George Orwell, Ueber Nationalismus © dtv
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Essay - George Orwell: "Über Nationalismus"

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Ein Gespenst geht um in Europa. Doch es ist diesmal, anders als zu Zeiten von Karl Marx, das Gespenst des Nationalismus. Überall sind populistische Politiker und rechtsextreme Parteien im Aufwind. Um sich Klarheit über gespenstische Phänomene zu verschaffen, hilft ein Blick in die Geschichte.

Da trifft es sich, dass jetzt ein Essay von George Orwell erstmals in deutscher Übersetzung erscheint: Er trägt den Titel "Über Nationalismus" und wurde im Oktober 1945 in einer britischen Zeitschrift für Philosophie und Psychologie veröffentlicht.

Die Überlegungen zum Nationalismus sind eine Flaschenpost, die aus der Vergangenheit kommt und die Gefahren der Gegenwart verdeutlicht. Orwell bezieht sich nicht nur auf den Nationalismus, der damals im deutschen, japanischen und italienischen Faschismus seinen apokalyptischen Ausdruck fand. Er verwendet den Begriff Nationalismus nicht im üblichen Sinne. Nationalismus ist für ihn eine Geisteshaltung und ein Gefühl, er bezieht Nationalismus nicht nur auf eine Nation, ein Volk, eine geografische Region, sondern auch auf eine Rasse oder Klasse, eine Kirche oder Ideologie.

Der Essay entstand im Kontext von "Animal Farm" und "1984"

Deshalb kann uns Orwell behilflich sein, zu verstehen, dass auch im Islam und im Christentum, im Antisemitismus und im Kommunismus ein a-moralischer Nationalismus zum Vorschein kommt, genauso wie in allen Überzeugungen und Einheiten, die das besondere Eigene betonen, die sich selbst absolut setzen und resistent sind gegen jede Aufklärung. Der Essay entstand im Kontext von "Animal Farm" und "1984", also jenen Romanen, in denen Orwell beschrieb, wie totalitäre Herrschaft, Unterdrückung des Individuums, Entartung einer Revolution in Gewaltherrschaft einer kleinen Clique funktioniert.

Der Essay kann uns erklären, warum heute jede Debatte maximal polarisiert und wir kulturkämpferisch unerbittlich streiten, warum nicht nur Rechtspopulisten, sondern auch links-liberale Milieus und militante Klima-Aktivisten für Argumente manchmal nicht mehr erreichbar sind und ihre Meinungen wie eine heilige Monstranz vor sich her tragen. 

Patriotismus ist von Natur aus militärisch und kulturell defensiv

Besonders gefährlich ist, dass Nationalismus untrennbar mit dem Streben nach Macht verbunden ist, dass der Einzelne seine Individualität opfert, um für die Nation, die Rasse oder Klasse, die Ideologie oder dem Glauben, dem man anhängt, Macht und Überlegenheit zu sichern. Im Gegensatz zum Patriotismus, der - laut Orwell - die Verbundenheit des Einzelnen mit einem Ort oder einer Lebensweise meint, die man mag, aber anderen nicht aufzwingen will: Patriotismus ist von Natur aus militärisch und kulturell defensiv.

Der Nationalismus dagegen denkt nur in konkurrierenden Kategorien, sein Denken ist stets auf Sieg oder Niederlage, Triumph oder Demütigung gerichtet. Hat der Nationalist sich für etwas entschieden, ist er bereit, dafür alles zu opfern, fordert er unbedingte Loyalität, er blendet alles aus, was seinen Überzeugungen widerspricht, er überhört, verdrängt und verleugnet alle Fakten, die seine vermeintlichen Wahrheiten als definitive Lügen entlarven könnten.

Der Nationalist verfolgt die Idee der Überlegenheit, er ist aber psychisch instabil

Er glaubt inbrünstig, einer Sache zu dienen, die größer ist als er selbst - und er ist unerschütterlich sicher, im Recht zu sein. Der Nationalist verfolgt obsessiv die Idee der Überlegenheit und Erhabenheit des Eigenen, er ist aber psychisch instabil, so dass auch eine urplötzlich Rückübertragung möglich ist: Länder oder andere Einheiten, die jahrelang verehrt wurden, sind plötzlich verabscheuungswürdig und werden übergangslos durch ein anderes Objekt ersetzt.

Der Nationalist ist gleichgültig gegenüber der Realität, das Gefühl für Richtig und Falsch, Gut oder Böse ist gestört: Ob Mord oder Folter, Zwangsarbeit oder Deportation: Es gibt keine Schandtat, die sich nicht entschuldigen lässt, wenn "unsere Seite" sie begeht und wenn sie "unserer Sache" dient.

Der Nationalist ist prinzipiell unbelehrbar

Es ist schwierig, dem Nationalismus Einhalt zu gebieten und sich gegen ihn zu wappnen. Denn der Nationalist ist prinzipiell unbelehrbar: Er fühlt sich zurück gesetzt, glaubt, ihm werde von seinen Feinden Unrecht angetan, er kennt kein Mitgefühl und kein Bedauern, ihm fehlt der moralische Kompass, er identifiziert sich mit Ideen und Einheiten, die vielleicht gar nicht real sind, sondern nur in seinem Wunschdenken existieren.

Realität, Fakten, Vergangenheit: all das kann er ändern und neu erfinden. Die Rolle von Trotzki in der russischen Revolution wird aus den Archiven gelöscht; der Holocaust hat nie stattgefunden; und wenn Rechtspopulisten heute ein "Ende der Schuld-Debatte" und eine "Erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" fordern, ist das ein neuer Versuch, die Vergangenheit zu ändern, um sich in einem besseren Licht darzustellen.

Selbstkritik könnte den Nationalisten dazu bringen, sich seiner Irrtümer bewusst zu werden.

Der Nationalist kennt keinen Kompromiss, er will in jeder Debatte punkten und siegen, egal wie viele Lügen er auftischt muss. In seiner unversöhnlichen Welt, in der es nur schwarz-weiße Eindeutigkeiten und keine Grauschattierungen gibt, könnte nur die Möglichkeit einer Selbstkritik und Selbstreflexion den Nationalisten dazu bringen, sich seiner Grenzen und Irrtümer bewusst zu werden.

Überwinden aber kann der Nationalist - der allzu häufig ein Intellektueller und oft auch ein Schriftsteller sein kann! - seine Torheiten nur, wenn er zu einer "moralischen Anstrengung" bereit ist: nur wenn er herausfindet, welche Gedanken und Gefühle er wirklich hegt, kann er verhindern, dass sie die eigenen Denkprozesse kontaminieren. Nur wer anerkennt, dass auch der andere recht haben könnte, nur wer abweichende Meinungen zulassen kann, ist gegen rechten und linken Nationalismus immun.

Ideologiekritik von Orwell ist heute aktuell

Seit einigen Tagen hat das vom Nationalismus erfasste Großbritannien endgültig die EU verlassen. Der radikal-demokratische Brite George Orwell, der schon 1947 in einem Essay eine europäische Einigung als Maßnahme gegen Nationalismen jeder Art forderte, hätte wahrscheinlich einen Austritt aus der EU als legitimes Interesse eines jeden Landes anerkannt, aber gleichzeitig festgestellt, dass der Brexit ein nationalistisches, von gewissenlosen Intellektuellen befördertes Eliten-Projekt ist, das sich um Fakten nicht kümmert und - um seine Hauptmerkmale nationalistischen Denkens aufzugreifen - obsessiv, instabil und realitätsfern ist: aktueller als heute könnte die Ideologiekritik von Orwell wohl kaum sein.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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