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Roman - Jami Attenberg: "Nicht mein Ding"

Bewertung:

Der ganze Irrsinn des menschlichen Daseins: Ein kluger New York-Roman über eine Singlefrau mit Familie.

Andrea Bern ist Ende 30, und sagt, Ehe und Familie seien "nicht ihr Ding". Sie hat ein abgebrochenes Kunststudium, eine kleine Wohnung in Brooklyn, New York, von der aus sie das Empire State Buildling jeden Tag in verschiedenen Farben malt, einen Job in der Werbebranche. Und sie hat Affären, mehrere gleichzeitig. An einer Stelle sagt sie, sie habe keine Beziehung, sondern nur Bruchstücke.

Man könnte denken, Jami Attenberg porträtiere in ihrem Roman eine selbstbestimmte, moderne New Yorkerin, die sich nimmt, was sie braucht, doch so einfach ist es nicht, weder erzählerisch noch gesellschaftlich. Was Andrea da lebt, ist zwar selbstbestimmt, das Glück aber ist es nicht. Denn der Singlefrau haftet immer noch - und da wird Attenberg zur scharfen soziologischen Zeitkritikerin - ein Makel an, selbst in einer Stadt wie New York.

Protagonistin kompensiert die Lücken in ihrem Leben

Andreas Situation hat etwas grundsätzlich Defizitäres, die Leerstellen sind dabei richtungsweisend: kein Kind, kein Mann, kein Job, für den sie brennt. Aber es sind nicht nur die Fragen, die ihr gestellt werden, nicht nur die Zuschreibungen von außen - die Einschätzung, dass etwas fehlt, kommt auch aus ihr selbst, und sie versucht die Lücken mit vielen Affären und Alkohol zu kompensieren.

Auf der Beerdigung der besten Freundin der Mutter kommt es zu einer Unterhaltung zwischen Mutter und Tochter - einer der Knackpunkte des Romans. Die Mutter sagt, Andrea habe es leichter gehabt, weil sie in eine Welt geboren wurde, in der es den Feminismus schon gab. "Ich wusste nicht, dass ich auch allein sein kann". Dennoch versucht sie die dazu zu bringen, sich zumindest für die Ehe zu interessieren: "Es ist einfach nett, etwas zu haben, woran man glauben kann". Die Situation eskaliert, die Mutter beginnt zu weinen und sagt dann: "Ich bin nur für einen Tag in der Stadt, können wir uns einfach liebhaben?" Und Andrea lenkt ein: "Ich bin einverstanden. Ich bin einverstanden zu lieben."

New York-Roman über eine Singlefrau mit Familie

Das sind solche Stellen in Attenbergs Prosa, die in wenigen Sätzen sehr viel tun: Sie erzählen viel über die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, sie zeigen die Geworfenheit der Figuren, ihre Suche nach etwas, ihr Ringen. Und Attenberg hat diesen Ton, der niemals in die Larmoyanz kippt, sondern Existenzielles auf diese tragisch-komische Weise zu fassen bekommt - ihre Sätze sind beglückend vollgestopft mit dem ganzen Irrsinn des irdischen Daseins.

Und deshalb ist "Nicht mein Ding" nicht nur einfach ein New York-Roman über eine Singlefrau. Sondern ein New York-Roman über eine Singlefrau mit Familie. Denn Andrea lebt zwar allein und ist meistens auf sich selbst zurückgeworfen, aber bindungslos ist sie nicht.

Da ist nicht nur die Mutter, die es den Kindern nicht immer leicht gemacht hat mit ihrer Armut, dem drogenabhängigen Vater und ihrem Politaktivismus, sondern es gibt auch noch einen Bruder, der mal ein erfolgreicher Musiker einer Band war und jetzt mit seiner Frau und der schwer behinderten Tochter aufs Land zieht. Und wenn es um die Beschreibung von unlösbaren, nervigen, aufreibenden, wertvollen Familienbanden geht, ist Jami Attenberg außergewöhnlich grandios, das hat sie u.a. in ihrem Familienepos "Die Middlesteins" gezeigt. 

Jedes Kapitel hat einen anderen erzählerischen Kern

Eine besondere Qualität dieses Romans ist auch seine Struktur. Attenberg schreibt in Schleifen, sie kreist immer wieder um dieselben Namen und biographischen Wendepunkte, doch jedes Kapitel hat einen anderen erzählerischen Kern.

Da ist z.B. das Kapitel, in dem es um Andreas Malerfreund geht, mit dem sie immer wieder zusammen ist, über viele Jahre hinweg; in einem anderen Kapitel liegt der Fokus auf der behinderten Tochter des Bruders; dann konzentriert sich ein Kapitel auf eine Freundin, die ein Baby bekommt - und alle Geschichten überschneiden sich und setzen bei einigen Umständen noch einmal von vorne an, als würden sie zum ersten Mal erwähnt. Außerdem erzählt Attenberg nicht chronologisch, sondern schraubt sich mit jedem Kapitel tiefer hinein in die Biographie ihrer Hauptfigur.

Am Ende gönnt uns die Autorin sogar eine Art tröstendes Ende, anders als gedacht natürlich, und es hat konsequenterweise nichts mit einem Liebhaber zu tun. Es geht um Familie und Verantwortung, so viel kann man verraten, und man schlägt das Buch zu mit einer Stimmung, die beschwingt ist und melancholisch, berührt und nachdenklich und abgeklärter, aber in jedem Fall bereichert. 

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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