Nick Hornby, Keiner hat gesagt © Kiepenheuer & Witsch
Kiepenheuer & Witsch
Bild: Kiepenheuer & Witsch Download (mp3, 4 MB)

Roman - Nick Hornby: "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst."

Bewertung:

Nick Hornby ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Schriftsteller der englischsprachigen Welt. Mit Romanen wie "High Fidelity", "About A Boy" und "A Long Way Down" hat er nicht nur eine große Leserschaft gewonnen, sondern auch die Vorlagen für erfolgreiche Filme geliefert.

In den letzten Jahren hat Hornby immer öfter selbst Drehbücher geschrieben, mehrmals wurde er für den Oscar nominiert. Diesmal ist es umgekehrt: Eine Verfilmung bildete die Grundlage des neuen Buches "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst. Eine Ehe in zehn Sitzungen".

Nick Hornby ist ein Schriftsteller für die Massen, in einem durch und durch positiven Sinn – weil sich mit seinen Hauptfiguren viele Menschen identifizieren können. Er schreibt eingängig, aber nicht trivial, und er zeigt, dass auch in einem ganz durchschnittlichen Leben Drama und Poesie stecken können. Vor allem aber hat er immer einen untergründig liebevollen Blick auf seine Charaktere und das Leben. Und das, ohne jemals kitschig oder gefühlig zu werden.

Es knirscht im Beziehungsgebälk

All das trifft auch auf das neue Buch zu. Eine Alltagsgeschichte, man möchte fast sagen: wie sie gewöhnlicher nicht sein könnte. Ein Mann und eine Frau treffen sich wöchentlich zur Paartherapie, Tom und Louise heißen sie. Sie sind seit fünfzehn Jahren miteinander verheiratet, die Kinder haben die Eierschalen abgestreift, jetzt pirscht sich langsam die Midlife Crisis an, und es knirscht im Beziehungsgebälk.

Sie sind auch ziemlich gegensätzliche Charaktere, die beiden. Sie ist Gerontologin, erfolgreich im Beruf, und liest gern schwedische Krimis. Zur Entspannung sieht sie sich die rührselige Nostalgieserie „Call the Midwife“ an. Er ist Musikkritiker, aber seit einem Jahr arbeitslos, und trägt sich mit Plänen für ein Buch über einen Jazzmusiker, aus denen nichts rechtes werden will.

Bockiger Junge, darbende Gattin

Tom erinnert damit ein bisschen an den Robert aus "High Fidelity". Der war Besitzer eines Plattenladens. So ein etwas schusseliger, aber grundsympathischer Musikliebhaber ist dieser Tom auch: Typ großer, bisschen bockiger Junge. Das kommt bei einer toughen, klugen Frau wie Louise nicht immer gut an. Zu allem Überfluss ist die Beziehung auch noch erotisch erlahmt. Ein Seitensprung der darbenden Gattin hat den Ausschlag gegeben: Nun soll die Paartherapie retten, was zu retten ist.

Zum Mittelpunkt macht Hornby aber nicht die Therapiesitzungen selbst, auch nicht die schwierigen Ehesituationen, die zu ihnen geführt haben. Er wählt, und das ist ein wirklich kluger Schachzug von ihm, einen Nebenschauplatz: ein Pub gegenüber der Praxis der Therapeutin, in dem sich die beiden kurz vor den Sitzungen treffen, um noch etwas zu trinken.

Ich finde eine Neue für dich

Das sind Momente, die zwar nicht unbelastet sind, auf denen aber auch nicht die Hauptlast der Beziehungskrise ruht. Manchmal finden sie hier sogar zu einer Leichtigkeit, die ihnen im täglichen Familientrott längst abhanden gekommen ist. Gerade, dass man sich die Möglichkeit des Scheiterns eingesteht, kann ja auch etwas Entlastendes haben.

Ein Beispiel: Als sich die beiden ausmalen, wer ihre imaginären Partner nach einer möglichen Scheidung sein könnten, macht ihnen das richtig Spaß. Sie albern herum und sind für einige Augenblicke wieder ganz beieinander.

Trotz des ernsten Themas ist also auch für Humor genug Platz – Louise und Tom haben sich einen ironisch-sarkastischen Umgangston angewöhnt, und der kommt uns beim Lesen zugute. Sie sagt zum Beispiel über das Älterwerden: „Vierzig ist wie dreißig, man muss nur öfter ins Fitnessstudio gehen.“ Und er sagt über ihre Schwedenkrimis: „Es kann doch in Skandinavien fast keine Frau mehr geben, die man noch ermorden kann“.

 

Ping-Pong-Spiel der Dialoge

Der Ton ist leicht gehalten. Im Mittelpunkt steht die wörtliche Rede, da bekommen wir ein rasantes Ping-Pong-Spiel der Dialoge geboten, das nie langatmig wird oder gekünstelt wirkt. Das ist wirklich die hohe Kunst der Unterhaltung. Die erzählenden Passagen beschränken sich dagegen auf kurze Regieanweisungen. Das Ganze liest sich wie ein leicht bearbeitetes Drehbuch – und das ist es auch.

Zehn Wochen lang dauert diese Paartherapie, und zehn kurze Episoden hatte auch die britische Fernsehserie unter der Regie von Stephen Frears, die Hornby schrieb und hier als Buch zweitverwertet. Macht zehn kurze, luftige Kapitel von 15-20 Seiten. Und wie es sich gehört: Es setzt eine Entwicklung ein, am Ende hat sich die Beziehung ein bisschen gewandelt. Und wir als Leser haben uns keinen Augenblick unter Niveau amüsiert.

Steffen Jacobs, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit; Montage: rbbKultur
Klett-Cotta

Sachbuch - Wolfram Eilenberger: "Feuer der Freiheit"

Dass ein Philosoph dem Denken von Frauen ein ganzes Buch widmet, ist noch immer selten. Für den Berliner Autor Wolfram Eilenberger sind Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Ayn Rand und Simone Weil sogar "Prophetinnen": so wollte er sein neues Buch ursprünglich nennen. Dass es nun unter dem Titel "Feuer der Freiheit" erschienen ist, passt gut zu Eilenbergers Weltbestseller "Zeit der Zauberer" (2018) und markiert eine Fortsetzung.

Bewertung:
Philip Norman: "Jimi. Die Hendrix-Biografie"; Montage: rbbKultur
Piper

Die Hendrix-Biografie - Philip Norman: "JIMI"

Im "Club 27" sind sie versammelt, die Ikonen der Pop-Musik, die mit nur 27 Jahren den Gefahren des Rock´n´Roll-Lebensstils erlagen - Brian Jones, Jim Morrison, Janis Joplin, Kurt Cobain, Amy Winehouse sind illustre Mitglieder im Rock-Walhalla. Und einer ist ihr Präsident und überragt sie alle: James Marshall - "Jimi" - Hendrix. Zum 50. Todestag des legendären Musikers, dessen virtuoses Gitarren-Spiel bis heute unerreicht ist, erscheint eine neue Biografie mit dem schlichten Titel "Jimi".

Bewertung:
Paul Maar: Wie alles begann; Montage: rbbKultur
S. Fischer

Autobiografie - Paul Maar: "Wie alles kam"

Er ist der Erfinder des Sams – dieses seltsame freche Wesen mit roten Haaren und blauen Punkten im Gesicht, das in das triste Leben des ängstlichen Herrn Taschenbier platzt. Paul Maar hat noch viele andere Kinderbücher geschrieben und selbst illustriert. Nun erzählt er den Roman seiner Kindheit.

Bewertung: