem Vater finanziell knapp gehalten wird und nur in billigen Pariser Absteigen haust, zieht zu Giovanni, die beiden schlafen miteinander, machen Pläne für die Zukunft: Doch als Hella aus Spanien zurückkehrt, muss David sich eingestehen, dass er sich für seine homoerotischen Neigungen schämt, sie für unmännlich hält: er wirft Giovanni vor, ihn in einen sexuellen Sumpf und ins gesellschaftliche Abseits ziehen zu wollen.

David versucht, Hella zurück zu gewinnen und unternimmt die desaströs endende Reise nach Südfrankreich. Giovanni, tief verletzt, irrlichtert durch Paris und ermordet einen schwulen Barbesitzer, der ihn behandelt wie einen billigen Stricher: Auf Giovanni wartet die Guillotine, auf David warten Schuld, Scham und Selbsthass. 

Fiktion und allegorische Autobiografie

Baldwin hat immer wieder betont, dass er nur beschreiben könne, was er selbst erlebt, was ihn geprägt hat. Daraus aber den Schluss ziehen, die Geschichte habe sich so, eins zu eins, in seinem Leben zugetragen, wäre natürlich ein großer Irrtum: Es ist Literatur, fiktionalisierte, ins Metaphorische und Allegorische übertragene Autobiografie. Baldwin hat damals, wie sein Erzähler David, in Paris gelebt, um sich hier frei zu schreiben von den Furien der Vergangenheit, vom amerikanischen Rassismus, von der bigotten Religiosität, die seine Kindheit geprägt hat.

Er hatte in Paris sein Coming-out als Homosexueller, aber Baldwin war ein schwarzer Homosexueller und nicht wie sein Ich-Erzähler David - und das gibt dem Roman eine zusätzliche brisante Note - ein weißer Amerikaner, David repräsentiert das in seinen moralischen Grundfesten erschütterte weiße Amerika: eine politische Provokation. Baldwin widmet den Roman der großen Liebe seines Lebens, Lucien Happersberger. Er lernt den jungen Schweizer in Paris kennen und lieben, doch Lucien ist bisexuell, hat mehrere Ehen und mehrere Kinder, lebt immer nur für kurze Momente mit Baldwin zusammen: Happersberger bleibt für Baldwin zeitlebens eine Projektionsfläche für die unstillbare Sehnsucht nach einem Zuhause, das Baldwin nie hatte.

1956 schockierte Baldwins erster Roman

Nach Baldwins Erstling, dem Befreiung-Roman aus religiösen Zwängen, "Go Tell It On The Mountain", war man über das Coming-Out eines schwarzen Homosexuellen, der sich als weißer Amerikaner verkleidet, 1956 ziemlich schockiert. Baldwins amerikanischer Verleger lehnte das Manuskript rundweg ab und riet dem Autor, es zu verbrennen.

Ein englischer Verleger sprang ein, doch zum Leidwesen von Baldwin kaprizierten sich die Rezensenten allein auf die freizügig beschriebene Homosexualität des Romans. Dabei betonte Baldwin zeitlebens: schwul sein sei nur das, was er tue, schwarz sein sei dagegen das, was er ist: Die Hautfarbe definiere in einer rassistischen Gesellschaft den Menschen, nicht seine Sexualität, die sei höchstens noch ein zusätzliches Handicap.

Baldwin sah sich nie als Vorkämpfer einer sexuellen Befreiung. Maßstab seines Lebens waren immer nur er selbst und seine künstlerischen Ambitionen. Und nur in einer Gesellschaft, in der alle Rassen gleich und alle Menschen frei sind, das hat er gebetsmühlenartig wiederholt, wird es keine sexuelle oder sonstige Diskriminierung mehr geben. Dass diese sensible und provokante Stimme jetzt wieder in der eleganten und kraftvollen Übersetzung von Miriam Mandelkow vor uns liegt, ist ein Geschenk. 

Frank Dietschreit, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Kolja Moeller Volksaufstand © Klaus Wagenbach Verlag
Klaus Wagenbach Verlag

Politik - Kolja Möller: "Volksaufstand und Katzenjammer"

Seit einigen Jahren wird die Welt von einer Welle des Populismus ergriffen. Ob in den USA oder Großbritannien, in Ungarn oder Polen: Überall beanspruchen soziale Bewegungen, Parteien oder Politiker für sich, im Namen des "Volkes" zu agieren, Ungerechtigkeiten zu beseitigen, das Land vor inneren und äußeren Feinde zu schützen und zu alter Größe zu führen.

Bewertung:
Michel Abdollahi Deutschland schafft mich © Hoffmann und Campe
Hoffmann und Campe

Sachbuch - Michel Abdollahi: "Deutschland schafft mich"

Michel Abdollahi wurde 1981 in Teheran geboren und kam schon als kleines Kind nach Deutschland. Er studierte Jura, ist in der Poetry-Slam-Szene aktiv, moderiert Talk-Shows im NDR und ist für seine Reportagen mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet worden. Jetzt hat ein neues Buch geschrieben.

Bewertung:
Der Blick von oben © Dumont Verlag
Dumont Verlag

Fotoband - Agata und Pierre Toromanoff: "Der Blick von oben. Unsere Erde aus der Drohnen-Perspektive"

Wenn wir in den Zeiten der Corona-Krise soziale Kontakte meiden und am besten nicht mehr vor die Tür gehen sollen, wächst unser Drang nach Bewegung und Freiheit genauso schnell wie unser Fernweh und unser Reisefieber. Da wir aber derzeit nur in unseren Gedanken verreisen und nur in unserer Fantasie die Welt erkunden können, ist vielleicht ein soeben erschienener Bildband hilfreich, unseren eingeschränkten Horizont zu erweitern und die Erde einmal ganz neu und anders zu erleben.

Bewertung: