Abbas Khider: Palast der Miserablen; Montage: rbbKultur
Hanser Berlin
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Roman - Abbas Khider: "Palast der Miserablen"

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Geschichten von Glück bis Gefängnis: ein poetischer, starker Roman über eine Kindheit im Irak.

Alles sei autobiographisch, auch das Ausgedachte, sagt Abbas Khider gerne in Interviews, und lacht so die stete Frage nach dem autobiographischen Kern seiner Bücher weg. Wo genau die Grenze zwischen Fakt und Fiktion verläuft, ist für die Lektüre seiner Bücher ohnehin obsolet. Was zählt, dass Khiders Bücher seit Jahren die Gegenwartsliteratur bereichern, es sind Bücher, die randvoll sind mit Geschichten, die so hätten passieren können oder passiert sind.

Das kleine Glück des Alltags

In "Palast der Miserablen" erzählt Khider von Shams Hussein, der im Süden des Iraks aufwächst, nahe der Grenze zu Kuweit. Es ist eine Kindheit zwischen den Kriegen: Als die Revolutionäre gerade das Ruder übernommen haben, spielt er "Saddam jagen" mit anderen Kindern, am anderen Tag wird sein regimekritischer Lehrer erschossen. Die Familie zieht nach Bagdad, um dort "in der Masse unterzutauchen", dort wird Shams zum jungen Mann, entdeckt die Welt der Literatur und beginnt, kritische Bücher zu lesen und zu verkaufen. Bis er verhaftet wird.

Wer Abbas Khiders Bücher kennt, "Der falsche Inder", "Die Orangen des Präsidenten", "Brief in die Auberginenrepublik" oder "Ohrfeige" stößt im neuen Roman wieder auf Themen, die den Autor beschäftigen, u.a. das Aufwachsen in einer Diktatur, die willkürliche, menschenfeindliche Politik Saddam Husseins, Gefängnis, Hunger, Folter. Aber so tief wie hier ist er bisher noch nie eingetaucht in eine irakische Biographie. "Palast des Präsidenten" feiert poetisch das kleine Glück des Alltags, wenn man ein Leben lebt, das auf den ersten Blick wenig Raum für Freiheit lässt.

Ein Zuhause im Blechviertel

Im sogenannten "Blechviertel" in Bagdad baut sich die Familie ein Zuhause aus Müll, ein Zuhause, in dem man im Winter nur trockene Füße bewahrt, wenn man Stege aus Brettern aufbaut. Da ist die Mutter, die mit Wahrsagen Geld verdient, der Vater, der seinen Sohn davor bewahren will, ebenfalls Soldat zu werden, und die starke, humorvolle Schwester, die Shams vor Halbstarken rettet, die ihn bedrohen.

Und da ist die zweite Erzählebene: Ein junger Mann, der nur Shams selbst sein kann, sitzt in Bagdad im Kerker, es ist der Frühling 2003, als die Amerikaner und Engländer den Irak bombardieren. Irgendwann sind die Wärter weg und der Gefangene wartet, hungert. Wenn Khider in seinen Büchern bisher traumatischen Erlebnissen wie Haft und Folter immer massiv den Humor entgegensetzte, die Waffe der Unterdrückten, so hat dieser Gefangene dem Terror kaum etwas entgegenzusetzen. Das macht die Lektüre hart und eindrücklich und schwer auszuhalten.

Lesen als Widerstand

"Palast der Miserablen" ist auch eine Liebeserklärung an die Literatur. Denn als junger Mann entdeckt Shams den Büchermarkt in Bagdad und taucht, zunächst angezogen von erotischer Literatur, tief in die Welt der Bücher und damit auch des Denkens ein. Da ist ein Kreis von Literaturliebhabern, die sich freitags treffen, in einer Wohnung ohne ein Bildnis von Saddam. Die Welt der Literatur ist entscheidend. Da wird diskutiert, Exil-Iraker werden gelesen, und dann wird es gefährlich. Denn das Wort hat auch mit Verantwortung zu tun und das Lesen allein ist unter Saddam Hussein fast schon eine Form des Widerstands.

Ein wundervoller, trauriger Roman, mit dem Abbas Khider seine Leserinnen und Leser noch intensiver als je zuvor mitnimmt in das Land, in dem er aufwuchs. Und Fragen stellt, die überall auf der Welt gelten: Wie sehr ist der Mensch dem anderen ein Wolf? Was kann ein einziger Mensch bewirken? Wie stark ist eine Familie? Wo findet man Glück?

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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