Die Villa © Rowohlt Verlag
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Erzählung - Hans Joachim Schädlich: "Die Villa"

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Immer wieder hat sich der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich mit totalitären Systemen auseinandergesetzt. Systemkritisch ist auch sein neues Buch "Die Villa", das ganz ohne Gattungsbezeichnungen wie "Roman" oder "Erzählung" auskommt. Es handelt von der Geschichte einer Familie aus dem Vogtland in den Jahren des NS-Regimes und der unmittelbaren Nachkriegszeit.

An derlei Erzählungen herrscht in der Literatur der letzten Jahre kein Mangel. Warum das so ist, erklärt vielleicht der berühmte Satz von Tolstoi: "Alle glücklichen Familien gleichen einander; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich." In Zeiten von Krieg und Diktatur bleibt keiner vom Unglück verschont.

So auch hier: Hans Joachim Schädlich hat mit der Familie Kramer eine eigene Art von Unglück in den Blick genommen, vor allem aber hat er eine Art des Erzählens über das Unglück gefunden, die durchweg eigenständig wirkt.

Vogtländische Aufsteigerträume

Ganz so großbürgerlich wie in Thomas Manns "Buddenbrooks" geht es bei dieser Kaufmannsfamilie nicht zu, auch deshalb, weil die Zeitläufe tief in das private Glück hineinpfuschen. Hans Kramer, der Vater, kommt aus kleinen Verhältnissen. Er hat eine Ausbildung zum Drogisten absolviert, dann ist er in die Firma des Schwiegervaters eingestiegen, eines Wollhändlers. Er reüssiert, zieht aus dem Dorf, wo er wohnt, in die nächste Kreisstadt, wo er sich auf Pump ein herrschaftliches Haus gekauft hat – der Traum eines Aufsteigers.

Die Gründerzeitvilla aus dem Jahr 1890 gibt dem Buch den Titel. Gleich zu Beginn wird sie beschrieben: lakonisch, aber eindrucksvoll, fast wie eine eigenständige Protagonistin, die sie im Grunde auch ist. Dort zieht Hans Kramer im Jahr 1940 ein, mit seiner Frau Elisabeth, drei Söhnen und einer Tochter. Hausmeister, Kindermädchen und Hausmädchen gehören anfangs ebenfalls zum Haushalt.

Lakonie und Tragikomik

Lakonisch ist auch, was er unter die Nachricht schreibt, mit der er seinen Kunden den Umzug mitteilt. Fünf Wörter nur, die in dieser Aneinanderreihung fast schon tragikomisch wirken, weil sie den Wahnsinn der Zeit so intensiv bündeln: "Heil Hitler! Hans Kramer, Wolle".

Hier ist sie wieder, die Banalität des Bösen. Zur ihr gehört auch, dass man bisweilen zu spät erkennt, selbst zum Bösen gehört zu haben. Hans Kramer ist schon als ganz junger Mensch dem sogenannten "Völkischen Block" beigetreten, er war NSDAP-Ortsgruppenleiter, er bricht nie offiziell mit der herrschenden Ideologie.

Ein anderer Existenzernst

Aber je länger der Krieg dauert, desto nachdenklicher wird er. Er erfährt von den Konzentrationslagern, Stalingrad gibt ihm zu denken. Kurz bevor er seinem Herzleiden erliegt, mit gerade mal Sechsunddreißig, sagt er: "Ich habe meine besten Jahre Verbrechern geopfert."

Auch die scheinbar schonungslose Aussage ist geschönt. In Wahrheit hätte sie lauten müssen: Ich habe in meinen besten Jahren Verbrecher unterstützt. Doch diese Schlussfolgerung überlässt Hans Joachim Schädlich wohlweislich dem Leser. Über Schuld und Unschuld zu dozieren, sieht er nicht als Aufgabe seines Buches.

Eher schon hat sich das Ziel gesteckt, das Lebensgefühl jener Jahre zu vermitteln. Ein anderer Existenternst, auch eine andere Härte gegenüber sich selbst und anderen, als wir sie heute kennen, kennzeichneten – das wird untergründig spürbar – den Alltag damals.

Ein Buch für die Praxis

Das Buch besteht aus kurzen Szenen, oft nur ein, zwei Seiten lang. Die Sätze sind knapp, geradlinig, bisweilen notizhaft. Briefe des Vaters wechseln sich mit kurzen Schilderungen der Mutter ab, aber die eigentlichen Hauptfiguren sind die drei Söhne, deren Kindheitserinnerungen in kleinen, anekdotischen Splittern mitgeteilt werde. Man ahnt: Das ist wirklich erlebt, einer von diesen Jungen könnte der Autor gewesen sein. Fest ist das Buch in der Lebenswelt des Vogtlands verwurzelt, aus dem auch Schädlich stammt.

"Die Villa" ist kein Buch für verwöhnte Literaturgourmets, sondern ein Buch für die Praxis. Junge Menschen sollten es lesen, am besten schon in der Schule. Es dramatisiert nicht, es verharmlost nicht und – ganz wichtig bei Schülern – es biedert sich nicht an!

"Die Villa" ist ein rundum empfehlenswertes Buch über eine schwierige Zeit, die wir vielleicht nie ganz verstehen werden.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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