Isadora Kosofsky: "Senior Love Triangle"; Montage: rbbKultur
Bild: Kehrer Verlag

Bildband - Isadora Kosofsky: "Senior Love Triangle"

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Es gibt in unserer aufgeklärten Gesellschaft nur noch wenige Tabus. Aber über Intimität, Liebe und Erotik im Alter wird selten gesprochen und berichtet. Jedoch: Warum sollten alte Menschen nicht mehr leidenschaftlich sein und sich nach körperlicher Nähe sehnen?

Die US-amerikanische Fotografin Isadora Kosofsky hat sich auf Spurensuche begeben und dokumentiert in ihrem neuen Fotoband nicht nur den Alltag dreier Senioren, sondern auch – noch so ein Tabu! –, wie sich das Liebesleben der drei Alten in einer nicht immer einfachen Dreiecksbeziehung gestaltet: "Senior Love Triangle", heißt das Fotobuch.

Die drei leben im wohl bekanntesten Stadtteil von Los Angeles: in Hollywood. Aber ihr Leben ist wenig glamourös, im Gegenteil: ihre Renten scheinen kärglich, sie wohnen eher in ranzigen Absteigen als idyllischen Senioren-Residenzen. Sie besuchen sich fast jeden Tag. Einmal unternehmen sie den Versuch, sich ein schickes Appartement zu mieten, aber das wird dann doch nichts.

Immer ist jemand krank, hat einen Unfall oder das Geld geht aus. Und so bleiben die drei jeder für sich in ihren jeweiligen Seniorenheimen und belassen es dabei, sich bei jeder Gelegenheit zu sehen, gemeinsame Ausflüge zu machen, vielleicht einmal ein Hotelzimmer zu nehmen, um ungestört intim zu sein.

Drei beschädigte Seelen

Jeanie ist 81, Adina ist 90, und beide sind die Partnerinnen von William, 84. Wir erfahren nicht genau, wie ihr bisheriges Leben ausgesehen hat, aber William war Soldat der US-Armee und schlüpft, nachdem er eine zeitlang auf der Straße gelebt hat, in einem Heim für Veteranen unter. Jeanie scheint in der Filmbranche tätig gewesen zu sein. Von Adina erfahren wir ganz nebenbei, dass sie aus Europa stammt und dem Holocaust nur knapp entronnen ist.

Es sind drei beschädigte Seelen, die sich gegen ihre Einsamkeit wappnen, indem sie sich zusammentun und sich gegenseitig die körperliche Nähe und Wärme geben, die erst ein Leben lebenswert macht.

Das Geheimnis bleibt gewahrt

Die Fotos haben beileibe nichts Voyeuristisches. Isadora Kosofsky begleitet und beobachtet die drei Alten, dokumentiert, wie die drei beieinander Schutz und Zuflucht suchen, sich auch mal in den Arm nehmen und küssen. Aber wenn es wirklich intim wird, macht sie die Tür zu und bleibt draußen. Sie hat die drei mehr zufällig – über gemeinsame Bekannte und Freunde – kennengelernt, ihr Vertrauen gewonnen und ist dann über mehrere Jahre hinweg fotografisch an ihrer Seite gewesen.

Kosofsky deutet vieles nur an, Alltagsdetails und Lebensumstände sind fotografisch immer nur kurz belichtet, ohne dem Gezeigten das Geheimnis zu nehmen. Ihre dokumentarische Methode ist der Realität verpflichtet, verwandelt aber die Wirklichkeit immer auch in etwas ästhetisch und künstlerisch Neues und Eigenes. Sie ist darauf spezialisiert, uns das Bedrückende und Bedrängende des Lebens und die Angst und Erlösung des Todes vor Augen zu führen, Gewalt und Erniedrigung, aber auch Schönheit und Erhabenheit, die sich im noch so tristen Alltag und einsamen Sterben offenbaren können.

Was kommen muss

Die Fotocollage erzählt eine chronologische Geschichte, man hat das Gefühl, die drei Alten ein Stück ihres gemeinsamen Weges zu begleiten, ihren kleinen Triumphen und liebevollen Zärtlichkeiten beizuwohnen, aber auch ihren großen Niederlagen und dem, was irgendwann kommen muss: und das ist der Tod. Denn auf dem vorletzten von 141 Fotos sehen wir den Grabstein von William. Und auf dem letzten Foto sehen wir zwei einsame, traurige Frauen, die von nun an ohne ihren geliebten Partner weiterleben und wahrscheinlich bis zu ihrem Tod auf das verzichten müssen, was sie zusammen so stark gemacht hat: die Liebe.

Aber auf den Fotos vorher sehen wir die drei, wie sie sich glücklich anstrahlen, auch mal heftig streiten, sich laut anschreien, eifersüchtig sind und ein paar Tränen vergießen. Wie sie müde und verträumt auf dem Teppichboden des Appartements liegen, das William so gern für die drei mieten würde. Wir sehen die Tristesse der Altenheime und die Schönheit der Frauen, die sich schminken und auf die gegenseitigen Besuche freuen. Wir spüren das Flackern und die Erotik, die in der Luft liegt, wenn William eine seiner beiden Frauen umarmt und küsst, oder wenn William nur im Unterhemd und Jeanie nur leicht bekleidet auf dem Bett liegen.

Wir sehen die Spuren des Alters, die Beschwerlichkeiten und Einschränkungen, die Verletzungen nach einem Sturz, den Aufenthalt im Krankenhaus, die Sorgen und Nöte, die Hoffnung, dass morgen auch wieder ein Tag sein möge und sie zusammen wieder die Einsamkeit besiegen können: Aber irgendwann ist auch das natürlich vorbei.

Reportage und philosophisches Essay

Manchmal steht neben einem Foto eine Bemerkung, die einer der drei gemacht hat, eine Frage, eine Lebensweisheit: "Es gibt viele verschiedene Arten der Liebe", sagt Adina einmal. Manchmal ist eine Seite aus dem Notizbuch der Fotografin abgedruckt, in dem sie ihre Eindrücke festhält und die Begegnung mit den dreien zum Anlass nimmt, auch über sich selbst nachzudenken. Und am Ende des Buches sind noch einmal alle Fotos in Briefmarkenformat aufgelistet und mit kurzen Hinweisen versehen, wen und was wir sehen.

So wird der Fotoband zu einer dokumentarischen Reportage und zugleich zu einem philosophischen Essay über die Sehnsucht nach Liebe, die niemals endet und stärker ist als der Tod.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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