Dietlinde Küpper: Goethes Verhältnis zur Musik © tredition
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Musikbuch - Dietlinde Küpper: "Goethes Verhältnis zur Musik"

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Goethe und die Musik – da kommt der Dichterfürst im Ansehen schlecht weg: keine Ahnung davon, kein Verständnis für den genialen Franz Schubert, schlechte Berater. Dietlinde Küpper zeichnet dagegen ein sehr viel differenzierteres Bild dieser Thematik.

Goethe hat sich sein Leben lang mit Musik beschäftigt, von der alten Kirchenmusik des 16. Jahrhunderts, die er auf seiner ausgedehnten Italienreise kennengelernt hat, bis hin zu Händel oder Mozart. Ebenso hat er den Austausch über Musik gesucht. Dazu hatte er klare Vorstellungen, wie seine Gedichte idealerweise vertont werden sollten. Sehr überzeugend vergleicht die Autorin exemplarisch auch mehrere Vertonungen desselben Gedichts.

Aber auch beruflich hatte Goethe an Musik Interesse: Als Leiter des Weimarer Hoftheaters hat er dafür nicht nur einige seiner bis heute bekanntesten Dramen geschrieben (die ebenfalls teilweise Musik erfordern, siehe "Egmont"!), sondern auch einige Singspiele.

Ein Missverständnis

Dennoch gab es immer wieder Probleme, bis hin zu der Tatsache, dass sich Goethe zwar lange mit dem Gedanken an eine große Oper getragen hatte, diesen Plan aber nie verwirklichen konnte.

Er hatte seine eigenen Vorstellungen von der Zusammenarbeit zwischen Textdichter und Komponist und versuchte, so weit wie möglich Einfluss auf die Vertonung zu nehmen. Seine bisweilen extrem detaillierten Vorgaben mussten die Kreativität jedes Komponisten ersticken.

Goethe lag es fern zu verstehen, dass ein Komponist mit einem Gedicht oder Libretto eigentlich anstellen kann, was er will. Für Goethe stand der Text im Zentrum. Ohne Musik fehlte ihm zwar etwas Wesentliches, aber diese sollte den Text eher verstärken und illustrieren.

Goethe und Zelter

In der Tat war es Goethe wichtig, einen engen Vertrauten zum Austausch über musikalische Fragen zu haben und von dessen Verständnis zu profitieren. Goethe und Carl Friedrich Zelter verband eine lebenslange Freundschaft.

Die Behauptung, Goethe habe in Sachen Musik nur auf Zelter gehört, kann Dietlinde Küpper schlüssig widerlegen. Beide waren nicht unbedingt immer einer Meinung, und der angeblich so altmodische Zelter legte Gedichtvertonungen vor, die garantiert nicht Goethes Vorstellungen entsprachen.

Goethe und Schubert

Wie war es jetzt mit Franz Schubert und dessen Goethe-Vertonungen. In der Tat hat Schubert zweimal versucht, mit Goethe in Kontakt zu treten. Zunächst hatte er ihm sechzehn seiner Lieder geschickt. Nur war da Schubert noch ein unbekannter Komponist, und Goethe, der stapelweise Zusendungen erhielt, schickte alles kommentarlos zurück. Beim zweiten Versuch war Pech im Spiel: Goethe war krank.

Immerhin hat Goethe Schuberts "Erlkönig"-Vertonung gehört, sogar zweimal! Beim ersten Mal hat es ihm gar nicht gefallen, beim zweiten Mal war er immerhin vom Vortrag beeindruckt, fand die Imitation des Pferdegetrappels in der Klavierbegleitung vortrefflich, meinte aber dann doch, das Schauerliche der Ballade sei bis zum "Grässlichen" getrieben.

Nein, das war nicht Goethes Musik. Aber war das nicht eher ein Generationenproblem? Goethe ist über 80 Jahre alt geworden und war in seinem Musikgeschmack entsprechend vorgeprägt, als er auf Beethoven (1 Generation jünger), dessen Musik ihm auch nicht durchgehend gefiel, und Schubert (2 Generationen jünger) traf.

Differenziert und detailreich

Was bleibt? Goethe ist mit der Musik nie ganz vertraut geworden. Dietlinde Küpper weist zur Begründung darauf hin, dass er ein Augenmensch war. Ein ganz anderes Verhältnis hatte er etwa zu Architektur und Malerei – Goethe selbst hat hervorragend gezeichnet. Auch Goethes konservativen Musikgeschmack kann man nicht in Abrede stellen. Und allzu große Eigenwilligkeit von Komponisten schätzte er ebenfalls nicht.

Aber immerhin hat sich Goethe wirklich für Musik interessiert, wollte sie kennenlernen, sie verstehen, sie war ihm wirklich wichtig. Das wird in dieser differenzierten und detailreichen Darstellung deutlich.

Andreas Göbel, rbbKultur

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