Coexist Franziska Stünkel © Kehrer Verlag
Bild: Kehrer Verlag

Fotoband - Franziska Stünkel: "Coexist"

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Hauptberuflich ist Franziska Stünkel Film-Regisseurin und Drehbuchautorin. Sie hat zum Beispiel den 18-stündigen Dokumentarstreifen "Das Leben der Norddeutschen" gedreht und "Vineta", das Theaterstück von Moritz Rinke, erfolgreich verfilmt. Aber sie ist auch Fotografin und reist seit vielen Jahren mit ihrer Kamera um die Welt. Von ihren neuen Exkursionen hat sie eine Sammlung von Fotos mitgebracht, die sie jetzt in einem großformatigen und opulenten Buch präsentiert: Es wiegt zweieinhalb Kilo und trägt doch nur einen ganz schlichten Titel: "Coexist".

Alle Bereiche des Lebens, der Realität und des Traums, der Wirklichkeit und der Wünsche koexistieren auf diesen Fotos miteinander. Franziska Stünkel zeigt uns, dass die Welt ein riesiges Chaos ist, in dem jeder seinen Platz finden kann, ein Gewusel, in dem die Dinge und Menschen, die Ideen und Sichtweisen völlig unterschiedlich sind - und doch völlig friedlich nebeneinander bestehen und auf wundersame Weise verschmelzen und sich ergänzen können.

Innen- und die Außenwelt vermischen sich

Die Fotos dokumentieren, dass friedliche Koexistenz, die Politiker in ihren Reden gern beschwören, möglich ist, dass sie längst existiert: man muss nur genauer hinsehen. Genau das macht Franziska Stünkel: Sie blickt mit ihrer Kamera auf Schaufenster: von Hotels, Restaurants, Büros - und zeigt uns, wie sich dabei die Innen- und die Außenwelt zu einer neuen, faszinierenden Wirklichkeit vermischen und verdichten kann. Sie hält mit der Fotokamera die natürlichen Reflexionen auf den Fenstern fest: wir sehen durch die Spiegelungen, was sich in den Räumen und auf der Straße abspielt.

Man hat das Gefühl, die Menschen, Häuser, Autos, Bäume usw. sind zugleich drinnen und draußen, alles kommuniziert und koexistiert miteinander. Fotografie und Architektur, Malerei und Philosophie, Vergangenheit und Gegenwart, alles durchdringt sich in diesen Fotos, die einen flüchtigen Moment festhalten, der aus Spiegelung und Licht, Leben und Utopie besteht und manchmal anmutet wie ein abstraktes Bild, in das man sich nur allzu gern hinein fallen lassen möchte.

Koexistenz von gegensätzlichen Dingen

Auf einem Foto sieht man, wie in einem Restaurant unzählige Menschen ihre Suppe Löffeln und ihre Teller leeren, während gleichzeitig unzählige Menschen, die ja eigentlich draußen auf der Straße vorbei laufen, durch den Raum zu flanieren scheinen; die Motorräder und Autos scheinen von draußen nach drinnen gezaubert und mitten durchs das gemütliche Essen zu knattern, auch die Leuchtreklamen und Werbeplakate spiegeln sich in den Fenstern und in den Gesichtern und Reistöpfen, alles durchdringt sich, Ruhe und Bewegung, Arbeit und Freizeit: alles verschmilzt und wird zu einem friedlichen Miteinander in einer total chaotischen Welt.

Auf einem anderen Foto schauen wir durch einen Glas-Pavillon auf einen Fluss und eine Stadtlandschaft: im Pavillon dreht sich ein Karussell mit Holzpferden, aber auch der Fluss, die Häuser und die Brücken scheinen sich im Pavillon zu befinden und sich fröhlich miteinander im Kreis zu drehen. Ein anderes Bild erweckt den Eindruck, als würden die Schiffe, die da gerade in einen Hafen einfahren, gleich in dem Restaurant vor Anker gehen, dort wo die Tische schon gedeckt sind auf auf hungrige Gäste warten.

Auf einem Bild scheint ein Wasserfall durch einen Raum zu fließen; auf einem anderen glaubt man, die Frau, die in ihr Buch versunken ist, und der Mann, der versonnen auf sein Handy starrt, würden gleich vom vorbei rauschenden Verkehr verschluckt: aber es besteht keine Gefahr, sie sitzen ja drinnen, geschützt, in einem Café, der Verkehr spiegelt sich nur auf den Fensterscheiben und verbindet sich visuell mit ihnen zu einer Gesamtschau der Gleichzeitigkeit, der Verdichtung und Koexistenz von Dingen, die gegensätzlicher nicht sein könnten und doch - irgendwie - zusammen gehören.

Rätselhaftes und geheimnisvolles Fotobuch

Franziska Stünkel hat eine kleine, handliche Kamera, ohne viel Schnickschnack: eine Leica M9, mit der man nicht lange herum fummeln muss, sondern super schnell auf die Situationen, das Licht, die Spiegelung reagieren kann: denn es geht um den einen kurzen Moment, in dem sich alles entscheidet, schon eine Sekunde später hat sich das Licht verändert, spiegeln sich andere Dinge im Fenster, ergibt die konfuse Gemengelage ein völlig neues Bild.

Um sich nicht selbst im Fenster zu spiegeln und mit auf den Fotos zu erscheinen, fotografiert sie immer von der Seite, nie direkt oder frontal in die Fenster hinein. Sie belässt die Fotos wie sie sind: es gibt keine Nachbearbeitung, keine Manipulationen. Sie muss sich eine ausgetüftelte Handhabung zurecht ausgedacht haben, eine fast gymnastische Haltung der Arme und Hände beim Halten der Kamera und beim Auslösen der Fotos, denn sonst wäre sie ständig selbst auf den Fotos zu sehen: ist sie aber nicht, nie, das heißt: ein einziges Mal, da könnte sie es selbst sein, die sich da als verschwommener Schatten abzeichnet, visuell überlagert von Spiegelungen, von Wasser und Holzbohlen in einem Hafen, aber man weiß es nicht so genau, es bleibt ein Rätsel, wie so vieles in diesem rätselhaften und geheimnisvollen Fotobuch.

Die friedliche Koexistenz

Von Franziska Stünkel kein erklärendes Wort, nur eine Danksagung und der Hinweis, dass sie das Fotobuch allen Menschen widmet, "die sich für eine friedliche Koexistenz einsetzen". Es gibt auch kein Verzeichnis, aus dem man erfahren könnte, wo sie wann welches Fotos geschossen hat: ein kleiner Nachtteil für notorisch neugierige Menschen. Dafür ergreifen aber einige andere Autoren das Wort: In einem intellektuell anregenden und graphisch wunderschön gestalteten Textteil, der zwischen die Fotos geheftet ist, denken Schriftsteller und Biologen, Psychologen und Anthropologen über den Begriff der Koexistenz nach, über Glück und Angst, Identität und Heimat, Künstliche Intelligenz und Sex-Roboter.

Und Moritz Rinke entwirft zum Abschluss eine schöne Vision: Er ist in Ost-Jerusalem und beobachtet zwei palästinensische Kinder, wie sie ihre Drachen steigen lassen, ein jüdisches Mädchen kommt vorbei, schaut fasziniert zu. Da nimmt eines der palästinensischen Kinder ihre Hand, legt die Drachenschnur hinein und fordert sie auf, doch einfach mitzumachen: Kinder kennen keinen Hass, sondern nur das unschuldige Miteinander, wenn es nach ihnen ginge, würde die friedliche Koexistenz verschiedenster Menschen und Religionen eher heute als morgen Wirklichkeit werden.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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