"The Great Nowitzki" © Kiepenheuer und Witsch, Montage: rbb
Kiepenheuer und Witsch, Montage: rbb
Bild: Kiepenheuer und Witsch, Montage: rbb Download (mp3, 4 MB)

Bestseller-Check - Thomas Pletzinger: "The Great Nowitzki"

Bewertung:

Dirk Nowitzki ist Basketball-Legende und globaler Superstar. Nach 21 Jahren hat "The German Wunderkind" seine NBA-Spielerkarriere bei den Dallas Mavericks 2019 beendet. Thomas Pletzinger war Teil von Nowitzkis Kosmos und gewährt einen Blick in die Welt des Superstars.

The Great Nowitzki... Die Huldigung beginnt also bereits im Titel. Und sie setzt sich fort auf über 500 Seiten. Aber es ist keine billige Huldigung. Ja, Thomas Pletzinger beschwört Dirk Nowitzkis überlebensgroße Größe als Sportler, als NBA-Superstar, als verehrtester Bürger von Dallas, Texas. Und er feiert den Basketball, den er einst selbst auf gutem Niveau gespielt hat. Er feiert die Momente, in denen sich Können, Kampf, Schönheit und Ekstase verdichten – nicht allein zu großem Sport, sondern zu einer Feier des Daseins in vergänglich-unvergänglichen Augenblicken.

Mehr Roman als Sachbuch

Schwärmerei? Aber klar! Doch Pletzinger trägt sie geistvoll und reflektiert vor, er traktiert literarisches Schreib-Werkzeug und nutzt alle Lizenzen der teilnehmenden Beobachtung, sich ausdrücklich auf den Ethnologen Clifford Geertz berufend, der die teilnehmende Beobachtung konzeptuell entwickelt hat. Pletzinger kennt Nowitzkis Karriere wie wenige – aus dem Fernsehen, von Spielen und Trainings, bei denen er live dabei war, aus den Texten, die bereits geschrieben wurden (nicht zuletzt von ihm selbst), vor allem aber dank vieler persönlicher Kontakte. In The Great Nowitzki zieht Pletzinger nun die Summe. Das Buch ist oft näher am Roman als am Sachbuch.

Maximales Können und maximale Bodenständigkeit

Was ist das Große, das Besondere an Dirk Nowitzki? Pletzinger drückt sich absichtlich um einfache Antworten herum, gewiss, damit er umso länger und genauer, intensiver über den Menschen und Sportler schreiben kann. Der Rang des Sportlers ist längst Sportgeschichte. Nowitzki, 2,13 Meter groß, hat als erster ganz langer Lulatsch Weltklasse auf allen Positionen gezeigt, nicht nur unterm Korb, wo vor ihm der Platz der Riesen war. Er spielte meistens außen, auf der Position des Power Forward, und er traf von dort wie vor ihm keiner seiner Länge (bald gab es Nachahmer).

Außerdem, Basketball-Fans können das alles im Schlaf erzählen, perfektionierte er den Sprungwurf im Rückwärts-Fallen, den sogenannten Fadeaway. Pletzinger nennt Nowitzkis sportliches Wirken "eine Revolution". Was den Menschen angeht, sticht immer wieder ein Merkmal hervor, dass nämlich Nowitzki einer der Superstars auf dem NBA-Jahrmarkt der galaktischen Eitelkeiten wurde und doch der attitüdefreie Dirk blieb, der von sich sagt: "Ich kann relativ gut 'nen Ball in ein Körbchen schmeißen." Maximaler Ehrgeiz, maximales Können, maximaler Erfolg, maximaler Ruhm und zugleich maximale Bodenständigkeit und ungeheuchelte Normalität: Das ist Nowitzkis Signatur, um die Pletzinger vergnügt herumschreibt.

"Basketball ist Jazz"

Das sportliche und private Umfeld Nowitzkis leuchtet Pletzinger bis in die Tiefen aus. Am wichtigsten für die Karriere war Holger Geschwinder, der Trainer, Mentor und Freund. Pletzinger stellt den deutschen Ex-Nationalspieler ebenfalls tendenziell überlebensgroß dar, als ultra-unkonventionellen Intellektuellen, als Physiker und Mathematiker mit Hang zum Abenteuer und zum Geheimnisvoll-Guruhaften, als einen Mann, dem Sport und Kunst eng verwandt sind: "Basketball ist Jazz."

Mit Geschwinder hat Nowitzki während legendärer Trainings unzählige Male geworfen und winzigste Verbesserungen eingeübt – ein Exerzitium, ohne das Nowitzkis Klasse undenkbar ist. Auch das wurde oft erzählt, aber nie so detailreich und eindringlich. Dazu tritt eine riesige Schar von Zeugen auf: Die Spieler aus der deutschen Nationalmannschaft, prominente Ex-Mavericks wie Steve Nash und anderer Stars, aber auch die Dame von der Mavericks-Geschäftsstelle. Es steckt eine Menge Basketball-Geschichte in "The Great Nowitzki", von hüben wir drüben. Und ein fragmentarisches Selbst-Porträt hat Pletzinger den 500 Seiten auch noch untergejubelt.

Superlative sprenkeln den Text

Sport-Aficionados wird es nicht stören, aber ein paar nachteilige Aspekte fallen auf, wenn man die kritische Brille aufsetzt. Über Nowitzkis unglückselige Beziehung mit der Betrügerin Christal Taylor sagt Pletzinger fast nichts, über Geschwinders Millionen-Steuerhinterziehung gar nichts – als würde es im triumphalen Bild stören. Politisches, selbst Sportpolitisches, kommt nicht vor. Dass der NBA-Basketball auch ein bizarr aufgeblasener Mega-Kommerz von, mit und für Super-Egos ist, ist Pletzinger egal.

Auch sein Stil muss nicht jedem gefallen. Seine Rhetorik drängt immer zu Pathos, weshalb er Aussagen gern in suggestiven Varianten wiederholt und sich in Substantiv-Stakkatos ergeht. Er rückt einzelne Sätze ein, ein ziemlich derber visueller Trick zur Bedeutungssteigerung der Aussage. Aber manchmal steht da nur: "Und dann parkt Dirk seinen Wagen und steigt aus." Superlative sprenkeln den Text, der überhaupt das Superlativische zum Grundton hat. Das ändert aber nichts daran, dass The Great Nowitzki eine tolle Sportler-Biographie ist, die auf dem deutschen Buch-Markt kaum Konkurrenz hat.

Arno Orzessek, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Clarice Lispector: Aber es wird regnen; Montage: rbbKultur
Penguin Verlag

Sämtliche Erzählungen in zwei Bänden - Clarice Lispector: "Aber es wird regnen"

In Lateinamerika war sie schon zu Lebzeiten eine Legende, im Rückblick gilt sie als die Ikone der brasilianischen Moderne schlechthin: die 1977 verstorbene brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector. In Europa sind ihre Romane und Erzählungen hauptsächlich in feministischen Insider-Kreisen bekannt. Der Penguin Verlag macht sich seit ein paar Jahren daran, ihr Werk neu zu übersetzen – jetzt sind ihre sämtlichen Erzählungen erstmals alle auf Deutsch erschienen.

Bewertung:
Emma Becker: La Maison © rowohlt
rowohlt

Roman - Emma Becker: "La Maison"

Am Ende kommen noch Janus, Olaf und Gerd zu Justine ins "La Maison", wie das Wilmersdorfer Bordell in Emma Beckers gleichnamigen Roman heißt. Sie bevorzugen SM-Praktiken, sind im sogenannten Studio des Freudenhauses der Dominus, der fesselt, peitscht und würgt, während Justine die Sklavin darstellt, die gefesselt, gepeitscht und gewürgt wird. "La Maison" ist Beckers dritten Roman, der in Frankreich für einiges Aufsehen sorgte.

Bewertung:
Meral Kureyshi: Fünf Jahreszeiten © Limmat Verlag
Limmat Verlag

Roman - Meral Kureyshi: "Fünf Jahreszeiten"

Direkt mit ihrem ersten Roman hat Meral Kureyshi ins Schwarze getroffen: ihre Migrationsgeschichte "Elefanten im Garten" wurde in mehrere Sprachen übersetzt und hat einige Preise gewonnen. In diesem Jahr war die Schweizerin zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen. In ihrem neuen Roman "Fünf Jahreszeiten" geht es um Liebe zwischen den Stühlen und die Flüchtigkeit des Moments.

Bewertung: