Edna O´Brien: Das Mädchen © Hoffmann und Campe
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Roman - Edna O’Brien: "Das Mädchen"

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Die große irische Autorin hat mit beinahe 90 Jahren ein unvergessliches, starkes Buch über die Mädchen von Chibuk geschrieben.

Edna O’Brien wurde gleich mit ihrem ersten Buch "Country Girls", das 1960 erschien, zur bestgehassten Autorin Irlands. Der Roman wurde von der Kirche verbannt - und gleich auch verbrannt. Ihren nächsten Büchern ging es nicht besser.

Es lag an der Art, wie O’Brien aus dem weiblichen Leben erzählt: unverblümt, realistisch, emotional. Über Begehren, Verdrängung, Liebe, Unglück, Triumph, Rebellion. Den einen waren ihre Romane zu feministisch, den andern nicht feministisch genug. Die Kritik war nicht zimperlich mit ihr. Aber sie war erfolgreich und auch ziemlich glamourös: Jackie Onassis und Paul McCartney gehörten zu ihren Freunden. Erst, als sie älter wurde, kamen die literarischen Ehrungen. Die großen Preise. Glamourös ist sie noch heute. Aber es gibt auch eine andere Seite.

In der Gewalt von Boko Haram

Ihr letzter Roman, "Girl", erschien 2019, und ist nun auch auf Deutsch zu haben. Er erzählt die Geschichte des Mädchens Maryam, das zusammen mit vielen anderen 2014 von der Terrorgruppe Boko Haram aus ihrer Schule in Chibok entführt wird. Inspiriert ist die Figur von den Erlebnissen mehrerer Mädchen, die aus der Gefangenschaft der Terroristen fliehen konnten.

Maryam ist 15 Jahre alt, als sie morgens aus dem Schulschlafsaal getrieben wird und als Sklavin in einem Urwaldcamp landet. Sie arbeitet schwer, hungert und wird immer wieder vergewaltigt. Schließlich wird sie einem Kämpfer zur Frau gegeben, von dem sie schwanger wird. Kurz nach der Geburt später bietet ihr einen Bombenangriff die Chance zur Flucht. Gemeinsam mit einer Freundin schlägt sie sich wochenlang mit dem Baby durch den Urwald. Die Freundin stirbt an einem Schlangenbiss, Maryam wird von Fulbe-Nomaden gerettet. Doch ihre Heimkehr ist nicht glücklich. Sie hat Unglück über ihre Familie gebracht, man versteckt sie im Haus, ihr wird ihr weggenommen. Maryam muss sich selbst einen Platz auf der Welt suchen.

Recherchen in Nigeria

Um diese grausame Geschichte erzählen zu können, ist die 88-jährige Edna O’Brien nach Nigeria gereist und verbrachte Monate in Gesprächen mit Mädchen in Aufnahmelagern, in den Dörfern, in Klöstern und Schulen. So füllte sie den Roman, erzählt in der ersten Person aus Maryams Perspektive, mit harten Fakten und großer Empathie – und anschaulichen Einzelheiten. Mit entsetzlichen Einzelheiten. Die Stimme Maryams spricht in diesem Buch das Unerträgliche aus, das sie selbst nicht fassen kann, sie spricht weiter, als längst jedes Gefühl verloren und nur noch der zähe Kampf ums Leben geblieben ist. Langsam, sehr langsam, tastet sie sich zurück in das, was vielleicht wieder Normalität werden könnte.

Katharina Döbler, rbbKultur

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