Michel Abdollahi Deutschland schafft mich © Hoffmann und Campe
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Sachbuch - Michel Abdollahi: "Deutschland schafft mich"

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Michel Abdollahi wurde 1981 in Teheran geboren und kam schon als kleines Kind nach Deutschland. Er studierte Jura, ist in der Poetry-Slam-Szene aktiv, moderiert Talk-Shows im NDR und ist für seine Reportagen mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet worden. Jetzt hat ein neues Buch geschrieben.

Das erinnert an Tilo Sarrazin und dessen Buch "Deutschland schafft sich ab": Die Analogie ist gewollt, denn das Buch war für Michel Abdollhi ein Schlag ins Kontor, der Anfang vom Ende seiner lang gehegten Illusion, dass er jemals hier als Deutscher anerkannt und geschätzt werden, der Illusion, dass er als dunkelhäutiger Mensch irgendwann nicht mehr ständig danach gefragt wird, woher er kommt, dass er als Moslem (der so gut nie in die Moschee geht und dem die Religion im Alltag völlig schnurz ist) sich nicht mehr ständig vom religiösen Fanatismus und dem Terror einer kleinen Minderheit distanzieren muss, bevor es ihm überhaupt erlaubt wird, am gesellschaftlichen Leben und am politischen Diskurs teilnehmen zu dürfen.

Sarazzins Kampfschrift, die mit an den Haaren herbeigezogenen Pseudo-Statistiken und verrückten Pseudo-Argumenten beweisen wollte, dass Moslems aus angeblich biologischen Gründen unmoralischer und dümmer sind als andere Menschen und nur darauf aus sind, den Westen zu erobern. Deutschland als christlich geprägtes Land zu überrollen und abzuschaffen, war für Abdollahi der Dammbruch, der das ohnehin fragile politische Klima in Deutschland nachhaltig vergiftet hat.

Es war für ihn der Startschuss für offenen Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, für einen Rechtsradikalismus, der lange nur verborgen war und durch die AfD und Faschisten wie Björn Höcke dabei ist gesellschaftsfähig zu werden und die Demokratie zu zerstören. Abdollahi stellt fest: "Tatsächlich hat sich auch zehn Jahre nach Sarrazins Buch Deutschland immer noch nicht abgeschafft. Aber es ist auf dem besten Weg, das nachzuholen. Nur nicht durch die, die Sarrazin für alles Übel verantwortlich macht, sondern durch die Geister, die er rief."

Die Lügen des Rechtsradikalismus

Michel Abdollahi geht zum Gegenangriff über: Er hat keine Lust mehr, mit Faschisten über ihre menschenfeindlichen Meinungen zu diskutieren; er lehnt es ab, ihnen in Talkshows und politischen Debatten zu ermöglichen, ihre abstrusen Ansichten unters Volk zu bringen, sich als Opfer einer angeblichen "Meinungsdiktatur" zu stilisieren, für sich Rechte einzufordern, die sie ihren Gegner nie zugestehen würden, sich ein bürgerliches Mäntelchen umzuhängen, mit dem sie ihre wahren Absichten, nämlich die Zerstörung der Demokratie, nur kaschieren wollen.

Damit wir endlich aufwachen und den Rassismus als Feind der Demokratie erkennen, beschreibt er, mit welchen Lügen es dem Rechtsradikalismus gelungen ist, wieder salonfähig zu werden und den öffentlichen Diskus zu bestimmen, die ökonomische Krise für seine Zwecke auszunutzen, vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise Ängste zu schüren und jeden Fremden zum Vergewaltiger und Bombenleger zu erklären.

Eigene Erfahrungen

Abdollahi erzählt auch immer wieder von seinen eigenen Erfahrungen, berichtet, wie er als Kind nach Hamburg kam, sich an die Sitten und Gebräuche anpasste, Deutsch mit nasalem Hamburger Einschlag lernte und lange die Hoffnung hatte, irgendwann nicht mehr als Fremder behandelt zu werden.

Doch spätestens seit Sarrazins Buch und dem Aufstieg der AfD bekommt er Hass-Mails und Drohbriefe, die einen fassungslos machen: "Geh zurück in dein Land, du Hurensohn. Hau ab", schreibt jemand, ein anderer: "Man sollte dich und deine Familie vergewaltigen, damit du lernst, dass du in Deutschland nicht machen darfst, was du willst." Und besonders erschreckend: "Wenn diese linksgrünversiffte Regierung erstmal abgesetzt ist, bist du der erste, der brennt." Das sind nur die verbalen Entgleisungen des alltäglichen Rassismus, aber Abdollahi zeichnet dann auch noch die Blutspur nach und listet gnadenlos auf, welche Taten und Morde in den letzten 30 Jahren auf das Konto des Rechtsradikalismus gehen.  

Als "Vorzeige-Migrant" zum Hassobjekt der Rechten

Das beginnt mit den Brandanschlägen Morden in Solingen und Mölln, geht weiter mit der Lynchjustiz und dem entfesselten Mob in Hoyerswerda und Rostock, der von Polizei und Verfassungsschutz lange Jahre ignorierten Mordserie des NSU, die unzähligen Überfälle und Brandanschläge auf Flüchtlingsheime, die Anschläge auf Moscheen und Synagogen, die Hinrichtung von CDU-Politiker Walter Lübcke und die Morde in Halle im vergangenen Herbst.

Abdollahi listet auf, wann und wo Polizei und Justiz abwiegelt und verharmlost und manchmal sogar Teil der fremdenfeindlichen Gemengelage und zum Mittäter geworden ist. Nicht nur das rechte Gedankengut, auch der rechte Terror, so sein bitteres Fazit, "ist zu einem strukturellen Merkmal unserer Gesellschaft geworden."

Abdollahi zeigt uns eindrücklich, wie man selbst als journalistisch hoch dekorierter "Vorzeige-Migrant" schnell zum Hassobjekt der Rechten werden kann. Wer die von Abdollahi beschriebenen Beispiele für rassistisches Gedankengut und rechtsradikale Gewalt vor Augen hatte, kann nicht mehr sagen, er habe von nichts gewusst, kann die Gefahr nicht mehr herunter spielen, muss eine Entscheidung treffen, muss Farben bekennen, muss bereit sein, die Feinde der Demokratie zu bekämpfen und vom demokratischen Miteinander auszuschießen.

Es ist ein praktisches Handbuch, mit dem man das verständnisvolle Gesäusel und feige Herumgeeier beenden kann: eine soziologische und psychoanalytische Analyse liefert er aber nicht. Wer die sucht, findet bei anderen Autoren mehr Hilfe, bei Theodor Adorno und den "Aspekten des neuen Rechtsradikalismus", bei Umberto Eco und den Gedanken zum "ewigen Faschismus", bei George Orwell und der Erklärung des "Nationalismus", der wie ein Virus Gesellschaften von innen auffrisst und nach außen unberechenbar macht.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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