Beckett Echos Knochen © Suhrkamp
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Erzählung - Samuel Beckett: "Echos Knochen"

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Die literarische Welt ist immer wieder für eine Überraschung gut: Einige Jahrzehnte hat es gedauert, bis eine Erzählung von Samuel Beckett das Licht der Öffentlichkeit erblickte. "Echos Knochen", geschrieben im Jahr 1933, wurde erst im Jahr 2014 entdeckt und in Großbritannien, 25 Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung von Chris Hirte liegt jetzt im Suhrkamp Verlag vor.

Der Literaturnobelpreisträger Samuel Beckett hatte "Echos Knochen" auf Bitten seines Verlegers geschrieben, der dann aber doch einen Rückzieher machte, als er das Manuskript in die Hände bekam, er lehnte es ab, den Text in die dafür vorgesehene Sammlung mit Erzählungen aufzunehmen. Beckett hat Motive und Themen der Erzählung daraufhin zwar noch für seinen Gedichtband "Echo´s Bones and Other Pricipates" geplündert, aber die Story auf Nimmerwiedersehen in seiner Schublade versenkt. Wie Original und Kopie dann in die Bibliotheken zweier Universitäten gelangt sind, weiß niemand. Die Überraschung über den unerwarteten Fund jedenfalls war riesig, und seit die Erzählung bekannt geworden ist, heißt es, sie sei sozusagen der literarische Urgrund und Schöpfungsmythos für alle späteren Werke von Beckett, hier würde der Autor, der mit "Warten auf Godot" die Theaterwelt revolutionierte, sein absurdes literarisches Besteck auspacken und ausprobieren.

Mehr Prügel als Flügel

Der Verleger hatte den Text bestellt, weil die Sammlung mit Erzählungen, die er unter dem Titel "More Pricks Than Kicks/Mehr Prügel als Flügel" veröffentlichen wollte - und die später tatsächlich ein Meilenstein der Literaturgeschichte werden sollte - ihm vom Umfang her noch zu dünn erschien. Beckett hatte seinen Helden Belacqua zwar in den bisher druckfertigen Stories an den Folgen einer Operation sterben lassen, aber er hatte - schon aus finanziellen Erwägungen - nichts dagegen, Belacqua wieder auferstehen und neue Abenteuer erleben zu lassen. Denn Beckett brauchte dringend einen literarischen Erfolg und er benötigte Geld, er galt zwar als legitimer Nachfolger von James Joyce, aber außer einigen kleineren Texten hatte der 27-jährige Autor noch nichts Großes zustande gebracht.

Sein erstes Roman-Manuskript "Traum von mehr bis minder schönen Frauen" wollte sein Verleger nicht drucken, zu lang, zu unverständlich, aber wenn er daraus ein paar Erzählungen herausfiltern und destillieren könnte, wäre eine Veröffentlichung möglich: Also plünderte er den Roman und knallte ihm stattdessen den Erzählband "Mehr Prügel als Flügel" auf den Tisch, der den Verleger zwar entzückte, aber eben zu kurz erschien. Doch die Erzählung, die Beckett dann nachschob - "Echos Knochen" - haute den Verleger vom Hocker. In einem Brief an Beckett schreibt er: "Sie ist ein Alptraum. Es gibt Passagen, mit denen ich nichts anfangen kann. Es tut mir wirklich leid und es ärgert mich, dass ich so begriffsstutzig bin. "Echos Knochen" hat mich wahrlich getroffen wie ein Schlag auf den Kopf." Damit war das Debakel komplett, der überforderte Verleger streute Asche auf sein Haupt, veröffentlichte "Mehr Prügel als Flügel" in der ursprünglichen Form und schickte "Echos Knochen" an Beckett zurück.

Der Alptraum eines Alptraums

Die Erzählung ist der Alptraum eines Alptraums, denn die Geschichte ist der literarische vieldeutige und völlig konfuse Traum eines Mannes, der sich gegen seinen Tod stemmt, aus dem Grab aufersteht, sein Leben wie das Echo eines Echos nachhallen lässt, sich in kuriose Begegnungen und Dialoge stürzt und dann doch zum Schluss wieder in seinen eigenen Sarg und auf seine eigenen Knochen schauen muss. Beckett spielt und zitiert hier unzählige Themen, Personen und Motive der Literaturgeschichte herbei, von Ovids "Metamorphosen" und der Sage von Echo und Narziss, Dantes "Göttliche Komödie", Shakespeares "Hamlet" bis zu Marquis de Sades "120 Tage von Sodom", Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung" und dem "Ulysses" von Joyce, wird alles literarisch verwurstet und durch den absurden und komischen Kakao gezogen.

Ständig wechselt die Erzähl-Perspektive, schwirren groteske Assoziationen, Kino-Erinnerungen, Slapstick-Einlagen, Justiz-Kauderwelsch wild durcheinander, reißen die Figuren die blödesten und derbsten Zoten, bevor sie umstandslos vom Gassenjargon ins Philosophieren geraten über Sein und Nichtsein und die Existenz einer Welt, die nur in der Fantasie besteht und in der das Leben nur ein Traum ist, den man nicht versteht, der aber - wie für Belacqua, also für das Alter Ego von Beckett - wie das Triptychon eines chaotischen Lebens erscheint, in dem man sich seine Verfehlungen eingestehen und für seine Sünden büßen muss und entweder in die Hölle oder in den Himmel kommt.

Eine ironische Anti-Erzählung

Belacqua erlebt die Liebe als Sündenfall, denn kaum ist er von den Toten auferstanden, fällt er in die Arme der Prostituierten Zaborovna Privet, vergnügt sich ausgiebig mit ihr und saugt alle sexuelle Ausschweifungen nach Leibes-Kräften auf. Dann begibt er sich auf Wanderschaft und trifft unterwegs den riesenhaften Lord Gall of Wormwood, der zeugungsunfähig ist und sein Landgut an den kinderreichen Baron Extravas zu verlieren droht, wenn er ohne männlichen Erben stirbt. Lord Gall bittet Belacqua, ihm zur Vaterschaft zu verhelfen, Belacqua tut ihm den Gefallen und schlüpft zu Lady Moll Gall ins Bett: sie wird Mutter, gebiert aber keinen Sohn, sondern eine Tochter. Warum auch nicht, wir haben es ja mit einer ironischen Anti-Erzählung zu tun.

Schließlich - nachdem noch ein U-Boot mit Personen auf- und wieder abtaucht, die der eingeweihte Leser aus dem Erzählband "Mehr Prügel als Flügel" kennt - sitzt Belacqua auf seinem eigenen Grabstein und schaut dem Totengräber Doyle beim Aufbrechen des Grabes zu. Schon debattieren die beiden über Tod, Verwesung und Jüngstes Gericht und persiflieren sämtliche Attribute des christlichen Glaubens. Doch es hilft nichts, Belaquca findet im Grab, wie einst die Nymphe Echo, nur eine Handvoll Steine: nicht einmal Knochen, nichts ist übrig geblieben, und der letzte Satz dieses satirischen Schauermärchens lautet denn auch fröhlich: "So geht es in der Welt." Wer verstehen will, warum es so geht in der Welt und womit Beckett spielt, muss sich ein bisschen schlau machen. Wer einfach nur die Erzählung auf sich wirken lassen will, sollte sie unbedingt laut lesen: erst dann entfaltet sie ihre ganze Kraft und ihren bodenlosen Humor.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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