Der Blick von oben © Dumont Verlag
Bild: Dumont Verlag

Fotoband - Agata und Pierre Toromanoff: "Der Blick von oben. Unsere Erde aus der Drohnen-Perspektive"

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Wenn wir in den Zeiten der Corona-Krise soziale Kontakte meiden und am besten nicht mehr vor die Tür gehen sollen, wächst unser Drang nach Bewegung und Freiheit genauso schnell wie unser Fernweh und unser Reisefieber. Da wir aber derzeit nur in unseren Gedanken verreisen und nur in unserer Fantasie die Welt erkunden können, ist vielleicht ein soeben erschienener Bildband hilfreich, unseren eingeschränkten Horizont zu erweitern und die Erde einmal ganz neu und anders zu erleben.

Bei den 200 Fotos, die von 100 verschiedenen Fotografen gemacht und dann von den Toromanoffs zu einem Bildband komponiert wurden, geht es darum, die Schönheit der Natur, die Einzigartigkeit der Erde zu dokumentieren, aber auch darum zu zeigen, wie der Mensch durch städtebauliche Verhunzung, landwirtschaftliche Ausbeutung und ökologische Verfehlungen dabei ist, diese Schönheit und Einzigartigkeit zu zerstören.

Da man beides - Schönheit und Verschandelung - am besten sehen kann, wenn man nicht direkt davor oder mittenmang steht, sondern wie ein Vogel über den Gebirgen, Wüsten, Flüssen, Städten und Kulturdenkmälern schwebt und sie in ihrer ganzen Pracht und Verletzlichkeit, ihrem Glanz und ihrer Hässlichkeit sieht und Details herausarbeiten kann, die sonst im Verborgenen liegen, ist die Drohnen-Fotografie immer wichtiger geworden: Man kann mit Hilfe von Drohnen nicht nur Bomben abwerfen und Feinde ausspähen, sondern auch ganz nah heran an die Dinge und Phänomen, viel näher als mit Flugzeugen, Hubschraubern oder mit einem Heißluftballon.

Man kann mit der Drohnen-Kamera neue Blickwinkel ausprobieren, sich in enge Schluchten stürzen, knapp über Baumkronen hinweggleiten, über einen ausbrechenden Vulkan sausen, parallel mit den Vögeln mitfliegen. Diese "fliegenden Kameras" sind wendig und flexibel und inzwischen für fast jeden Geldbeutel erschwinglich. Deshalb sind die Fotos des Bildbandes denn auch sowohl von Hobby- als auch von Profi-Fotografen gemacht. 

Bekannte Städte, Bauwerke und Landschaften mit neuem Blick

Die Kameras fliegen einmal um den Globus, sortiert sind die Fotos nach Kontinenten: wir schweben über Europa und Amerika, Asien, Afrika und Australien. Die Drohnen fliegen über viele der Städte, Bauwerke und Landschaften, die wir gut zu kennen glauben und jetzt doch ganz neu sehen: den Canal Grande Venedig und die Elbphilharmonie in Hamburg, die Tower Bridge in London, die Inka-Stadt von Machu Picchu in Peru und das Opernhaus in Sydney. Erst aus dieser Vogelperspektive erkennt man das ganze Ausmaß der Dinge, die architektonische Eleganz, die zeitlose Schönheit menschlichen Kreativität.

Aber viel faszinierender ist es, wenn die Kameras über menschenleere Wüsten in Saudi-Arabien fliegen und feinste Sandstrukturen und wandernde Dünen kenntlich machen; eine sich den verschneiten Berg hoch schlängelnde Straße in Rumänien sieht aus, als würde man durch ein Mikroskop auf einen geheimnisvollen Virus schauen; ein Lavendel-Feld in der Provence erinnert an impressionistische Bilder von Claude Monet; bei den in verschiedenen Rot-Tönen leuchtenden Salinen in Griechenland denkt man an kubistisch-abstrakte Bilder von Piet Mondrian; beim Blick auf eine Fischzucht in Griechenland sieht man im türkis schimmernden Wasser viele rote, gelbe, grüne, blaue Kreise und Punkte und denkt man an Bilder von Paul Klee; eine durch die Sahara ziehende Kamelkarawane sieht von oben aus wie eine in den Sand gelegte Perlenkette; und die in azurblauem Meer planschenden und an einem Strand in Italien unter bunten Schirmen faul räkelnden Menschen sehen aus wie harmlose kleine Spielzeugwesen, aber wir wissen natürlich alle, dass der Mensch - leider - gerade dabei ist, unsere Erde vollends zugrunde zu richten.

Verstörende Ästhetik

Die Fotos erzählen auch davon, wie der Mensch zum ökologischen Monster wird und zeigen, dass selbst noch die Zerstörungswut eine verstörende Ästhetik hat: Wenn man von oben auf den Großstadt-Dschungel von Hongkong blickt, sieht man viele in den Himmel ragende bleistiftdünne Hochhäuser und mag sich kaum vorstellen, wie so viele Menschen auf so engem Raum, ohne Licht und Luft, leben können.

Wenn man von oben auf das nächtliche flirrende Gewirr der Schnellstraßen in Bangkok schaut, glaubt man, da würde gerade jemand mit dicken Pinseln das Weichbild der Stadt übermalen, und man kann sich nur an den Kopf fassen, wie man eine Stadt so zerstückeln und verschandeln kann. Und das Drohnen-Foto vom Lake Michigan in Milwaukee/Wisconsin ist so schrecklich-schön, dass einem der Atem stockt: herrlich türkis-blaues Wasser stößt direkt auf eine schwarze, giftige Masse, eine ölverschmierte Flüssigkeit, die den See zu einer ökologischen Wüstenei macht. Aber wahrscheinlich würde Umwelt-Verächter und Klima-Leugner Trump auch dieses aufrüttelnde Foto als Fake News abtun.

Eine Reise in 200 Fotos um die Welt

Erst dürfen wir die großformatigen, immer über eine Doppelseite gehende Fotos in ganzer Herrlichkeit genießen und in ganzem Schrecken aufsaugen, dann, immer am Ende eines kontinentalen Überflugs, werden die Bilder noch einmal in Briefmarken-Format aufgelistet und mit Zusatz-Infos versehen. Deshalb weiß der Betrachter dann auch, was es mit den seltsamen Feen-Kreisen auf sich hat, die sich über viele Kilometer in der Wüste von Namibia ausbreiten und die man nur von oben sehen kann: verantwortlich dafür sind unterirdisch lebende Termiten.

Oder man erfährt, warum der Strand von Roebuck Bay in Australien rosa und die Felsen rot leuchten: das liegt roten Mikroorganismen im Wasser, die nach dem Absterben an Land gespült werden und Sand und Felsen rosa und rot färben. Wir erfahren etwas über die Pyramiden im Sudan und die Olivenhaine in Marokko, den glühend heißen Krater von Karakum in Turkmenistan, in den wir hineinblicken, wie in den Schlund einer feurigen Hölle. Mit einem Wort: wir reisen nicht in 80 Tagen, sondern in 200 Fotos um die Welt, sind unterwegs ohne uns von der Stelle zu bewegen: Abenteuer-Reise in Zeiten von Corona.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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