Umberto Eco, Der ewige Faschismus © Hanser Verlag
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Essay - Umberto Eco: "Der ewige Faschismus"

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Der italienische Autor Umberto Eco, der mit "Der Name der Rose" literarisch unsterblich geworden ist, wurde zeitlebens nicht müde, vor Populisten und Nationalisten zu warnen. "Der ewige Faschismus" heißt eine Sammlung seiner Essays, die jetzt im Hanser Verlag erschienen sind.

Wer dachte, der Faschismus sei ein längst verblichenes historisches Phänomen, wird gerade eines anderen belehrt. Der Faschismus hat sich nur neue Namen zugelegt und tritt als "Front National", "Lega Nord" oder "Alternative für Deutschland" auf. Ein führender Politiker der AfD, die in Thüringen die Wahl des Ministerpräsidenten zur demokratischen Farce gemacht hat, darf per Gerichtsbeschluss als "Faschist" bezeichnet werden.

Vorträge und Artikel zu aktuellen Anlässen

Die fünf Aufsätze hat Eco zwischen 1995 und 2012 verfasst, es sind Vorträge und Artikel zu aktuellen Anlässen, Mitschriften von Reden, die er auf Kongressen und Symposien gehalten hat. Einige sind bisher noch nie ins Deutsche übersetzt worden. Roberto Saviano, der als mutiger Kämpfer gegen die Mafia, und als Aufklärer über die Verflechtung von Verbrechen und Politik bekannt geworden ist, hat ein Vorwort beigesteuert.

Saviano ist ganz bei Eco, wenn der in dem titelgebenden Essay behauptet, der Faschismus sei immer da und nie verschwunden gewesen. Denn Eco weiß, wovon er spricht, er ist unter Diktator Mussolini aufgewachsen, er weiß, was es heißt, sich die Freiheit des Individuums und des Wortes zurückerobern zu müssen, die für ihn als Autor und Literatur-Professor das allerwichtigste ist.

In seinem Aufsatz über den "ewigen Faschismus" betont Eco, dass dem italienischen Faschismus etwas Chaotisches und Widersprüchliches anhaftete, dass er nicht - wie der deutsche - eine dezidierte Philosophie hatte, dass er nicht durchgehend totalitär und oft nur bloße Rhetorik, aber trotzdem mörderisch und gefährlich war und sich im italienischen wie in allen anderen Ausprägungen des Faschismus bestimmte Merkmale herausfiltern lassen, die typisch sind für das, was er den "ewigen oder Ur-Faschismus" nennt, Merkmale, die - gestern genauso wie heute - den Faschismus befeuern und immer wieder aufleben lassen.

Traditionalismus und Irrationalismus führen zur "Ablehnung der Moderne"

Ein Merkmal des Ur-Faschismus ist ein "Kult der Überlieferung", man beruft sich auf historische Mythen und angebliche Ur-Wahrheiten, die keinen Widerspruch ertragen und jeden Fortschritt des Wissens ablehnen. Traditionalismus und Irrationalismus führen zur "Ablehnung der Moderne": Kapitalismus und Vernunft sind Verderbnis, Kritik, Vielfalt, Widerspruch sind Verrat.

Der ewige Faschismus ist rassistisch, die Angst vor dem Andersartigen wird instrumentalisiert und ausgebeutet. Der Ur-Faschismus entspringt individueller und gesellschaftlicher Frustration, dem Gefühl abgehängt zu sein. Er appelliert an Fremdenfeindlichkeit und hat eine Obsession für Verschwörung-Theorien. Er kennt keinen Kampf ums Überleben, sondern nur ein "Leben für den Kampf": alle anderen sind Feinde und müssen besiegt werden. Der ewige Faschist wird zum Heldentum erzogen, pflegt einen Todes-Kult und hat kein Problem damit, sich selbst und andere zu vernichten.

Der ewige Faschist spricht, was Orwell in "1984" Newspeak/Neusprech nennt: verarmtes Vokabular und versimpelte Syntax, um komplexes und kritischen Denken zu verhindern. Das Individuum ist nichts, das "Volksganze" ist alles, weil aber nicht das ganze Volk mitreden und mitentscheiden kann (denn Demokratie ist für den ewigen Faschisten nur Geschwätz und das Parlament eine Quasselbude), muss ein "Führer" den Willen des Volkes interpretieren. Wenn man auf Björn Höcke und seine AfD blickt, riecht es ziemlich unangenehm nach dem "ewigen" und dem "Ur-Faschismus".

Die Migration des dritten Jahrtausends

In den anderen Essays spricht Eco über "Die Migration des dritten Jahrtausends" und stellt klar, dass kein Rassist und kein reaktionärer Nostalgiker wird verhindern können, dass die "Große Wanderung", die uns Enzensberger schon Anfang der 1990er Jahre prophezeite, unaufhaltsam kommen wird. Dass es nicht mehr darum geht, Mauern und Schutzzäune zu bauen, um Menschen abzuwehren, die aus Kriegsgebieten und Armutsländern nach Europa kommen wollen, sondern nur noch darum, wie wir Europa als multi-ethnischen und multi-kulturellen Kontinent neu bauen, wie wir das Aufeinandertreffen der verschiedenen Kulturen möglichst gewaltfrei gestalten können.

In einem anderen Beitrag macht Eco deutlich, dass "Intoleranz" jeder Doktrin vorausgeht, sie etwas Rohes, Wildes und Instinktives hat, als Angst vor dem Anderen im Menschen schlummert und in der Hexenjagd und im Antisemitismus schnell und bösartig vom Ur-Faschisten aktiviert werden kann: Wenn Intoleranz zur Doktrin wird, ist sie aber nicht mehr zu besiegen und endet fürchterlich.

Eco macht Vorschläge, wie der "ewige Faschismus" besiegt werden könnte

Eco macht ein paar Vorschläge, wie Rassismus, Intoleranz und der "ewige Faschismus" besiegt werden könnte: In einem Essay setzt er zu einer Hymne auf Europa an, preist die Segnungen der EU, die seit Jahrzehnten dem Nationalismus und dem Rassismus den Krieg erklärt hat und für dauerhaften Frieden in Europa sorgt. In einem anderen Beitrag berichtet er von einem Projekt namens "Transcultura", bei dem Wissenschaftler verschiedener Kulturen miteinander ins Gespräch kommen, sich gegenseitig beobachten und aufzeigen, wie unterschiedlich man auf die gleichen Erfahrungen reagieren kann: Es geht bei "Transcultara" darum zu verstehen, was uns trennt und wie wir die Andersartigkeit akzeptieren können.

Eco betont immer wieder die zentrale Rolle der Erziehung, fordert, pädagogische Mittel zu entwickeln, um andere Mentalitäten und Lebensweisen besser zu verstehen und zu akzeptieren, den Menschen zur Klugheit zu erziehen, ihn zu befähigen sich zu beherrschen und sich durch den Gebrauch der Vernunft zu disziplinieren. Doch er macht sich keine Illusionen: "Erwachsene Menschen, die aus ethnischen und/oder religiösen Gründen aufeinander schießen, zur Toleranz erziehen zu wollen, ist Zeitvergeudung. Zu Spät. Die rohe Intoleranz muss an der Wurzel bekämpft werden, durch permanente Erziehung, die im zartesten Alter beginnt, bevor sie zu einer Doktrin gerinnt und eine zu dicke und harte Verhaltenskruste wird.

"Wir müssen wachsam bleiben", mahnt Eco, denn der "Ur-Faschismus ist immer noch um uns" und kann in "verschiedensten Gewändern daherkommen". "Es ist unsere Pflicht", sagt Eco, "ihn zu entlarven und mit dem Finger auf jede seiner neuen Formen zu zeigen, jeden Tag, überall in der Welt", denn Freiheit und Befreiung, dass weiß Eco seit Kindertagen unter Mussolini, "sind eine niemals endende Aufgabe".

Frank Dietschreit, rbbKultur

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