Mike Smith: Warning Shots © Kehrer-Verlag
Bild: Kehrer-Verlag

Geschmacksache - Mike Smith: "Warning Shots"

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Mike Smith hat zweifellos einen Allerwelts-Namen. Aber die Bilder des 1951 geborenen US-amerikanischen Fotografen sind sicherlich keine Allerwelts-Kunst. Im Gegenteil: Sie hängen in den bedeutendsten Museen der Welt, natürlich auch im MoMa und im Metropolitan Museum of Art in New York. Jetzt hat er im Kehrer Verlag einen neuen Fotoband herausgebracht.

Mike Smith steht - um ein paar Kunst-Ikonen zu nennen, die die zeitgenössische Fotografie entscheidend beeinflusst haben - in der Tradition der 2009 verstorbenen amerikanischen "Straßenfotografin" Helen Levitt oder dem 2019 verstorbenen schweizerisch-amerikanischen "Snapshot"-Fotografen Robert Frank, der mit einem einzigen Fotoband ("The Americans", 1958) die spontane, sozialkritische Fotografie neu erfand und bis heute Maßstäbe setzt für alle, die mit ihren Fotos das gesellschaftliche Leben einfangen, poetisch dokumentieren in eine ästhetische Gegenwelt transzendieren wollen. Smith, der viele Jahre als Professor an der Universität von Tennessee Fotografie unterrichtete, fotografiert seit vielen Jahren den Alltag und das ärmliche und oft öde Leben, die Umgebung und Landschaft, die Häuser, Straßen und Städte, Kneipen und Autos der Bewohner in den südlichen Appalachen, vor allem in Tennessee und Virginia. In "Warning Shots" versammelt er Bilder aus der jüngsten Vergangenheit, vor allem Fotos, die er während der Präsidentschaftswahlen 2016 und kurz nach Amtsantritt von Donald Trump in dieser Region gemacht hat, in der viele typische Trump-Wähler leben. Hier gibt das von Armut und Abstiegsangst, Demütigung und Deklassierung gepeinigte weiße Amerika den Ton an und hat sich die Herrschaft über ihr angeblich so großes und tolles Land ("Make America Great Again") zurück erobert. Die Fotos sind eine beängstigende und erschütternde Bestandsaufnahme eines völlig zerrütteten Landes, das zu vereinigen ein fast aussichtsloses Unterfangen sein wird.

Fotos die Angst machen

Es sind "Warnschüsse" im mehrfachen Sinne: Denn Smith schießt aufrüttelnde Fotos von Menschen in gesellschaftlichen Umständen, die vor Gewalt und Hass, Sexismus und Frauenfeindlichkeit, Ignoranz und Intoleranz nur so strotzen. Smith erlebt bei seinen fotografischen Recherchen ganz reale "Warnschüsse", die auf ihn und alle, die sich über das weiße, verbitterte Amerika intellektuell erheben, zielen: Wo auch immer er auftaucht und Fotos schießt, werden schussbereite Waffen gezückt und wenn nicht auf jeden Fremden und Andersdenkenden, dann doch - ersatzweise - wenigstens auf Holzpuppen, Plakate und Zielscheiben geschossen, werden alle, die hinter die Fassade der Gewalt gucken wollen, mit dem Strick bedroht, werden Frauen, die nicht kuschen und als willige Sexpuppen dienen wollen, gedemütigt, werden alle, die das große Amerika klein reden, mit dem Tod bedroht: Es sind Fotos, die Angst machen, weil sie die Angst des Fotografen widerspiegeln, bei seiner fotografischen Arbeit erschossen zu werden; sie spiegeln aber auch die Angst von Menschen wider, die unbewusst spüren, dass zwischen dem großen ideologischen Versprechen (Bewohner eines bedeutenden Landes und Wähler eines mächtigen Führers zu sein, der sie reich und glücklich machen will) und der bitteren Realität (ihrem banalen Leben und ihrer aussichtslosen Zukunft) ein gigantischer Riss verläuft und ein tiefer Abgrund lauert.  

Höllentrip

Die Fotos gleichen einem Höllentrip, nur dass die Hölle nicht im Jenseits ist, sondern im im Hier und Heute und sich als amerikanische Normalität ausgibt. Auf einem Foto sieht man einen achtlos liegen gelassene Patronenhülsen, man wagt sich kaum auszumalen, wer da auf wen oder was geschossen hat. Auf mehreren Fotos: Einschusslöcher und Brandflecken, da wurde voller Hass auf Plakate und Zielscheiben geballert, auf denen Frauen und Schwarze abgebildet sind. In einem verwahrlosten Vorgarten steht eine handgeschriebener Warnung: "I Would Not Call My Dog, Obama", da würde also jemand sofort seinen Hund von der Leine lassen, wenn sich ein Schwarzer auch nur nähert. Vor einem Haus steht ein Galgen mit Strick; auf einer Terrasse lauert eine Katze, die mit Blut unterlaufenen Augen den Betrachter böse anglotzt. Einmal sieht man einen im Bett liegenden Mann, in der Hand eine Zigarette, neben sich diverse Fernbedienungen, auf dem Bauch ein schussbereiter riesiger Revolver. Und überall Gemälde und Plakate mit der Südstaaten-Flagge: die Niederlage der Sklavenhalter-Gesellschaft gegen den demokratischen Norden ist ein Trauma und wirkt weiter wie ein schleichendes Gift, das die Seelen auffrisst und aus Menschen Monster macht.

Ein notwendiges Buch

Ob die Kinder und Jugendlichen, die auf einigen Fotos zu sehen sind, eine Zukunft haben werden, darf man bezweifeln. Denn schon jetzt sehen sie unendlich einsam und traurig aus, blicken mit leeren Augen in die Kamera oder hocken wie ein Häufchen Elend betrunken in ihren vermüllten Autos. Aber was können Kinder und Jugendliche auch erwarten, wenn ihre Eltern auf die Scheibe ihres Autos das Piktogramm einer fünfköpfige Familie pinseln: Mutter und Vater, Tochter und Sohn, sogar das kleine Baby mit dem Milch-Fläschchen, alle grinsen breit und präsentieren stolz ihre Pistolen und Gewehre. Will man wissen, wer die rassistischen, sexistischen und fremdenfeindlichen Sprüche eines Donald Trump unterstützt und ihm genau dafür die Stimme gibt, dann braucht man keine soziologischen oder psychologischen Abhandlungen zu lesen: Es reicht vollkommen aus, sich diese schrecklich-schönen Fotos anzuschauen, die unbequeme Dinge und entlarvende Details offenlegen, die aber nicht belehren wollen, sondern es jedem überlassen, sich die dazu passenden Geschichten zusammenzureimen und die richtigen Schlüsse zu ziehen: Es ist kein erbauliches, aber ein notwendiges Buch. 

 

Frank Dietschreit, rbbKultur

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