David Albahari: Heute ist Mittwoch © Schöffling & Co
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Roman - David Albahari: "Heute ist Mittwoch"

Bewertung:
Spätestens seit Franz Kafkas Erzählungen gehören problematische Vater-Sohn-Verhältnisse zum Grundbestand der modernen Literatur. Eines solchen nimmt sich auch der renommierte serbische Schriftsteller David Albahari an. Sein neuer Roman spielt im Serbien der Gegenwart, aber auch in der jugoslawischen Vergangenheit, in den Anfangstagen der Tito-Herrschaft.

Erzählt wird aus der Perspektive des Sohnes. Er ist bereits ein älterer Mann, über den wir anfangs nicht viel mehr erfahren, als dass er – mit Neunundfünfzig – noch nicht mit seinem Studium fertig ist und sich ganz der Pflege des greisen Vaters widmet.

Dieser ist an Parkinson erkrankt: Er verliert allmählich seine Bewegungsfähigkeit, auch seine geistigen Fähigkeiten lassen nach. Dass der Sohn sich um ihn kümmert, ist eher auf ein unbestimmtes Pflichtgefühl als auf tiefe Überzeugung zurückzuführen. Denn die Familienverhältnisse sind problematisch: Der Vater hat die Mutter noch während ihres langsamen Krebstodes sadistisch malträtiert und gedemütigt. Einen "Unhold" nennt ihn der Sohn.

Die brutale Seite des Balkan-Sozialismus

Ein solcher war der Vater auch in anderer Hinsicht. Schon mit achtzehn Jahren stieg er zum Parteikommissar auf. "Komitee zur Feststellung persönlicher und gesellschaftlicher Verantwortung" hieß das von ihm geleitete Gremium in schönstem Sozialistisch.

In Wahrheit ging es darum, Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen, und das hat der Vater mit Wonne getan: Wohlhabende Bauern hat er in den frühen Tagen des jugoslawischen Sozialismus brutal eingeschüchtert und hinter Gitter gebracht. Einem Erschießungskommando gehörte er einst an, und einem Geheimdienst, der auf Titos Befehl Dissidenten liquidierte. Doch auch die Opferseite ist ihm vertraut: Als mutmaßlicher Stalinist war er selbst Gefangener in einem berüchtigten Lager.

Der Sozialismus jugoslawischer Prägung gilt als moderater und menschenfreundlicher als jener in den Ostblockländern, zu denen Jugoslawien bekanntlich nicht gehörte. Hier lernt man eine andere, brutalere Seite des touristenfreundlichen Balkan-Sozialismus kennen.

Darf’s noch ein Viagra mehr sein?

Der Vater vertraut seine grausige Vergangenheit dem Sohn nach und nach auf gemeinsamen Spaziergängen an, stockend wie sein Gang und bei nachlassender Gesundheit. Aber immer, wenn es aufschlussreich werden könnte, schwenkt der Erzähler auf Banalitäten um. Diese Erzählweise könnte man mit Wohlwollen assoziativ nennen, auf Dauer wirkt sie fahrig.

Es hapert auch an der inneren Struktur. Dass der Sohn für seinen kranken Vater Viagra-Tabletten besorgen soll, ist anfangs noch ganz lustig, aber daraus ein Motiv zu machen, das über mehr als hundert Seiten immer wieder auftaucht, hat etwas von einem albernen Running Gag. Bei einem Roman von gerade einmal zweihundert Seiten Länge ist das verschenkte Erzählzeit.

"Das Verlassen ist immer ein Verlassen"

So wächst während des Lesens der Verdacht, dass David Albahari nur halbherzig bei der Sache war oder, schlimmer noch, seinem Thema nicht gewachsen. Der Erzähler sagt über den Vater: "Die Jahre, in denen er dem Regime diente, hinterließen Spuren in seiner Sprache." Genau das gälte es zu zeigen, nicht nur zu behaupten. Doch die Sprache bleibt flach und verplaudert, durchsetzt mit vermeintlich tiefsinnigen, in Wahrheit aber sinnfreien Sätze wie: "Das Verlassen ist immer ein Verlassen, egal wann es geschieht".

Erst ganz zum Schluss kommt es zu einigen Gesprächen zwischen Vater und Sohn, die schlüssig entwickelt und interessant zu lesen sind. Auch für das problematische Verhältnis zwischen Vater und Mutter wird eine überraschende Erklärung präsentiert. Aber nach einhundertsiebzig geschwätzigen Seiten kann Albahari das Ruder nicht mehr herumreißen.

David Albahari ist gewiss ein achtbarer Erzähler, seinen Roman "Mutterland" über das Schicksal einer jüdischen Familie in Kroatien und Serbien zum Beispiel hat der Rezensent gern gelesen. Diesmal ist er seinem Stoff leider nicht gerecht geworden.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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