Wiglaf Droste Tisch und Bett © Verlag Antje Kunstmann
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Gedichte - Wiglaf Droste: "Tisch und Bett"

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Am Anfang: lauter Liebesgedichte, jene literarische Gattung, die so persönlich gefärbt ist wie sonst nur Tagebücher. Und tatsächlich zeigt sich Wiglaf Droste unverstellt verliebt und enthusiastisch, erotisch erstrahlt und bejahend. Manchmal klingt es, als hätte er sich von der Geliebten gerade erst ab- und der Tastatur zugewandt.

Dabei ist ihm der realistische Aspekt im libidinösen Treiben nicht fremd, etwa in dem Gedicht "Morgenfreuden": "Mein Körper roch noch etwas abgestanden, / ich wusste, so kann er bei dir nicht landen, so muffig und fade / und das wär doch schade!"

Merke: Erst Dusche, dann Koitus. Der bejahende und lebensfrohe Ton ertönt ebenfalls, wenn Droste über Garten, Wetter, Blumen und Vögel, über die Jahreszeiten und den Mond dichtet. Auf die Natur und die Liebe – und vielleicht noch auf Borussia Dortmund und Ostwestfalen, seine Heimat, "wo ich wechkomm" – lässt Droste nichts kommen. Auch Reisen in den Süden, die Ferne und Frankreich findet er gut.

In "Tisch und Bett" knöpft er sich die Rechten vor

Das Lyrisch-Weiche war natürlich nicht das Hauptmerkmal in Drostes Schaffen – im Gegenteil. Droste hat es vor Jahrzehnten dreimal zum Rauswurf aus der Taz gebracht. Er hat Bräsigkeit und Indolenz stets auch im eigenen, dem mehr oder weniger linken Lager attackiert und auf politische Korrektheit laut gepfiffen. In "Tisch und Bett" knöpft er sich allerdings die Rechten vor, namentlich die AfD. Aus Deutschland "Gau-Land" zu machen, Gau-Land mit Bindestrich, ist ein minimalinvasiver Eingriff mit Aussagekraft. Der direkte Angriff gilt dann Alexander Gauland selbst:

Zivilisiert wird Gauland nie,

wenn er auch so tut, und wie!,

kriegt man Vaterlands-Phobie,

Deu-und-Gautschland-Allergie

gegen völkisches Bläh-Bläh

und Identitäterä.

Gegen Leute, die "Alles gut" sagen

Die Liste derer, über die Wiglaf Droste ansonsten seinen Kübel ausgießt, ist lang: Er witzelt und äzt gegen religiöse Fundamentalisten, Leute, die immer "Alles gut?" fragen und "Alles gut!" sagen, gegen den Hype um Leipzig, gegen Badelatschen-Menschen, Mikado-Stäbchen-Frauen und alle, die ins Digitale abgewandert sind. In diesem Punkt lässt der Analog-Freund Droste keine Alternative zu: "Willst du die Birne aus dem Hirne nicht verlieren, / musst du dich internetzig absentieren."

Die Gedichte sind fein, subtil, dreist und anarchistisch

Kaum nötig zu sagen, dass der Poet Wiglaf Droste kein Hölderlin-Eichendorff-Rilke sein wollte und noch viel weniger ein Durs Grünbein. Droste dichtet mal fein und subtil, mal dreist und anarchistisch, er erzwingt unmögliche Endreime durch brutale Folter von Silben und Buchstaben. Er übt sich in der – ein tolles Wort - "Kampfkunst Heiterkeit".

Und er nutzt viele Formen: vom Lehr- und Sinngedicht bis zum Kalauer, von der Liebeslyrik bis zum Pamphlet, vom Apercu bis zum Haiku. Unter qualitativen Gesichtspunkten lässt Droste zwischen genial und peinlich keine Zwischenstufe aus. Kurze Sentenzen sind sein Ding: "Das übelste von allen Übeln / ist das Grübeln. Er kann herrlich übertrieben übertreiben: Ein Frau siehst du, mit einem Mund, für die der Papst den Petersdom niederbrennen würde, / in seinem ersten und einzigen lichten Moment".

Nabokov wäre zufrieden gewesen, hätte er diese Beschreibung zu Papier gebracht: "Die Zugvögel ziehen dem Himmel einen V-Ausschnitt-Pulli an". Und dann, hier und da, ein Totalabsturz. So erfreulich es ist, dass Droste erbarmungslos albern sein kann – manchmal ist es zum Fremdschämen, etwa im "Anti-Gripp-Grapp-Vodoo": "Dem Virus folgt sehr gern heimtürkisch das Bakterium, /doch kommt selbst dieses irgendwann ins Klimakterium".

Das ist Murks, den keine Schülerzeitung, die auf sich hält, abdrucken darf. Und ein Signal, dass der Murks quasi murks-reflexiv zu verstehen ist, gibt es nicht. Andererseits: Das Phänomen FC Bayern München ein für alle Mal völlig korrekt mit dem Satz "Großes Geld trifft kleines Glied" zusammenzufassen, das sorgt nicht nur in Dortmund für grelle Lebensfreude.

Von existenzieller Bangigkeit ist wenig zu spüren.

Droste, dessen Trunksucht aus mancher, durchaus klagender Zeile spricht, wurde nur 57 Jahre alt. Einige wenige Gedichte kreisen um Vergänglichkeit, Sterben und Tod, darunter eines der längsten des ganzen Buches: "Mein Freund Hein". Das lyrische Ich lädt den Freund Hein erst mal locker auf ein geistiges Getränk ein und gibt sich besorgt, weil Hein blass und schmal geworden ist: "Und hast du, mein schwarzer Riese / eine fiese Mid-death-Krise?"

Von existenzieller Bangigkeit ist wenig zu spüren, wenn Droste unkt, der Tod sei "der letzte Demokrat". An anderer Stelle heißt es fast schon esoterisch: "Umarme ihn, den Freund, und sieh! / er fühlt sich ganz genauso an wie die Umarmung einer zärtlichen geliebten Frau." Das ist vermutlich zu schön, um wahr zu sein. Aber man hofft für Droste, dass er so gestorben ist.

Aufs Ganze gesehen ist "Tisch und Bett" ein starker Mix, in dem die Zutat Lebenslust überwiegt. Wiglaf Droste dürfte gewusst haben, dass Martin Heidegger den Menschen als "Lichtung des Seins" beschrieben hat. Umso schöner seine Maxime: Und nun zurück zur Dichtung, die weist uns die Richtung zur Lichtung.

Arno Orzessek, rbbKultur

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