Marion Poschmann: "Nimbus"; Montage: rbbKultur
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Gedichte - Marion Poschmann: "Nimbus"

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Oft ist es so, dass man am meisten das bewundert, was man selbst nicht kann: Romanautoren bewundern Lyriker und umgekehrt. Marion Poschmann kann beides – und beides gleich gut. Mit ihren vier Romanen und vier Gedichtbüchern ist sie in der deutschsprachigen Literatur zu einer der wichtigsten Stimmen der mittleren Generation geworden.

Ihr neuer Gedichtband heißt "Nimbus", und es ist ein umfangreicher, sehr gehaltvoller Band geworden. Das Buch hat mit fast 120 Seiten für einen Gedichtband eine stattliche Länge. Es steckt voller weit ausgreifender Gedichte, die oft mehrere Seiten umfassen, mit langen Strophen, langen Versen, sehr dicht und musikalisch komponiert. Poschmann experimentiert hie und da auch mit tradierten Formen, mit der antiken Ode zum Beispiel, sie tut das aber auf sehr freie Weise.

Ein schönes Beispiel ist ihre "Ode an die Bordsteinflechte". Darin versenkt sich die lyrische Hauptfigur in die Schönheit eben einer solchen Flechte. Sie kniet mit Pauspapier in der Hand auf dem Gehsteig, hinter sich einen Hundesalon und eine Wäscherei, vor sich hat sie etwas ganz Wunderbares entdeckt, "einen geheimen Zengarten": "Zartgeäderte Flechten, die wie eine aufgeschnittene Druse das Innere des Gesteins zeigten".

Kleine Dinge von großer Schönheit

Die Gedichte handeln oft von solchen kleinen Dingen, die man leicht übersieht, die aber trotzdem von großer Schönheit sind, manchmal auch von symbolischer Bedeutung für das eigene Leben. Sie gilt es im Schreiben, im Vers vor der Vergänglichkeit zu bewahren. Nicht umsonst endet das Gedicht mit den Worten: "Bürgersteige, über die die Kehrmaschine fegt".

Natur spielt fast immer eine wichtige Rolle in diesen Gedichten, aber es ist keine idyllische Natur, und schon gar nicht haben wir es mit Naturschutzgedichten zu tun. Marion Poschmann schreibt in diesem Band etwas fort, was für ihre Lyrik von Anfang an wichtig war. Einer ihrer frühen Gedichtbände hieß "Grund zu Schafen" – ein schön lakonischer und vieldeutig-witziger Titel.

In diesem Band, "Nimbus", geht es also auch wieder um Landschaftswahrnehmung, aber auch um mehr. Das Wort "Nimbus" kommt aus dem Lateinischen, wörtlich heißt es "dunkle Wolke". In der Kunst andererseits nennt man so den Heiligenschein, also etwas, das jenseits der Natur steht, das sie übersteigt. In diesem Spannungsfeld aus Natur und Religion, aus dem Heiligen und dem Profanen, stehen die Gedichte.

Marion Poschmann; Foto: gb
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„Ich schmolz die Gletscher“

Es ist nicht so sehr die christliche Religion, es sind eher Naturreligionen und Naturgewalten, von denen sich Marion Poschmann offenbar inspiriert fühlt. Man merkt es schon an den Kapiteltiteln: "Wettermachen" heißt einer, "Animismus", "Stadtschamanen" weitere. Kurzum: Es wird gezaubert.

Vor allem das erste Kapitel trumpft mit großer Geste auf. "Sibirischer Tierstil" heißt es, darin kommt eine Art nordischer Kältemagie zum Einsatz, die auch an späterer Stelle im Band auftaucht. Hier haben wir kein Alltagssubjekt, das auf dem Gehsteig kniet, sondern ein entgrenztes, fast allumfassendes, fast gottgleiches Ich, das aber trotzdem nicht ohne Demut ist. Es sagt von sich: "Ich taute Grönland auf mit meinem Blick, ich schmolz die Gletscher, während ich sie voll Andacht überflog." Die neun Gedichte dieses Zyklus wollen ganz hoch hinaus. Und sie schaffen es, wenn es sie dabei auch manchmal fast aus der Kurve trägt.

Marion Poschmann hat eine ganz eigene Stimme entwickelt, aber es lassen sich auch Traditionslinien ziehen: zu Else Lasker-Schüler zum Beispiel, die keine Schwierigkeiten hatte, sich selbst in großen, archetypischen Rollen zu imaginieren. Sie konnte sich ohne weiteres vorstellen, dass sie ein orientalischer Prinz sei oder eine Naturgewalt.

Zurück zum Urquell der Poesie

Und dann gab es da noch die naturmagische Dichterschule, deren Anfang fast hundert Jahre zurückreicht. Elisabeth Langgässer war eine ihrer interessantesten Stimmen, allerdings mit christlicher Prägung. In ihrer Lyrik ist Natur nicht nur das Schöne, Idyllische, sondern auch das Tiefgreifende, manchmal Verstörende. Marion Poschmann, so könnte man sagen, ist eine wortgewaltige, autarke Nachfolgerin von Elisabeth Langgässer.

"Nimbus" geht aber auch auf den Urquell der Poesie, eigentlich aller Künste zurück: auf das Mystisch-Kultische. Diese Gedichte erinnern an eine Zeit, als man glaubte, dass der richtige Vers tatsächlich imstande sei, den verrenkten Fuß zu heilen, wie in den berühmten Merseburger Zaubersprüchen. Aus so tiefer Quelle zu schöpfen, muss man sich erst mal trauen. Marion Poschmann hat es sich getraut, und auch wenn ihre Gedichte wahrscheinlich nicht auf der Notaufnahme eingesetzt werden, man muss sagen: Zaubern mit der Sprache, das kann sie.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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